Strikte Erziehung ist kein Problem, Vernachlässigung hingegen schon

Die strikte Erziehung ist über die letzten Jahrzehnte in Verruf geraten, das aber wohl zu Unrecht. Laut den Daten scheint eine strikte Erziehung zwar keine Vorteile im späteren Leben zu bringen, aber zieht im Allgemeinen auch keine nennenswerten Probleme mit sich. Um das zu demonstrieren, hier ein Blick auf drei unabhängige Datensätze, jeweils mit einem Vergleich von strikter Erziehung zu den Auswirkungen von Vernächlässigung im Kindesalter.

Man kann erkennen, dass in diesem Datensatz (n = 215) die Vernächlässigung im Kindesalter mit vielen schwerwiegenden Problemen im Erwachsenenalter assoziiert ist: bei der psychischen Gesundheit, der Beziehung mit Freunden und Familie sowie der Lebenszufriedenheit im Allgemeinen. Auch die körperliche Fitness scheint zu leiden und die Gefahr von Somatisierung deutlich zu steigen. Die strikte Erziehung schlägt jedoch bei keinem dieser Indikatoren an, weder im positiven noch negativen.

In einem weiteren Datensatz (n = 174) ergibt sich ein ähnliches Bild. Während Menschen, die einen hohen Score auf der Vernachlässigungsskala erzielt haben, auch einen geringeren Score auf den Skalen für Optimismus, Schlafproblemen und Identität erzielen, gilt das für Menschen, die eine strikte Erziehung hatten, in keinem der Fälle.

Schlussendlich ein sehr umfangreicher Datensatz (n = 1887), der zeigt dass eine Vernachlässigung im Kindesalter mit emotionaler Instäbilität im Erwachsenenalter assoziiert ist und den Zusammenhang mit späteren Schlafproblemen bestätigt. Auch im Bezug auf Extroversion, Ordentlichkeit und das Einkommen zeigt sich die Vernachlässigung problematisch. Die strikte Erziehung hingegen hat keine bzw. nur eine sehr schwache Korrelation mit all diesen Aspekten.

In diesen drei unabhängigen Datensätzen zeigt die strikte Erziehung, über eine vielfältige Bandbreite an wichtiger Skalen, keinerlei negative oder positive Auswirkungen. So schlecht wie ihr Ruf scheint sie nicht zu sein. Vernachlässigung hingegen, zum Beispiel gemessen daran dass die Eltern sich nicht für die Hobbies oder Schularbeiten der Kinder interessieren, selten zu Hause sind und wenig emotionalen Support bieten, scheint einem Menschen jedoch einen sehr schädlichen Start ins Leben mitzugeben.

Gefühlte Temperatur: Sehr nützliches Konzept, unglücklicher Begriff

In den USA wird beim Wetterbericht neben der tatsächlichen Temperatur auch oft die gefühlte Temperatur berichtet. Der Begriff ist leider sehr unglücklich gewählt, da es den Eindruck hinterlässt, dass es sich hier um eine subjektive Größe handelt. Tatsächlich ist die gefühlte Temperatur eine wohl-definierte physikalische Größe ohne einen subjektiven Aspekt.

Wieviel Wärme ein Köper pro Zeiteinheit verliert, hängt neben der Umgebungstemperatur auch von der Windgeschwindigkeit (oder allgemeiner: Fluidgeschwindigkeit) ab. Bei gleicher Temperatur verliert ein Körper Wärme mit einer umso höheren Rate, je größer die Geschwindigkeit des umgebenden Fluids ist. In physikalischen Gleichungen wird dies so berücksichtigt, dass man den Wärmeübergangskoeffizienten als geschwindigkeitsabhängige Größe auffasst. Empirische Gleichungen sagen, dass der Wärmeübertragungskoeffizient mit der Wurzel der Fluidgeschwindigkeit ansteigt, wobei der Basiswert und die Stärke des Anstiegs (der Faktor vor der Wurzel) von der Art des Fluids abhängig ist.

Von diesem Fakt kann sich jeder ganz leicht in der Badewanne überzeugen und zwar in dem er sehr warmes Wasser einlaufen lässt. Setzt man den Fuß in die Wanne und bewegt ihn nicht, dann fühlt sich das Wasser unangenehm warm, aber noch tolerierbar an. Bewegt man den Fuß, dann fühlt es sich jedoch plötzlich heiß und nicht mehr tolerierbar an. Das liegt daran, dass der Wärmestrom, in diesem Fall von Wasser zu Bein, durch die Relativbewegung tatsächlich deutlich angestiegen ist. Es handelt sich also nicht nur um einen gefühlten (psychologischen) Effekt.

Jetzt kann man die Definition der gefühlten Temperatur leicht verstehen. Es herrscht eine tatsächliche Temperatur T mit der Windgeschwindigkeit v. Diese Kombination erzeugt einen gewissen Wärmestrom P. Bei welcher Temperatur T’ würde sich derselbe Wärmestrom P ergeben, wenn die Windgeschwindkeit v’ = 0 wäre? Diese Temperatur T’ ist die gefühlte Temperatur. Die gefühlte Temperatur sagt also, bei welcher windstillen Temperatur T’ man genauso schnell Wärme verlieren würde bei der aktuellen Temperatur T mit der Windgeschwindkeit v.

Sie ist also eine physikalische Größe, die man rein algebraisch finden kann (sofern die Abhängigkeit zwischen Wärmeübergangskoeffizient und Windgeschwindigkeit vorliegt). Bezüge zu menschlicher Empfindung oder anderen subjektiven Aspekten sind nicht nötig. Entsprechend wäre ein Begriff wie “äquivalente Temperatur” sicherlich etwas glücklicher. Wobei der Begriff “gefühlte Temperatur” zumindest in der Hinsicht treffend ist, dass die Empfindungen “warm” und “kalt” ihren Ursprung im Wärmestrom haben, und nicht etwa der Temperatur.

Auch letzteres ist leicht zu sehen. Meistens sind alle Objekte in einem Raum auf etwa derselben Temperatur. Trotzdem fühlt es sich deutlich kälter an auf Fließen statt auf Teppich zu stehen. Würde man die Temperatur auf direkte Weise spüren, so wäre dieser Unterschied nicht vorhanden. Empfunden wird also immer der Wärmestrom. Genau das ist es, was die gefühlte Temperatur zu einer so nützlichen Größe macht. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass sie in Wetterberichten sinnvoller ist als die tatsächliche Temperatur. Bleibt also zu hoffen, dass deutsche Medien hier nachziehen und auch anfangen, die gefühlte Temperatur zu berichten.

Subjektives Alter – Was beeinflusst, wie alt man sich fühlt?

Über Harvard Dataverse habe ich zwei Umfragen gefunden, in denen die Teilnehmer neben ihrem tatsächlichen Alter auch angeben konnten, wie alt sie sich fühlen. Der kombinierte Datensatz beinhaltet n = 425 Teilnehmer im Alter von 18 bis 76 Jahren, mit einem Mittelwert von 39 Jahren. So sieht es aus, wenn man das gefühlte Alter über dem tatsächlichen Alter aufträgt:

Im Alter von Mitte 20 fühlen sich Menschen etwa so alt, wie sie wirklich sind. Für alle höheren Alter fühlen sich die Menschen jünger:

  • 40-Jährige fühlen sich im Mittel 35 Jahre alt
  • 50-Jährige fühlen sich im Mittel 41 Jahre alt
  • 60-Jährige fühlen sich im Mittel 47 Jahre alt
  • 70-Jährige fühlen sich im Mittel 53 Jahre alt

Es gilt also ziemlich verlässlich: Pro 10 Jahre tatsächlichem Alter kommen nur 6 Jahre gefühltes Alter hinzu, mit dem Eichpunkt bei etwa 25 Jahren. Oder als mathematische Formel ausgedrückt:

Subjektives Alter = 25 + 6 * (Tatsächliches Alter – 25)

Auffällig ist, dass die Streuung mit dem Alter steigt. Das heißt: Während jüngere Leute (< 50 Jahre) sich recht einig darüber sind, wie alt sie sich fühlen, geht die Schere bei älteren Leuten (> 50 Jahren) sehr weit auseinander. Das könnte jedoch nur ein statistisches Artefakt sein, da es im höheren Alter prinzipiell mehr Raum für Abweichungen vom tatsächlichen Alter gibt. Somit würde man, auch ohne irgendeinen psychologischen Effekt, einen Anstieg der Streuung mit dem Alter erwarten.

Abgesehen vom tatsächlichen Alter, was beeinflusst noch, wie alt man sich fühlt? Hier finden sich tatsächlich einige signifikante Faktoren, sowohl beim Lifestyle als auch bei der Persönlichkeit. Ein Faktor: Reisen. Leute, die viel reisen, fühlen sich etwa 7 Jahre jünger als Leute, die gar nicht reisen. Und das unabhängig vom tatsächlichen Alter (bereinigter Effekt).

Aktiv zu leben, dazu gehört vor allem sich viel zu bewegen, kann nochmal bis zu 6 Jahre vom biologischen Alter entfernen:

Und: Denken, dass man gut aussieht. Hier geht es nicht darum, ob eine Person objektiv gut aussieht, was auch immer das bedeuten mag, sondern wie gutaussehend sich eine Person fühlt. Menschen, die von sich behaupten gut auszusehen, fühlen sich jünger. Und zwar bis zu 6 Jahre jünger als Leute, die ihr Aussehen sehr kritisch sehen.

Auch die Persönlichkeit hat einen Einfluss. Hier wäre zum einen die emotionale Stabilität zu nennen, die eine Verjüngung von um die 6 Jahren im Vergleich zu neurotischen Menschen bringt.

Immerhin noch 5 Jahre vom biologischen Alter entfernt die Herzlichkeit. Herzliche Menschen fühlen sich merklich jünger als Menschen mit wenig Mitgefühl / Empathie.

An den letzten beiden Aspekten lässt sich natürlich nur wenig ändern, diese sind durch die Genetik und frühe Kindheitserfahrungen bestimmt. Und auch das Gefühl gut auszusehen ist, neben dem tatsächlichen Aussehen, zu einem großen Teil von der emotionalen Stabilität bestimmt und somit nur wenig beeinflussbar. Doch 10-15 Jahre jünger fühlen kann sich jeder durch häufiges Reisen und mehr Bewegung.

Ketamin – Die nächste Generation von Antidepressiva?

Seit etwa 10 Jahren wird Ketamin systematisch als ein Kandidat für die nächste Generation von Antidepressiva erforscht. Traditionell wird es intravenös verabreicht, seit einigen Jahren ist jedoch auch eine Variante zur intranasalen Verabreichung auf dem Markt. Die Resultate sprechen klar für die Inklusion von Ketamin in Behandlungen von Depression, jedoch mit deutlichen Einschränkungen. Zu einem breitbandigen Next-Gen Antidepressivum wird es wohl nicht aufsteigen.

Ein großer Vorteil von Ketamin gegenüber SSRI, der heutigen Generation von Antidepressiva, ist die schnelle Wirkung. Ketamin bewirkt i.d.R. schon innerhalb von 24 h eine deutliche Reduktion depressiver Symptome (siehe hier), während SSRI zuerst ein Depot aufbauen müssen und, abgesehen von dem praktisch sofortigen Effekt auf Lethargie, erst nach 1-4 Wochen eine Wirkung entfalten.

Diese Kombination von sofortiger Reduktion von Lethargie und verzögerter Stimmungsaufhellung bei SSRI birgt auch ein erhöhtes Suizid-Risiko in den ersten Wochen des Gebrauchs, welches bei Ketamin nicht beobachtet wurde. Die schnelle Wirkung und die Vermeidung dieses “Suizid-Tals” macht Ketamin also vor allem für die Behandlung von Depressionen mit suizidaler Ideation attraktiv.

Der große Nachteil von Ketamin ist die Flüchtigkeit der Wirkung. Während SSRI eine nachhaltige Reduktion depressiver Symptome bringen, verflüchtigt sich der positive Einfluss von Ketamin recht schnell (circa eine Woche). Desweiteren scheinen problematische Nebenwirkungen recht gängig zu sein, sowohl bei einmaligem sowie wiederholtem Gebrauch.

Bei einmaligem Gebrauch kommt es häufig zu Störungen in der Wahrnehmung, abnormalen Empfindungen im Körper, Derealisation, Angszuständen, Schwindel, Kopfschmerzen, und einigem mehr. All diese Symptome verflüchtigen sich jedoch schnell und bringen keine nachhaltigen Schäden, schließen jedoch auch die Verwendung von Ketamin bei psychotischen Störungen generell aus. Beim Langzeitgebrauch wurde vor allem die Entstehung einer schmerzhaften Störung der Blasenfunktion beobachtet sowie Störungen des Gedächtnisses.

Ketamin wird mittlerweile also vor allem als ein Kandidat für die Behandlung von Patienten gehandelt, deren Depression sich resistent gegenüber SSRI zeigt und welche suizidale Gedanken haben. Zu einem breitbandigen Antidepressivum scheint es sich nicht zu eignen. Zumindest die unveränderte Variante. Da sich der Wirkmechanismus von Ketamin im Vergleich zu SSRI fundamental unterscheidet, darf man hoffen dass dieser Wirkmechanismus in kommenden Jahren “domestiziert” werden kann und ein allgemeines Antidepressivum auf dieser Basis entwickelt wird.

Wutausbrüche, Locus of Control und Fitness

Wutausbrüche lassen sich hauptsächlich durch eine veranlagte emotionale Instabilität erklären – das ist offensichtlich und auch wenig erleuchtend. Richtig interessant wird es erst, wenn man den Blick über diesen Zusammenhang hinaus erweitert. In der Regressionstabelle sieht man was sonst noch zu Problemen mit Wut führen kann:

Ins Auge ist mir der Locus of Control gestochen, eine Größe, die sonst eher einen positiven Einfluss auf die Psyche hat. Der Locus of Control misst wie sehr eine Person glaubt, Kontrolle über das eigene Leben und Denken zu haben. Menschen mit einem hohen LOC-Score meinen, dass sie selbst, und Menschen im Allgemeinen, das Ruder ihres Lebens fest in den eigenen Händen halten und ihr Schicksal selbst bestimmen. Sie rechnen nicht damit, dass ungünstige Umstände oder Krankheiten ihnen die Selbstbestimmung nehmen können (zumindest in absehbarer Zeit).

Hingegen sehen sich Menschen mit einem niedrigen LOC-Score den “Elementen ausgeliefert”. In ihrer Weltsicht haben sie selbst, wie auch andere Menschen, prinzipiell keine Kontrolle darüber, wie das eigene Leben verläuft. Das Schicksal wird vor allem von zufälligen Einwirkungen gesteuert, welche kaum Raum für Selbstbestimmung lassen. Sie befürchten stets, dass ungünstige Umstände oder Krankheiten ihnen auch den Rest an verbliebener Selbstbestimmung nehmen könnten.

Die Daten zeigt dass ein hoher LOC-Score, und damit ein fester Glaube an Selbstbestimmung, eine Tendenz zu Wutausbrüchen bringt. Meine von psychologischem Halbwissen geprägte Vermutung ist, dass dies an der Konfrontation mit dem Kontrollverlust liegt. Der Glaube an Kontrolle über das eigene Schicksal muss regelmäßig von den tatsächlichen Gegebenheiten der Welt frustriert werden. Und jedesmal wenn dies passiert, entsteht Wut. Die Wut, dass das eigene Weltbild versagt hat und die Wut, dass das Schicksal prinzipiell nicht kontrollierbar ist.

Dieser Zusammenhang ist sehr überraschend und kurios, da a) ein hoher LOC-Score in so ziemlich allen denkbaren Bereichen der Psyche eine positive Wirkung bringt: geringere Anfälligkeit für Ängste, geringeres Risiko von Depression, Schutz vor dem Abrutschen in Substanzmissbrauch, etc … und b) Wut in der Regel mit all den genannten psychischen Problem sehr eng korreliert, mit Koeffizienten im Bereich r = 0,3 – 0,6. Zu erwarten wäre also ein Zusammenhang in die andere Richtung gewesen, mit dem LOC-Score als Schutz vor Wut. Dem scheint aber nicht so zu sein.

Eine gute Methode, um Wutausbrüchen entgegenzuwirken, scheint Fitness zu sein. Umfrage-Teilnehmer, die berichten sich viel zu bewegen und den Körper fit zu halten, berichten auch gleichzeitig von verminderten Problemen mit Wut. Inwiefern man hier von Ursache und Wirkung sprechen kann, bleibt leider offen.

Ein Faktor, den die Regression nicht so gut erfassen konnte da die Relation (wie man am Graphen erkennen kann) sehr nicht-linear ist, ist der Zusammenhang zwischen Wut und Herzproblemen. Teilnehmer, die von starken Herzproblemen berichten, haben auch fast immer gleichzeitig eine merkliche Wut-Problematik. Bei schwachen Herzproblemen scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein, hier zeigt sich kein Unterschied zu der Gruppe ohne Herzprobleme.

Es ist verlockend hier zu schließen, dass Wut gefährlich für das Herz ist. Ich vermute dem ist wohl auch so. Aber die Daten selbst sagen auch nichts über Kausalität. Es kann gut sein, dass Menschen, die von einem schwerwiegenden Herzproblem geplagt sind, darauf mit Wut reagieren. Also dass das Herzproblem die Ursache ist und die Wut die Wirkung. Aber wie die Richtung auch sei, man vermeidet am besten beides.

Die Zeit rast – Und wie man sie wieder bremsen kann

Das tatsächliche Empfinden des Zeitflusses unterscheidet sich oft merklich von dem objektiven Voranschreiten der Zeit. Doch von welchen Faktoren hängt das Gefühl, dass die Zeit rasen würde, tatsächlich ab? Die klassische Antwort darauf ist das Alter. Viele Menschen berichten davon, dass die Monate gefühlt umso schneller vorbeiziehen, je älter sie werden. Das bestätigt sich auch in den Daten (basierend auf n = 195). Wobei der Zusammenhang alles andere als linear ist:

Die Beschleunigung der gefühlten Zeit scheint sich vor allem im frühen Erwachsenenalter zu entwickeln, zwischen 20 und 40 Jahren. Dort gilt: Je älter, desto schneller vergehen die Monate. Ab dem Alter von 40 Jahren verschwindet jedoch die Abhängigkeit vom Alter und der gefühlte Zeitfluss erreicht einen konstanten Wert.

Doch das Alter ist nicht der einzige signifikante Faktor. Eine multivariate Regression zeigt noch drei weitere Faktoren, die in der Stärke des Einflusses mit dem Alter sogar konkurrieren können:

Wichtig für das Zeitempfinden ist auch, wieviel Routine der Alltag eines Menschen hat. Wer immer zur gleichen Zeit aufsteht, zur gleichen Zeit Frühstück macht, das Gleiche zum Frühstück isst, zur gleichen Zeit duscht, sich nach demselben Schema parat macht, und so weiter, den bestraft das Leben mit einer Beschleunigung der Zeit. Dies bestätigt sich, neben dem obigen Datensatz, auch in einem zweiten und größeren Datensatz mit n = 645 (zweites Bild).

Die Effektstärke ist in beiden Datensätzen etwa gleich (Koeff: 0,25) und auch vergleichbar mit der Effektstärke, die sich aus der Variation des Alters ergibt (Koeff: 0,28). Praktisch gesprochen heißt das: Bezüglich des Zeitgefühls dürfte ein 20 Jähriger mit einem streng-eingeübten Alltag bei etwa demselben Wert wie ein chaotischer 40 Jähriger landen. Man darf, das am Rande, durchaus so rechnen da die Regression stets die Effektstärke bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell angibt.

Um die Zeit zu entschleunigen, lohnt es sich also von Zeit zu Zeit die Routine zu brechen. Und es hilft auch, liberal Platz im Kalendar zu schaffen. Denn die Daten sagen: Je größer die Geschäftigkeit einer Person, im Sinne eines ewig-vollen Terminplans und einer nicht-endend wollenden Abfolge von Aufgaben, ob nun bei der Arbeit oder in der Freizeit, desto schneller scheinen die Monate vorbeizuziehen.

Ein weiterer Faktor aus dem ersten Datensatz ist der Inward Focus, also wie stark eine Person nach innen gerichtet lebt und denkt. Wer sich ständig reflektiert und analysiert, muss damit rechnen dass die Zeit ihn überholt. Auch hier liegt die Effektstärke wieder in demselben Bereich wie das Alter, die Routine oder die Geschäftigkeit. Auch wenn das Reflektieren prinzipiell eine gute Angewohnheit ist, lohnt es sich doch den Blick öfter nach außen zu richten. Auf andere Personen oder die Geschehnisse des Moments.

Einen weiteren Hinweis darauf, was noch auf das Empfinden größerer Zeitspannen wirkt, bietet der zweite Datensatz. Dort kristallisiert sich das Gedächtnis als ein relevanter Faktor heraus. Ein schlechtes Gedächtnis ist merklich assoziiert mit einem beschleunigten Empfinden des Zeitflusses. Da das Gedächtnis sehr eng in Verbindung mit emotionaler Instabilität steht (je instabiler, desto schlechter das Gedächtnis*), könnte man hier auch die emotionale Instabilität als den relevanten Faktor substituieren.

So entschleunigt man also das Zeitempfinden:

  • Routinen brechen
  • Freiräume im Kalendar schaffen
  • Den Blick nach außen richten
  • Das Gedächtnis trainieren (sofern das effektiv möglich ist)

Jeder Faktor alleine kann schon die natürliche Beschleunigung, die das Alter bringt, ungeschehen machen. Man ist dem Vorbeiziehen der Monate also nicht schutzlos ausgeliefert, es bleibt ein beachtlicher Spielraum.

*Der Korrelationskoeffizient zwischen Gedächtnis und emotionaler Instabilität liegt bei etwa -0,5 bis -0,6. Ein schlechtes Gedächtnis ist somit einer der verlässlichsten Indikatoren für emotionale Instabilität. Das eine tritt praktisch nie ohne das andere auf. Umgekehrt ist ein gutes Gedächtnis ein sehr verlässlicher Indikator für emotionale Stabilität.

Erschöpfung: Veranlagung und Wasserkonsum

Die schlechte Nachricht zuerst: Wie häufig und stark sich jemand ohne ersichtlichen Grund erschöpft fühlt, ist zu einem beachtlichen Teil “in Stein geschrieben”. Das Fundament dafür wird in früher Kindheit gelegt und diese mitgegebene Komponente kann im Erwachsenenalter kaum mehr beeinflusst werden. Wie groß die psychisch veranlagte Komponente von Dauererschöpfung ist, lässt sich nur schwer exakt quantifizieren, eine Eingrenzung ist aber möglich.

Eine multivariate Regression, die ausschließlich Big-Five-Merkmale und Aspekte der frühen Kindheit als unabhängige Variabeln enthält, erklärt bereits 45 % der Variation bei Dauererschöpfung. Das ist auffällig viel. Typischerweise erklärt diese Mischung an Variablen um die 5 – 30 % der Variation einer abhängigen Variablen und im letzteren Falle könnte man schon von einer beachtlichen psychischen Veranlagung sprechen.

Berücksichtigt man noch, dass auch bei einem perfekten Zusammenhang zufällige Variationen blieben (zum Beispiel durch ungenaue Antworten und Verzerrungen durch begrenzte Sample-Größen), so kann man wohl davon ausgehen, dass etwa 60 % der Variation bei Dauererschöpfung durch die Genetik und frühe Kindheit festgeschrieben sind und somit auch nicht bis kaum mehr veränderbar sind. Die gute Nachricht ist hierbei natürlich, dass trotz der starken Veranlagung ein ordentlicher Spielraum von etwa 40 % bleibt, der sich aktiv steuern lässt.

Kleiner Hinweis am Rande: Die Hauptursachen für die Veranlagung von Erschöpfung sind (geordnet nach Stärke des Einflusses) die Faktoren emotionale Instabilität, Vernachlässigung durch die Eltern, Alkohol- und Drogenkonsum der Eltern sowie eine schlechte Beziehung zum Vater. Alles natürlich bezogen auf die Situation im Kindesalter.

Web MD gibt in diesem Artikel, der von einem Ärzte-Netzwerk gemustert wurde, einen Überblick darüber, wie man den beeinflussbaren Spielraum gewinnbringend nutzen kann. Interessant finde ich, neben der Auflistung von Schlafproblemen und einem asynchronen Schlafrhytmus, beides zumindest etwas beeinflussbar durch eine gute Schlafhygiene, den überraschend starken Zusammenhang mit mangelhaftem Wasserkonsum, welchen ich auch in dem vorliegenden Datenset (n = 195) sehen konnte.

Menschen, die angeben oft weniger zu trinken als sie sollten, berichten gleichzeitig auch häufiger von scheinbar grundloser Erschöpfung bzw. Dauererschöpfung. Der Effekt bleibt auch nach Bereinigung nach dem Alter bestehen (Erschöpfungsprobleme nehmen verlässlich mit dem Alter ab, daher die Bereinigung). Laut Web MD ist dieser Zusammenhang nicht nur eine bloße Korrelation, sondern tatsächlich auch kausal, so dass man erwarten darf, durch erhöhten Wasserkonsum Probleme mit Erschöpfung mildern zu können.

Da der Z-Wert etwas schwierig zu interpretieren ist, hier einige reine Zahlen. Unter den Menschen, die angeben ausreichend Wasser zu trinken, liegt der Anteil jener, die von starken Problemen mit Erschöpfung berichten, bei etwa 5 %. Also jeder Zwanzigste. Hingegen liegt dieser Anteil bei Menschen, die zu wenig Wasser trinken, bei 35 %. Somit knapp jeder Dritte. Der Unterschied ist nicht nur auffälig, sondern auch statistisch signifikant und das mit p < 0,001.

Ein Aspekt, der auf Web MD nicht erwähnt wird, der aber eventuell auch eine wichtige Rolle spielt, ist der Faktor Problemvermeidung. Menschen, die auf der verwendeten Skala für Problemvermeidung einen hohen Score erzielt haben, und somit angegeben haben, sich bei Problemen eher davon abzulenken und Lösungen oft aufzuschieben, berichten auch deutlich häufiger von grundloser Erschöpfung.

Hier ist die Richtung jedoch nicht klar und lässt sich ohne ein kontrolliertes Experiment auch nicht klären. Führt Problemvermeidung zu Erschöpfung? Oder Erschöpfung zu Problemvermeidung? Oder gibt es eine dritte, nicht gemessene Variable, die sowohl Erschöpfung als auch eine Tendenz zur Problemvermeidung hervorbringt? Probleme direkter anzugehen hilft also vielleicht (aber nicht unbedingt) dabei, weniger Erschöpfung zu empfinden. Implementieren ließe sich der Vorsatz, Probleme direkter anzugehen, zum Beispiel durch strenges Führen eines To-Do-Kalendars.

Abgesehen von den erwähnten Faktoren wäre natürlich einer der effektivsten Wege, die Dauererschöpfung anzugehen, der Konsum eines SSRI-Antidepressivums. Diese zeigen breitbandig Wirkung bei den meisten Symptomen von Depression, zu denen auch die grundlose Erschöpfung gehört. Dies erfordert jedoch den Gang zu einem Psychiater sowie manchmal auch eine geduldsfordernde Phase des Trial-And-Errors, da das erste verschriebene Antidepressivum nicht immer die gewünschte Wirkung zeigt und somit ein Wechsel (inklusive Ausschleichung) nach einigen Monaten notwendig werden kann.

Das unerwartete Profil von True Crime Fans

Wer schaut gerne Dokus über Serienmörder? Vor der Analyse wusste ich nicht genau, wie das typische Profil aussehen könnte. Vielleicht Leute, die generell Furcht vor Verbrechen haben? Oder offene Menschen, die bekannt dafür sind sich tendenziell für alles querbeet zu interessieren? Überraschenderweise sind die Menschen, die sich gerne in der Welt der brutaler Mörder verlieren, vor allem herzliche Menschen!

Die besten Prediktoren für das Interesse an True Crime Dokus sind:

  • Das Big-Five-Merkmal Herzlichkeit
  • Das Bedürfnis, andere Menschen zu berühren
  • Der Körpertyp

Je herzlicher eine Person veranlagt ist und je lieber diese Person andere Menschen berührt (z.B. an der Schulter oder durch eine Umarmung), desto größer das Interesse an Geschichten über wahre Verbrechen. Daneben, und das ist ebenso verwunderlich, spielt scheinbar auch der Körpertyp eine “gewichtige” Rolle. Menschen, die von sich berichten dass sie übergewichtig sind, berichten gleichzeitig auch ein erhöhtes Interesse an True Crime.

True Crime und Herzlichkeit:

True Crime und das Bedürfnis nach Berührung:

Zwei weitere signifikante Prediktoren sind:

  • Die Tendenz zum Hyperfokus
  • Rauchen

Von Hyperfokus kann man sprechen, wenn eine Person sich von Zeit zu Zeit so intensiv auf bestimmte Dinge stürzt (Sport, Arbeit, Hobby), dass die Person alles andere vergessen kann, inklusive anderer Verpflichtungen. Also, wie es der Name ausdrückt, eine Tendenz zur exzessiven Konzentration auf eine Sache. Typischerweise ist dies mit psychischen Störungen der Aufmerksamkeit (ADS) verbunden. Solche Menschen scheinen sich auch zum True Crime Genre hingezogen fühlen. Vielleicht weil man sich, durch die Masse an verfügbaren Videos und der Spannung, wirklich sehr gut darin verlieren kann.

True Crime und Hyperfocus:

Raucher scheinen auch True Crime mehr zu mögen als Nicht-Raucher. Es ist schwierig hier den Zusammenhang zu sehen, wobei das auch für so ziemlich alles andere in dieser Regression gilt. Nichts davon ist erwartet oder leicht zu erklären. Wieso sind es denn gerade die herzlichen, berührungsbetonten Menschen, die sich für die Taten von Serienmörder und Mordexzesse der Mafia interessieren?

Ist es vielleicht ein Effekt von Geschlecht?

Laut Studien sind Frauen tatsächlich herzlicher als Männer (im Sinne der Big Five) und haben ein größeres Bedürfnis nach Berührung. Man könnte also vermuten, dass es sich hier um einen Effekt von Geschlecht handelt, den die Regression schlicht nicht erkannt hat (die Variable Geschlecht war enthalten). Laut dieser Quelle werden 70 % der Rezensionen für True Crime Bücher von Frauen gemacht, was den Gedanken untermauert. Aber dies scheint nicht der Fall zu sein.

Ich habe die Regression getrennt nach Geschlecht gemacht, einmal nur für Frauen und nur für Männer. Es zeigt sich das gleiche Profil. Auch wenn man nur Männer betrachtet, und die Frauen somit ganz ausschließt, bleibt das Prinzip bestehen: je herzlicher und berührungsbetonter, desto größer das Interesse an True Crime. Das Interesse scheint also aus der Persönlichkeit heraus zu kommen und die Assoziation mit dem Geschlecht ist demnach nur ein Nebeneffekt dessen. Und nicht etwa umgekehrt, wie man es vermuten könnte.

Ein weiterer Hinweis noch: Beim Faktor Körpertyp könnte man vermuten, dass das gesteigerte Interesse übergewichtiger Menschen an True Crime daran liegt, dass diese vielleicht generell mehr Fernsehen schauen. Somit muss hier kein bedeutungsvoller Zusammenhang bestehen. Das scheint jedoch auch nicht der Fall zu sein. Bei keinem anderen abgefragten Genre, sowohl bei Film-Genre als auch Doku-Genre, war der Körpertyp ein signifikanter Faktor.

Wie sicher sind die Ergebnisse?

Zuletzt: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die oben angegebenen Zusammenhänge nur statistische Artefakte und nicht etwa reale Effekte sind. Ein p-Wert von 0,001 (in dieser Nähe liegen die drei Hauptfaktoren) impliziert ganz grob, dass die Wahrscheinlichkeit hier nur ein statistisches Artefakt zu sehen bei 1 zu 1000. Oder anders gesagt: Mit einer Sicherheit von 99,9 % handelt es sich um reale Effekte.

Unabhängig vom p-Wert kann man die Verlässlichkeit der Zusammenhänge auch mittels Bootstrapping prüfen. Basierend auf 1000 Samples liegt das 95 % Konfidenzintervall stets, und mit gutem Abstand von unteren Limit zum Nullpunkt, auf jener Seite, die durch das Vorzeichen der jeweiligen Koeffizienten angegeben ist. Also auch das Bootstrapping spricht dafür, dass die gemessenen Zusammenhänge verlässlich sind.

Was hat wirklich einen großen Einfluss auf das Leben und Denken?

Über die letzten Wochen habe ich von der Plattform Harvard Dataverse Studien zusammengetragen, die ein identisches Setup verwenden, d.h. diesselben demographischen Daten und Fragen zur Kindheit messen sowie einen Big Five Fragebogen enthalten. Das Ziel war abzuschätzen, welche dieser grundlegenden Aspekte ganz allgemein einen starken Einfluss auf das Leben und Denken haben. Beispiele dieser Aspekte sind: Geschlecht, Alter, Einkommen, Fitness, politische Einstellung, Beziehung zur Mutter / Vater, Drogenkonsum der Eltern, Schulerfahrungen, etc …

Jeder dieser Aspekte wurde mittels einfacher Korrelation mit einer großen Bandbreite an Skalen (108 Stück) verglichen, die viele verschiedene Aspekte des Lebens und Denkens messen. Ich habe querbeet alle Skalen verwendet, welche die Studien hergaben: Lebenszufriedenheit, Depression, Präferenzen bei Filmen und Musik, Reisefreudigkeit, Einstellung zu Überwachungsmaßnahmen, Glaube an Aliens, Locus of Control, Schlafprobleme, Rassismus, Risikobereitschaft, Partnerpräferenzen, etc …

Der mittlere Korrelationskoeffizient r_avg, der sich bei dem Vergleich eines Aspektes mit allen 108 Skalen ergibt, soll als Maß für den Einfluss dieses Aspektes auf das Leben und Denken im Allgemeinen stehen. Auch interessant als Maßzahl ist die Häufigkeit, mit der ein Aspekt als starker Effekt (r > 0,25) auftritt. Die Skalen waren über sechs Studien verteilt, die jeweils das gleiche Setup bezüglich der grundlegenden Aspekte aufwiesen.

Einen sehr großen Einfluss auf das Leben und Denken haben laut der Auswertung die folgenden Aspekte:

(r_avg = 0,12 – 0,17, r > 0,25 bei etwa 20 % der Skalen)

  • Extrovertiertheit (Big Five)
  • Emotionale Stabilität (Big Five)
  • Finanzielle Probleme
  • Fitness
  • Schulerfahrungen

Einen großen Einfluss haben diese Aspekte:

(r_avg = 0,10 – 0,11, r > 0,25 bei etwa 10 % der Skalen)

  • Herzlichkeit (Big Five)
  • Ordentlichkeit (Big Five)
  • Einkommen
  • Schlafprobleme
  • Ernährung
  • Religiöser Glaube
  • Kontinuität (siehe 1)
  • Beziehung zum Vater im Kindesalter
  • Harmonie zwischen den Eltern
  • Emotionale Stabilität (Big Five) der Eltern

Einen mäßigen Einfluss haben die folgenden Aspekte:

(r_avg = 0,08 – 0,09, r > 0,25 bei etwa 5 % der Skalen)

  • Offenheit (Big Five)
  • Geschlecht
  • Alter
  • Bildung
  • Beziehungsstatus
  • Kinder
  • Wohnviertel (siehe 2)
  • Spiritueller Glaube
  • Politische Einstellung
  • Beziehung zur Mutter im Kindesalter
  • Vernachlässigung im Kindesalter
  • Drogenkonsum der Eltern
  • Wohlstand der Eltern
  • Parentifikation (siehe 3)

Und einen relativ schwachen Einfluss auf das Leben und Denken im Allgemeinen haben die Aspekte:

(r_avg < 0,08, bis auf seltene Ausnahmen r < 0,25 für alle Skalen)

  • Wohnort (Stadt vs Land)
  • Wohnort im Kindesalter (Stadt vs Land)
  • Haustiere
  • Anzahl Geschwister
  • Reihenfolge bzgl. der Geschwister
  • Soziales Trinken
  • Sozialer Cannabiskonsum
  • Strikte Erziehung
  • Überbehütete Erziehung

Was das Obige exakt misst, ist die Korrelation mit den 108 Skalen. Die Anzahl der Skalen und die Vielfalt der Bereiche, aus denen sie entnommen wurden, soll rechtfertigen, hier von einem “allgemeinen Einfluss auf das Leben und Denken” zu sprechen. Aber ob dieser Schritt gerechtfertigt ist und wenn ja, mit wieviel Unsicherheit die Korrelationskoeffizienten wirklich behaftet sind, lässt sich ohne weitere Daten nicht bestimmen.

Desweiteren: Eine Analyse mittels Regression wäre verlässlicher gewesen als die Analyse mittels Korrelation, aber der Aufwand hätte das vernünftige Maß überstiegen. Glücklicherweise ist es in einem Großteil der Fälle so, dass sich eine starke Korrelation zwischen zwei Variablen auch in einen hohen Regressionskoeffizienten übersetzt. Die Abweichungen dürften sich also in Grenzen halten. Trotzdem sollte man die Einordnung der obigen Elemente als plus / minus eine Kategorie auffassen um auf der sicheren Seite zu sein – mit der aktuellen Einordnung als der “Best Guess”.

(1) Kontinuität misst, wie unveränderlich bestimmte Kernaspekte des Lebens über die letzten Jahre waren: gleicher Job, gleiche Freunde, gleichbleibende Beziehung zur Familie, gleicher Partner, etc … Kontinuität korreliert eng mit dem Gefühl von Identität, so dass man sie in der Liste wohl auch durch den Punkt Identität ersetzen könnte

(2) Bei Wohnviertel wurde konkret gefragt: “Do you live in what others would call a bad / dangerous neighborhood?”

(3) Bei Parentifikation liegt eine Vertauschung der Eltern-Kind-Rolle vor, d.h. das Kind wird gefordert, sich um die Emotionen der Eltern zu kümmern

Wie kann man mittels Regression die Veranlagung abschätzen?

Eine Frage, die sich in den seltensten Fällen zufriedenstellend beantworten lässt, ist die Frage wieviel eines Verhaltens oder Glaubens durch eine Veranlagung entsteht (und somit permanent bzw. kaum beeinflussbar ist) und wieviel durch bewusste Entscheidungen entsteht (und somit gut steuerbar ist). Regressionsmodelle bieten mannchmal die Möglichkeit, die Veranlagung grob abzuschätzen.

Zuerst der Hinweis: Hier ist mit Veranlagung nicht nur die genetische Komponente gemeint, sondern Genetik plus alle Elemente der frühen Kindheit, die permanente Auswirkung über restlichen Verlaufs des Lebens zeigen. Also Geschlecht, Big Five, Bindungsmuster, Harmonie im Elternhaus, Drogenkonsum der Eltern, Instabilität der Eltern, Erziehungsstil, Vernachlässigung, etc … Solche Variablen sollen hier unter dem Begriff Kausal zusammengefasst werden.

Eine einfache Methode um ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel einer Sache starre Veranlagung und wieviel formbarer Lebensstil ist, ist es einen Blick auf die erklärte Varianz zu werfen. Diese wird in Regressionsmodellen mit dem R^2 (r-squared) erfasst wird. Das Verhältnis des R^2, der sich aus der Vorhersage ausschließlich mittels der kausalen Variablen ergibt, und des R^2, der sich aus der Vorhersage mittels aller erfassten Variablen ergibt, liefert eine erste Schätzung für die Veranlagung in %.

Erklärt sich der größte Teil der Varianz alleine durch die kausalen Variablen, bleibt nur noch wenig Raum für Formbarkeit im späteren Leben und die Verhaltensweise bzw. der Glaube ist in gewisser Weise in Stein gemeißelt. Erklärt sich fast nichts der Varianz durch kausale Variablen, so ist bei der Sache die Veranlagung keine relevante Komponente.

Die Methode bietet jedoch einige Fallen, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Erstens sollte man, da man alle Variablen unabhängig der Signifikanz in die Regression einfließen lässt, den reinen R^2 zur Analyse verwenden und nicht den adjusted R^2. Der adjusted R^2 bestraft ein Modell für jede insignifikante Variable, so dass diese Kennzahl auch sehr gut dafür taugt, ein Modell zu entwickeln, das mit der geringstmöglichen Menge an Variablen die größtmögliche Varianz erklärt. In diesem Fall möchte man das jedoch (ausnahmsweise) nicht. Hier geht es nur um die gesamte Menge der erklärten Varianz und das ist der reine R^2.

Die größte Falle ist aber die Unvollständigkeit des Datensatzes. Man muss annehmen, weil es nicht anders geht, dass die erfassten Variablen alle Variablen sind, die in der Welt existieren. Oder zumindest, dass nicht-erfasste Variablen das Resultat nicht maßgeblich verändern. Man misst die Veranlagung schließlich nur durch die kausalen und nicht-kausalen Variablen, die man vor sich hat.

Um den Gedanken mit einem Beispiel zu untermauern: Vorgestellt wir würden einen Datensatz vor uns haben, der akribisch genau drei dutzend kausale Variablen erfasst, aber darüberhinaus nur eine handvoll weitere Variablen. So würde man mit der obigen Methode immer zu sehr hohen Schätzungen für die Veranlagungen kommen und dies nur, weil sonst kaum mehr etwas vorhanden wäre, um zusätzliche Varianz erklären zu können. Das Gleiche würde passieren, wenn man neben den vielen kausalen Variablen zwar auch viele weitere Mediatoren erfasst hat, all diese aber für die untersuchte Sache irrelevant sind.

Die Methode ist also nur dann aussagekräftig, wenn man sich sicher sein kann, dass neben den wichtigsten kausalen Variablen auch die für den untersuchten Faktor relevantesten Mediatoren im Datensatz sind. Und genau hier liegt “der Hund begraben”. Dies dürfte nämlich leider oft nicht der Fall sein und hier sollte man den Resultaten der Analyse entsprechend nur begrenzt Glauben schenken.

Ein Durchforsten von Datensätzen mit dieser Methode zeigt, dass bei grundsätzlichen psychischen Phänomenen wie Lebenszufriedenheit, Depression, Schlafproblemen, Erschöpfung, Need for Control, Locus of Control, etc … die Veranlagung meistens um die 50 % liegt, während bei bei allgemeinen Einstellungen und Meinungen wie Furcht vor Verbrechen, Zustimmung zu Überwachung, Glaube an Aliens, etc … sich eine eher geringe Veranlagung um die 20 % ergibt.

Wieso hat die Persönlichkeit fünf Faktoren? Und nicht vier? Oder sechs?

In der Psychologie hat sich über die letzten Jahrzehnte ein Standardmodell für die Persönlichkeit durchgesetzt, genannt Big Five Modell oder auch Five Factor Modell. Es unterteilt die Persönlichkeit in genau fünf distinkte Dimensionen: Extraversion, Agreeableness, Conscientiousness, Openness und Emotional Stability. Für diesen Beitrag soll es egal sein, wofür diese Begriffe stehen. Die Frage hier lautet: Wieso fünf? Wieso nicht vier? Oder sechs? Ist das Festlegen auf Fünf nicht sehr willkürlich?

Die Antwort auf die letzte Frage ist ein klares Nein, es ist nicht willkürlich. Die Zahl Fünf kommt aus jahrzehntelanger Forschung. Um zu sehen, wie das sein kann, hier ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, dass wir messen möchten, wie empathisch eine Person ist. Dazu machen kreieren wir die folgenden Aussagen, von denen ein Teilnehmer sagen kann “Trifft auf mich zu” oder “Trifft nicht auf mich zu”:

  1. Ich versetzte mich in die Gefühlswelt anderer
  2. Ich versuche die Dinge aus der Perspektive anderer zu sehen
  3. Ich frage mich oft, wie sich wohl andere fühlen
  4. Ich helfe oft Arbeitskollegen aus
  5. Ich helfe oft meinen Freunden beim Umzug

Eine blöde Frage: wieviele “Sachen” messen wir hier? Misst jede Frage eine andere “Sache”? Oder gibt es hier Aussagen, die dasselbe messen?

Man kann gut erkennen, dass die Items 1-3 eigentlich nur wenig veränderte Umschreibungen eines bestimmten Grundgedankens sind. Bei einer statistischen Auswertung würde sich entsprechend zeigen, dass die Scores dieser Items sehr eng korrelieren. Es liegt also nahe zu sagen, dass die drei Items eine gemeinsame latente Variable messen und diese können wir zum Beispiel “Hineinversetzen” nennen. Ähnliches gilt für die Items 4 und 5. Beide messen eine gemeinsame latente Variable, die man “Hilfsbereites Handeln” nennen kann.

Wir messen hier also zwei disktinkte “Sachen”. Nicht nur eine, und auch nicht drei. Sondern genau zwei. Und das ist keine schwammige Aussage da sich dies auch mathematisch festestellen ließe, ganz ohne darauf zu schauen, welche Bedeutungen die Aussagen haben. Man könnte die Korrelationstabelle erzeugen und würde sehen, dass die Items 1 und 2 sehr eng korrelieren. Ebenso Items 1 und 3 sowie Items 2 und 3. Natürlich würde man auch finden, dass 1 mit 4 und 5 korreliert, jedoch deutlich schwächer. Die Interkorrelationen zeigen also, dass Items 1, 2 und 3 ein “statistisches Team” bilden. Und betrachtet man die Tabelle weiter, könnte man feststellen, dass auch Items 4 und 5 auf einen gemeinsamen Faktor fallen.

Wie gesagt ist hier keinerlei Bezug auf die Bedeutung der Aussagen notwendig. In einem Statistikprogramm könnten die Variablen auch einfach mit 1, 2, 3, 4 und 5 codiert sein, ohne dass der Benutzer weiß, was sich dahinter verbirgt. Er würde durch Betrachten der Korrelationstabelle trotzdem zu demselben Schluss kommen.

Mit einem systematischen Blick auf die Interkorrelationstabelle, dieses Verfahren wird explorative Faktorenanalyse genannt, lässt sich also feststellen, auf wieviele distinkte Faktoren sich eine Menge an Aussagen oder Begriffe reduzieren lassen. Daher kommt auch die Zahl der Faktoren bei der Persönlichkeit.

Nimmt man alle gängigen Adjektive, die beschreiben wie eine Person sein kann (freundlich, verlässlich, ordentlich, vergesslich, und so weiter) und legt man diese einer großen Anzahl an Menschen zur Selbstbeschreibung vor, so zeigt eine explorative Faktorenanalyse, dass all diese verschiedenen Adjektive auf fünf distinkte Faktoren fallen. Diesen latenten Variablen wurden die Namen Extraversion, Agreeableness, Conscientiousness, Openness und Emotional Stability gegeben.

Niemand hat also festgelegt, dass es fünf Dimensionen sein sollen und die Zahl fünf war auch nie das Ziel. Es war ein offener Prozess, ohne Gewissheit wieviele Faktoren es am Ende sein werden. Die Zahl fünf hat sich schlicht über die Jahre (und über hunderte Studien) durch sorgfältige explorative Faktorenanalyse herauskristallisiert. Und sich dann auch als robust bestätigt. Das ist auch der große Unterscheid zu Persönlichkeitsmodellen aus früheren Zeiten (wie zum Beispiel Meyers-Briggs). Bei diesem Modellen ist die Unterteilung zwar durchaus plausibel, so wie beim Big Five Modell auch, jedoch willkürlich gewählt und ohne empirischen Rückhalt.

Bleibt anzumerken, dass hier eine Vereinfachung des Prozesses der explorativen Faktorenanalyse beschrieben wurde. Es gibt nicht DIE Faktorenzerlegung, sondern welche Faktorenzerlegung sich ergibt, hängt manchmal davon ab, mit welchem Verfahren die Korrelationstabelle untersucht wird, ab wieviel erklärter Varianz die Zerlegung unterbrochen wird und ob gefordert wird, dass die Faktoren orthogonal sind oder am Ende die Faktoren auch selbst wieder miteinander korrelieren dürfen (Varimax vs Oblique).

Bei dem obigen Beispiel der Empathie würde man zum Beispiel eher eine “schiefe” (oblique) Rotation wählen, da man erwarten darf, dass “Hineinversetzen” und “Hilfsbereites Handeln” selbst wieder gut miteinander korrelieren. Es gibt keinen Grund hier zu fordern, dass die Faktoren unabhängig voneinander sein sollen. In anderen Fällen, so wie es zum Beispiel auch bei der Entwicklung der Big Five gemacht wurde, möchte man Faktoren finden, die idealerweise unabhängig voneinander sind. Dann wird in der Regel die Varimax-Rotation gewählt, welche eine Zerlegung in unabhängige Faktoren “erzwingt”.

Die besten Mindfulness-Übungen (Für allgemeine und akute Zwecke)

Mindfulness, auf Deutsch: Achtsamkeit, hat sich in der empirischen Forschung als eine effektive Methode zur Bekämpfung von Stress, psychosomatischen Problemen, Depression und Ängsten erwiesen. Man kann Mindfulness als die von der Psychologie adaptierte Version von buddhistischer Meditation betrachten. Was ist Mindfulness?

Mindfulness kennt viele verschiedene Definitionen, aber die meisten legen den Fokus auf die unverzerrte Wahrnehmung des Hier-Und-Jetzt.

In jedem Moment werden wir mit Signalen auf der Umwelt und aus unserem eigenen Körper bombardiert: das reflektierte Licht des Sofas, die Geräusche vorbeifahrender Autos, das Druckempfinden vom Sitzen auf einem Stuhl, der Geruch einer Seife, der Geschmack einer Traube. All diese Stimuli erreichen schlussendlich als elektrische Signale unser Gehirn und werden durch bestehende neuronale Strukturen interpretiert. Mindfulness soll zwei Dinge tun: alle Ablenkungen von diesen Signalen ausschalten und die Interpretation übergehen.

In einem Zustand von Mindfulness …

  • liegt die Aufmerksamkeit strikt auf den Signalen aus der Umwelt und den Signalen aus unserem Körper
  • sind Gedanken jeglicher Art ausgeschaltet oder aufkommende Gedanken werden zumindest nicht weiter verfolgt
  • wird auf die Interpretation dieser Signale verzichtet, d.h. die Signale sollen wertungsfrei oder “rein” aufgenommen werden

Nichts davon ist einfach da einerseits die Aufmerksamkeit in der Regel frei wandern darf und jedem Signal praktisch automatisch eine Ursache zugeordnet wird. Tatsächlich ist es aus evolutionärer Sicht sogar absolut notwendig für das Überleben, dass diese beiden Dinge kontinuierlich geschehen. Doch in Abwesenheit echter Gefahr verzehren diese Prozesse viel Energie ohne einem Nutzen gegenüber zu stehen.

Die Realität von Mindfulness-Übungen ist natürlich viel verworrener als der oben genannte Zustand. Selbst mit viel Übung wird die Aufmerksamkeit wandern, sich Gedankenstränge einschleichen und Stimuli interpretiert. Man sollte keine Perfektion erwarten. Der Zustand von Mindfulness, so wie er oben definiert ist, ist ein Ideal und kein Zustand wie er tatsächlich in voller Erfüllung auftreten kann. Und das Annähern an das Ideal muss gelernt sein, keiner beherrscht es auf Anhieb. Wie bei allem anderen gilt auch hier: Übung macht den Meister.

Doch jetzt zu den Übungen. Diese sind so konstruiert, dass sie die Aufmerksamkeit effektiv auf das Hier-Und-Jetzt lenken. Man sagt auch: sie sollen die Person im Hier-Und-Jetzt verankern. Deshalb wird die Sache, auf der der Fokus liegt, auch gerne als “Anker” bezeichnet.

Zuerst ein Tipp, den man auf jede Mindfulness-Übung anwenden kann. Dieser bezieht sich auf die unvermeidlich aufkommenden Gedanken. Wie begegnet man diesen am besten? Wie kann man verhindern, in Gedanken zu versinken? Hier ein Vorschlag:

  • Kommt ein Gedanke auf, stellt man sich vor wie man diesen in eine Luftblase steckt und beobachtet wie diese wegschwebt. Ist das vollbracht, lenkt man sofort und bewusst die Aufmerksamkeit wieder auf das Hier-Und-Jetzt.

Hier noch ein allgemeiner Tipp, um scheinbaren Ablenkungen durch die Außenwelt zu begegnen:

  • Der Nachbar hat die Tür zugeknallt? Ein lauter LKW ist vorbeigerast? Perfekt! Das Ziel ist im Hier-Und-Jetzt anzukommen und alles was das vollbringen kann, ist gut. Dazu gehören knallende Türen und laute LKWs. Es ist mir schon oft passiert, dass mich solche “Ablenkungen” sogar aus versunkenen Gedanken wieder ins Hier-Und-Jetzt geholt haben. Also als Chance begreifen.

Noch ein kurzer allgemeiner Tipp, dann geht es aber zu den spezifischen Übungen, versprochen. Oft kommt die Frage auf, wie lange man eine Übung machen soll. Zehn Minuten? Zwanzig Minuten? Hier die Antwort:

  • Unter 5 Minuten sollte es nicht sein, denn oft dauert es einige Minuten bis sich der Kopf beruhigt und man “ankommt”.
  • Für den Anfang dürften 10-20 Minuten ein guter Richtwert sein.
  • Ganz wichtig: Länger ist nicht automatisch besser. Fünf Minuten voller Fokus auf das Hier-Und-Jetzt sind effektiver als zwanzig Minuten unruhige Gedankenwanderung. Die Qualität zählt.

Jetzt zu den spezifischen Übungen. Bei jeder dieser Übungen ist gleichgültig, ob man sie im stehen, sitzen oder liegen macht. Die folgenden Übungen sind für allgemeines Mindfulness-Training gedacht. Mindfulness-Übungen für Akutzustände finden sich im Anschluss daran.

  • Konzentration auf den Atem: Der Klassiker und sehr gut für Anfänger. Man atmet durch die Nase ein, hält den Atem kurz und atmet durch den Mund aus. Das Tempo sollte langsam sein, aber vor allem angenehm. Die Konzentration sollte immer auf den körperlichen Signalen sein, die sich dabei ergeben. Hier ein paar Beispiele, um den Ball ins Rollen zu bringen: Temperaturveränderungen an der Nasenspitze, Druckempfinden im Bauch, Gefühle an den Lippen, etc …
  • Blindheit: Diese Übung legt den Fokus auf den oft vernachlässigten Tastsinn. Man schließt die Augen (und setzt eventuell Oropax ein um den Hörsinn auch auszuschalten) und beginnt Dinge zu ertasten. Wie ist die Textur des erspürten Objekts? Rau? Regelmäßig? Und wie reagiert die Oberfläche auf Druck? Hart? Plastisch? Es muss sich jedoch nicht nur auf die Hände konzentrieren. Wie fühlen sich die Füße beim Stehen und Laufen an? Und ist der Gleichgewichtssinn? An diesem Punkt könnte man sogar einfach Yoga-Übungen anfügen.
  • Rekorder: Bei dieser Übungen schließt man die Augen und konzentriert sich ausschließlich auf ankommende Töne. Um der Interpretation der Signale vorzubeugen, kann man sich vorstellen ein einfacher Audio-Rekorder zu sein. Man nimmt nur auf – unverzerrt und ohne Wertung. Idealerweise sucht man sich vor dem Beginn eine Umgebung mit vielfältigen Tönen. Es müssen nicht nur natürliche Töne sein! Es ist zwar toll, wenn man ästhetische Empfindungen zum Teil der Übung machen kann, aber das Ziel ist und bleibt das Hier-Und-Jetzt. Entsprechend kann auch eine Baustelle viel hergeben.
  • Kamera: Hier liegt die Konzentration ausschließlich auf dem, was man sehen kann. Wie bei der vorherigen Übung auch, sollte man sich vorstellen die Dinge wertungsfrei aufzunehmen – so wie es eine Filmkamera tut. Man lässt den Blick wandern und “filmt” alles ab. Von oben nach unten, von links nach rechts, statisch und Objekten folgend, auf einen Punkt konzentriert und die ganze Szenerie einnehmend. Oder auch mal gezielt mit dem Vorsatz, jetzt die Dinge zu sehen, die man sonst nie bemerken würde. Fällt es schwierig, bei den visuellen Signalen des Hier-Und-Jetzt zu bleiben, sollte man sich eine Umgebung suchen, die die Aufmerksamkeit durch viel “Action” an sich zieht.
  • Achtsames Essen: Nahrungsmittel geben im Bezug auf die Vielfältigkeit möglicher Sinneswahrnehmungen sehr viel her. Man kann sie visuell untersuchen: Farben, Formen, Texturen. Man kann sie mit dem Tastsinn erforschen: Rauigkeit, Härte, Plastizität. Man den Geruch wahrnehmen und, last but not least, natürlich auch den Geschmack. Man sollte versuchen, die Speisen neu zu entdecken, so wie ein Außerirdischer, der solche exotische Speisen noch nie zuvor gesehen hat. Und hier können sich, im Gegensatz zu den vorherigen Übungen, auch alle Sinne daran beteiligen. Ein weiterer schöner Nebeneffekt: Die achtsame Vorgehensweise lässt dem Sättigungsgefühl ausreichend Zeit, sich zu entwickeln. Dadurch ist das Risiko, mehr zu essen als man braucht, deutlich herabgesetzt.
  • Body-Scan: Das ist meine Lieblingsübung. Hier wird jeder Teil des Körpers nach und nach aufmerksam erspürt und zum Schluss bestimmte Körperregionen bzw. der Körper an sich als eine einheitliche Sache. Es gibt tolle angeleitete Body-Scans auf Youtube. Mit diesem Body-Scan von Glücksdetektiv habe ich begonnen – mit 15 Minuten Länge bietet diese Anleitung einen guten Einstieg in die aktivere Wahrnehmung des Körpers.

Hier sind noch vier kurze und prägnante Achtsamkeitsübungen, die vor allem dem Einsatz bei akuter Symptomatik dienen:

  • Quick Body-Scan: Wie der Name schon sagt ist es ein Body-Scan, jedoch nur kurz und unvollständig. Es bietet sich vor allem die Konzentration auf die Hände und Füße an: jeder einzelne Finger, Handflächen, Handrücken, Handgelenke, die Hände als Ganzes. Das Gleiche mit den Füßen.
  • Benennen: Fünf Dinge benennen, die man gerade sehen kann. Vier Dinge, die man hören kann. Drei Dinge, die man sehen kann. Zwei Dinge, die man riechen kann. Und dann noch eine Sache, die man schmecken kann. Ist die akute Symptomatik nicht gelindert, dann kann man diese Übungen so oft wie erwünscht wiederholen oder eine der anderen drei Übungen machen.
  • Ammoniak: Hier zum Beispiel kann man sich Ammoniak-Ampullen kaufen, die einen sehr starken Geruch entwickeln. Kommt die akute Symptomatik auf, zerbricht man die Ampullen und konzentriert sich auf diesen Geruch. Damit sollte es gut gelingen, im Hier-Und-Jetzt anzukommen und somit aktive Gedankengänge zu unterbrechen.
  • Wärmecreme: Die Wärmecreme Finalgon brennt ordentlich auf der Haut, ohne jedoch eine Gefahr für diese darzustellen. Als eine letzte Bastion des Abfangens akuter Symptome bietet es sich an, diese Creme auf einer sensiblen Hautpartie aufzutragen und sich auf die Signale zu konzentrieren, die sich aus deren Wirkung ergeben. Diese Übung ist vor allem bei Selbstverletzungsimpulsen zu empfehlen.

Wer weitere Mindfulness-Übungen der etwas brachialeren Art benötigt, sollte einen Blick in die Konzepte der Dialektisch-Behavioralen Therapie werfen. Zum Beispiel hier. Prinzipiell gilt: alles ist erlaubt, was ins Hier-Und-Jetzt zieht, ohne die Gefahr permanenter Schäden zu bergen.

Wie Unnormal ist Normal?

Die obige Frage beißt sich etwas in den Schwanz. Aber es sollte gleich klar werden, was ich mit dieser Frage meine. Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, hier das Bild um das es geht:

Das Bild wurde von einem sehr großen und diversen Datensatz (n = 1887) an ausgefüllten Persönlichkeitsprofilen erstellt. Es zeigt wie häufig auffällige Abweichungen (eine Standardabweichung oder mehr) vom Durchschnitt der Persönlichkeitsmerkmale sind.

  • Es gibt 327 Teilnehmer (17 %), bei denen jedes der fünf Persönlichkeitsmerkmale im Durchschnitt liegt
  • Es gibt 516 Teilnehmer (27 %), bei denen eines der fünf Persönlichkeitsmerkmale weit vom Durchschnitt entfernt ist, die anderen vier aber im Durchschnitt liegen
  • Es gibt 526 Teilnehmer (28 %), bei denen zwei der fünf Persönlichkeitsmerkmale weit vom Durchschnitt entfernt sind, die anderen drei aber im Durchschnitt liegen
  • Und so weiter …

Dies führt zu folgenden interessanten Feststellungen: Es ist nicht normal, im Sinne von nicht besonders gängig, wenn die Persönlichkeit einer Person gar keine auffälligen Abweichungen vom Durchschnitt zeigt. Nur bei einem von sechs Leuten ist dies der Fall. Normal ist es, ein oder zwei Auffälligkeiten bezüglich der Big-Five-Merkmale zu haben. Zum Beispiel übermäßig schüchtern und ordentlich. Oder übermäßig chaotisch und emotional instabil. Egal welche Abweichungen es sind – ein bis zwei solcher Abweichungen sind die Norm.

Interessant ist auch, dass Auffälligkeiten in der Persönlichkeit in der Regel mit dem Alter abnehmen. Während bei Menschen in ihren 20ern zwei Abweichungen am üblichsten sind sind, geht es bei Beginn des Rentenalters eher in Richtung einer Abweichung. Mit dem Alter tendieren Menschen also zu einem gemeinsamen Persönlichkeitsdurchschnitt.

Eine mathematische Formel für sympathische Wirkung

Wie sympathisch / angenehm jemand von anderen empfunden wird, hängt zu einem gewissen (jedoch nicht sonderlich großen) Teil von der veranlagten Persönlichkeit ab. Hier die Ergebnisse zweier Studie, die sich genau dieser Frage widmen und zum gleichen Ergebniss kommen:

(Aus: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2018.00804/full)

Der wichtigste Faktor ist Extroversion, also wie aktiv, energisch und gesprächig eine Person im Allgemeinen ist. Grob gesagt ist Extroversion das Gegenteil von Schüchternheit. Die beiden Studien zeigen dass je extrovertierter die Veranlagung eines Menschen, desto sympathischer wird er von anderen bewertet. Der Zusammenhang ist in beiden Fällen recht stark (Korrelationskoeffizienten 0.37 / 0.34).

Einen schwächeren, aber trotzdem merklichen Effekt auf Sympathie hat auch Agreeableness. Das wird gerne übersetzt als “soziale Verträglichkeit”, etwas besser würde es der Begriff “Herzlichkeit” treffen. Agreeable sind Menschen, die einen hohen Score bei Freundlichkeit, Empathie und Rücksicht erzielen. Es gilt: Je herzlicher eine Person, desto eher wird diese Person als sympathisch empfunden. Die Effektstärke, ist wie gesagt, mäßig (Korrelationskoeffizienten 0.17 / 0.16).

Einen ähnlich starken, jedoch negativen Effekt, hat emotionale Instabilität. Je instabiler die emotionale Welt einer Person, dies ist zum Beispiel charakterisiert durch das Vorhandensein vieler Ängste und Stimmungsschwankungen, desto weniger sympathisch ist sie in den Augen anderer (Korrelationskoeffizienten -0.13 / -0.17).

Die Effekte wirken in der Summe, oder anders gesagt: Defizite in der einen Abteilung können durch Stärken in den anderen ausgeglichen werden. Wer also den ZScore seiner Big Five Persönlichkeit kennt, kann leicht errechnen, wie es um seine allgemeine (!) sympathische Wirkung bei anderen bestellt ist:

Sympathische Wirkung = 0.5*ZExtro + 0.25*ZAgree – 0.25*ZNeuro

Da es sich oben um Korrelations- und nicht etwa um die viel besser interpretierbaren standardisierten Regressionskoeffizienten handelt, darf man, wenn man es genau nimmt, nicht in Standardabweichungen denken. Wenn man es aber nicht so genau nimmt und nur eine Näherung für die summierte Effektstärke will, darf man es.

Eine Person, die gleichzeitig extrovertiert, herzlich und stabil ist (das sympatischste Profil) würde danach etwa zwei Standardabweichungen sympathischer bewertet werden als eine Person, die introvertiert, kalt und instabil ist (das unsympatischste Profil). Zusammen genommen ergibt sich also ein merklicher Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Sympathie.

Wichtig ist, dass es sich hier um die mittlere sympathische Wirkung geht, denn generell gilt die alte Weisheit: Similarity breeds liking. Individuelle Sympathie ergibt sich vor allem durch Ähnlichkeiten, dies wurde schon von vielen Studien festgestellt. Extrovertierte Menschen mögen besonders extrovertierte Menschen und schüchterne Menschen mögen besonders schüchterne Menschen. Ordentliche Menschen mögen besonders ordentliche Menschen und chaotische Menschen mögen besonders chaotische Menschen. Und so weiter.

Die sympathische Wirkung in individuellen Fällen wird also i.d.R. sehr stark von der obigen mittleren sympathischen Wirkung abweichen. In diesem Fall dominiert das Ähnlichkeitsprinzip.

Ein kurioser Effekt: Wer hat Probleme mit einem weiblichen Boss? Und woher kommen diese Probleme?

Ich habe über Google Scholar wieder einen interessanten Datensatz gefunden (n = 200, Anteil Frauen: 49 %, Mittleres Alter = 39 Jahre, USA), in welchem Teilnehmer sich ihren idealen Boss basteln durften. Eine der Fragen bezog sich auch auf das Geschlecht des Bosses. Es wurde folgende Aussage gegeben: “Ich hätte Schwierigkeiten damit, einen weiblichen Chef zu akzeptieren” zusammen mit sechs Antwortmöglichkeiten von “strongly disagree” zu “strongly agree”.

Die Regression zeigt einen sehr kuriosen und unerwarteten Effekt. Hier abgebildet einmal die Regression für Frauen (gender = 0), und dann für Männer (gender = 1):

Bei beiden ist das Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit von Relevanz – jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen! Gewissenhaftigkeit ist ein Maß dafür, wie ordentlich, diszipliniert und verlässlich eine Person ist. Auf Englisch wird der Begriff conscientiousness verwendet – daher der Variablename Zconsc in der obigen Tabelle. Die umgekehrten Vorzeichen darf man wie folgt interpretieren. Zur knapperen Übersicht kürze ich “weiblichen Boss” mit WB ab:

  • Unordentliche Frauen: Akzeptieren einen WB nur mit Mühe
  • Ordentliche Frauen: Akzeptieren einen WB ohne Probleme
  • Unordentliche Männer: Akzeptieren einen WB ohne Probleme
  • Ordentliche Männer: Akzeptieren einen WB nur mit Mühe

Das obige Result ist auffällig, aber definitiv kein Randeffekt – mit Korrelationskoeffizienten um die plus/minus 0.25-0.30 darf man schon von einem deutlichen Effekt sprechen. Auch die Signifikanzniveaus sind in beiden Fällen ganz zufriedenstellend, so dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass hier bei der Umfrage zufällig ein Effekt produziert wurde, der in der Realität (bzw. in der gesamten Population) gar nicht existiert.

Die Irrtumswahrscheinlichkeit lässt sich durch den Kehrwert des p-Werts sogar etwas weiter abschätzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der oben genannte Effekt nur ein statistisches Artefakt ist, liegt bei 1 zu 70 für Männer und 1 zu 500 bei Frauen. Das ist gut genug, um es als einen realen Effekt zu akzeptieren.

Bei Männern gibt es noch weitere Effekte festzustellen. Schwierigkeiten bei der Akzeptanz einer weiblichen Vorgesetzten zeigen auch Männer, die …

  • sehr extrovertiert veranlagt sind
  • einen neurotischen (= emotional instabilen) Charakter haben
  • in der Kindheit von den Eltern vernachlässigt wurden
  • ein niedriges Einkommen haben

Bleibt die Frage nach dem Wieso und das ist sehr schwierig hier. Auf Frauen würde ich nicht weiter eingehen da die Regression bis auf den Zusammenhang mit der Gewissenhaftigkeit nichts hergibt. Aber ich möchte ein paar Ideen zu dem Profil der Männer anfügen, die eher ungern eine weibliche Vorgesetzte haben. Bitte mit Vorsicht genießen – Alles Folgende ist schlecht informierte Spekulation.

Was für eine eventuelle Erklärung helfen könnte wäre die Feststellung, dass die Kombination Gewissenhaftigkeit + Extroversion eine Persönlichkeitsstruktur ist, die in der Regel mit beruflichem Erfolg assoziiert ist (siehe hier), in diesem Fall aber kombiniert mit einem niedrigen Gehalt auftritt. Es könnte sich bei diesen skeptischen Männer also um Personen handeln, die prinzipiell eine erfolgsversprechende Persönlichkeit besitzen, aber aufgrund gewisser Aspekte (laut Regression vielleicht die Vernachlässigung im Kindes- und Jugendalter?) beruflich gescheitert sind. Das ist eine sehr dreiste Spekulation, wäre aber in gutem Einklang mit den obigen Ergebnissen.

Mit etwas Fantasie könnte man sogar die Brücke zu Narzissmus schlagen. Narzissten sind i.d.R. sehr extrovertiert und gleichzeitig sehr neurotisch. Auch die Vernachlässigung in jungen Jahren würde sich gut ins Bild fügen, da Narzissmus i.d.R. ein Trauma vorangeht. Nach der obigen Regression kann man stark vermuten, dass narzisstische Männer größere Probleme damit haben, einen weiblichen Boss zu akzeptieren. Drei der Regressionskoeffizienten sprechen für diese Richtung. Aber auch hier: eine dreiste Spekulation.

Einschlafen – Wie lange ist normal? Wovon hängt es ab?

Ein neuer Tag, ein neuer Datensatz (n = 254, Anteil Frauen = 50 %, Mittleres Alter = 38 Jahre, Wohnort = USA). Hier wurde neben den üblichen demographischen Daten und Big-Five-Merkmalen abgefragt, wie lange ein Teilnehmer üblicherweise zum Einschlafen benötigt, mit Antwortmöglichkeiten in 10-Minuten-Schritten von 10 Minuten bis 120 Minuten. Folgende Verteilung hat sich ergeben:

Ein Drittel der Teilnehmer benötigt 10 Minuten, ein weiteres Drittel 20 Minuten und das verbleibende Drittel 30+ Minuten. Die Antworten verrechnen sich zu zu einem Mittelwert von 25 Minuten. Nur bei etwa 10 % der Teilnehmer, also einem von zehn Leuten, dauert das Einschlafen üblicherweise eine Stunde oder länger.

Der Hauptfaktor, der die Einschlafzeit beeinflusst, ist das Big-Five-Merkmal emotionale Instabilität (= Neurotizismus). Daneben zeigen auch die vorhandenen Erparnisse einen schwachen, aber verlässlichen Einfluss: Je mehr Geld jemand auf der Bank hat, desto geringer die Dauer zum Einschlafen. Die Regressionskoeffizienten sind wie folgt:

Und hier die Graphen, mit der Einschlafdauer in Minuten als Y-Achse. Ich mag es generell nicht, Regressionen durch Graphen zu verdeutlichen, da der reine Graph die Regression nicht exakt wiedergibt. In der Regression sieht man immer den Einfluss einer Variable auf eine unabhängige Variable bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell. Während der Graph selber nur den Einfluss einer Variablen auf die unabhängige Variable zeigt, ohne Bereinigung jeglicher Art. Dadurch kann es in manchen Fällen sein, dass ein Graph nur einen schwachen Zusammenhang zeigt, während tatsächlich ein starker Zusammenhang besteht. Das sollte man im Hinterkopf behalten. Die Graphen sind nur eine grobe Veranschaulichung des tatsächlichen Zusammenhangs (dieser steht in der Regressionstabelle).

Einen schöne Demonstration für die Stärke der beiden Effekte bekommt man wenn man sie zusammen nimmt indem man eine Clustervariable erzeugt und danach den Vergleich zieht. Im unteren Bild sieht man die mittlere Einschlafzeit für Teilnehmer, die a) emotional instabil sind und gleichzeitig kaum Erspartes auf der Bank haben und b) emotional stabil sind und gleichzeitig viel Erspartes besitzen.

Wenig Stabilität plus wenig Erspartes kostet also in der Summe knapp eine halbe Stunde zusätzliche Einschlafdauer.

Wer lernt neue Sprachen?

Habe gestern bei Google Scholar einen coolen Datensatz (n = 215, Anteil Frauen = 48 %, mittleres Alter = 45 Jahre, Wohnort = USA) zum Thema allgemeine Lebenszufriedenheit gefunden, in dem neben vielen demographischen Daten, Big-Five-Persönlichkeit und Kindheitserfahrungen auch abgefragt wurde, ob die Teilnehmer derzeit aktiv eine neue Sprache lernen. Die Antwortmöglichkeiten waren generell auf einer 6-Punkte Likert Skala von “Strongly Disagree” zu “Strongly Agree”, was im Allgemeinen gute Resultate produziert (großer Antwortraum, kein neutraler Punkt).

Folgendes Regressionsmodell kam dabei raus:

Von den Variablen, die man als eher kausal ansehen kann (Big-Five, Kindheitserfahrungen), haben sich nur zwei Variablen als signifikante Prediktoren gezeigt: Offenheit und ein wohlhabendes Elternhaus. In beiden Fällen gilt: je mehr davon, desto höher die Wahrscheinlichkeit dass eine Person auch im Erwachsenenalter noch aktiv eine neue Sprache lernt. Wobei zwei Dinge auffallen:

Erstens: Beide Effekte sind in der Summe recht schwach (Regressionskoeffizienten um die 0.15) und zweitens: Der Effekt von Offenheit auf die Bereitschaft, eine neue Sprache zu lernen, wird komplett durch die Mediatoren “Creative Activities” und “Traveling” vermittelt. Man kann das so interpretieren, dass Offenheit an sich keine Neigung zum Lernen neuer Sprachen mit sich bringt, sondern nur daduch mit dem Lernen neuer Sprachen assoziiert ist, weil offene Menschen generell eher kreative Hobbies haben (Musik, Malen, DIY) und gerne reisen. Die beiden letzteren Dinge führen dann zur Bereitschaft, eine neue Sprache zu lernen.

Neben kreativen Hobbies und Reisefreudigkeit ist auch der Wohnort ein ordentlicher Prediktor. Je städtischer jemand wohnt, desto größer die Wahrscheinlichkeit dass diese Person eine neue Sprache lernt. Das liegt wohl daran, dass Städter zum einen regelmäßiger Kontakt mit Ausländern haben und zum anderen auch deutlich mehr Möglichkeiten haben, Unterstützung beim Lernen neuer Sprachen zu bekommen (Tandem-Partner und Kurse in der Nähe).

Das Alter war kein Prediktor – Alte Menschen sind somit, zumindest bezüglich Sprachen, genauso lernfreudig wie junge Menschen. Auch das macht Sinn vor dem Hintergrund der Stabilität der Big-Five-Merkmale. Ob jemand Freude am Lernen hat, ist im Allgemeinen eine Frage der Offenheit. Und das Maß an Offenheit, das eine Person hat, ändert sich i.d.R. über den Verlauf des Lebens kaum. Es gäbe also auch von der Theorie her keinen Grund zu vermuten, dass alte Menschen seltener lernen.

Ein Effekt, der kurz vor der Signifikanz war (habe das eher konservative Kriterium p < 0.01 genommen, beim gängigen p < 0.05 wäre der Effekt im Modell geblieben), war der Zusammenhang von psychischer Krankheit bzw. Antidepressiva-Konsum und dem Lernen neuer Sprachen. Die Daten zeigen eine klare, wenn auch schwache Tendenz, dass Menschen die (selbstberichtet) unter einer psychischen Krankheit leiden bzw. Antidepressive nehmen, sich auch eher an neue Sprachen heranwagen. Aber darüber, ob das ein echter Effekt ist und wenn ja, woher das kommt, will ich nicht spekulieren.

Ein kleiner Zusatz: Wenn man sich die Summeneffekte anschaut, sieht man dass die Variablen “Creative Activities” und “Urban Live” in der Summe leicht schwächer wirken als im Modell (0.25 vs. 0.29 und 0.18 vs. 0.22). Das liegt vor allem daran, dass es zwischen den beiden Variablen eine negative Korrelation gibt. Städter pflegen im Mittel etwas seltener kreative Hobbies als Landmenschen. Das kann gut an dem Angebot liegen. Wer auf dem Land wohnt, hat weniger Ablenkungen vom Klavier spielen, malen oder werkeln.

Wer weiß, was das adjusted R^2 bedeutet, wird sicher ein bischen mit der Stirn runzeln. Ein niedriges adjusted R^2 bedeutet jedoch nicht, dass ein Modell schlecht ist und verworfen werden sollte. Sondern nur, dass es einen geringen Teil der Variation in der unabhängigen Variablen erklärt. Das Modell sollte man also als unvollständig sehen – es gibt relevante Faktoren, die in der Umfrage nicht erfasst wurden. Die Qualität der einzelnen Prediktoren, die erfasst wurden, ergeben sich jedoch nicht aus dem adjusted R^2, sondern aus den jeweiligen p-Werten. Und diese waren sehr gut (p < 0.01 für alle, meistens sogar p < 0.001).

Alte Menschen waren im Mittelalter keine Seltenheit

Im Mittelalter lag die Lebenserwartung bei nur knapp 30 Jahren. Diese Statistik kann den Eindruck erzeugen, dass alte Menschen früher eine große Seltenheit waren. Es stimmt natürlich, dass niemand zu dieser Zeit davon träumen konnte, ein stolzes Alter von 90+ zu erreichen. Hierbei handelt es sich eine Entwicklung der Neuzeit. Doch 60-jährige Menschen waren nicht so selten, wie die obige Statistik auf den ersten Blick impliziert. Ein kleines Gedankenexperiment soll zeigen, wieso das so ist.

Denken wir uns eine Gesellschaft, in der jedes Leben nur zwei mögliche Ausgänge haben kann. Entweder eine Person stirbt sofort bei Geburt oder lebt bis zum Alter von exakt 80 Jahren. Bei einer Säuglingsmortalität von 0 % wäre somit die Lebenserwartung 80 Jahre. Eine Säuglingsmortalität von 10 % würde jedoch zu einer Lebenserwartung von nur 72 Jahren führen und bei 20 % Säuglingsmortalität wären es 64 Jahre. Und das obwohl jeder, der die Geburt überlebt, zielsicher das hohe Alter von 80 erreicht.

Das Gedankenexperiment zeigt, dass die Säuglingsmortalität die mittlere Lebenserwartung stark nach unten korrigieren kann. Die Lebenserwartung für sich alleine genommen ist somit kein verlässliches Maß dafür, wie gängig Menschen im hohen Alter in einer Gesellschaft sind. Um zu sehen, wie gängig hohe Alter sind, muss man die Lebenserwatung mindestens um die Säuglingsmortalität bereinigen.

Im Mittelalter ist knapp jedes dritte Kind bei der Geburt verstoben. Die um die Säuglingsmortalität bereinigte Lebenserwartung wäre somit um die 45 Jahre. Berücksichtigt man nicht nur die Säuglingsmortalität, sondern die Kindersteblichkeit insgesamt, ergibt dies sogar eine mittelalterliche Lebenserwartung um die 50-60 Jahre. Es gilt also: Wer im Mittelalter Geburt und frühe Kindheit überlebt hatte, konnte durchaus damit rechnen 60 Jahre alt zu werden. 60-jährige Menschen waren damals absolut keine Seltenheit, trotz der statistischen Lebenserwartung von nur 30 Jahren.

Etwas technischer gesprochen demonstriert das Obige, dass man bei Verteilungen, die nicht einer Symmetrie um den Mittelwert genügen, sehr vorsichtig mit den Begriffen Mittelwert, häufigster Wert und Häufigkeit im Allgemeinen umgehen muss. Der Mittelwert ist nicht immer auch der am häufigsten auftretende Wert – Tatsächlich muss der häufigste Wert sogar nicht einmal in der Nähe des Mittelwerts liegen. Und Werte fernab des Mittelwerts können können höhere Häufigkeiten besitzen wie man sie z.B. von der Normalverteilung kennt.

Lügen kann man prinzipiell nicht erkennen

Eines meiner Lieblingsthemen ist das False Positives Paradox, weil es zum einen sehr kontraintuitiv ist und zum anderen einiges über Selbsttäuschung offenbaren kann. Es gibt viele Menschen die von sich behaupten, dass sie gut darin sind Lügen zu erkennen oder Fake Reviews zu spotten. Man kann aber mit mathematischer Sicherheit sagen, dass diese Menschen sich täuschen. Sie können es nicht, weil es prinzipiell unmöglich ist dies verlässlich zu tun. Wir fangen an einem etwas unerwarteten Punkt an: einem HIV-Test. Nehmen wir das folgende über diesen Test an.

Eine Person, die kein HIV hat und den Test macht, bekommt mit 98 % Wahrscheinlichkeit ein negatives Ergebnis und mit 2 % ein positives.

Eine Person hingegen, die HIV hat, bekommt mit 98 % Wahrscheinlichkeit ein positives Ergebnis und mit 2 % ein negatives.

Das klingt nach einem sehr verlässlichen Test und wer diesen Test durchführen lässt und ein positives Ergebnis erhält, sollte sich sorgen machen. Richtig? Nicht ganz.

HIV ist eine recht seltene Erkrankung, zumindest in westlichen Ländern, also nehmen wir mal an dass in einem Sample von 1000 Leuten 990 Leute kein HIV haben und 10 Leute HIV haben. Man könnte auch andere Zahlen ohne dass der Rest sich verzerrt, aber einigen wir uns auf dieses Sample. Wieviele bekommen ein positives Resultat?

  • Von den 990 ohne HIV bekommen 2 % (also 20 Leute) fälschlicherweise das Resultat HIV-Positiv.
  • Von den 10 Leuten mit HIV bekommen 98 % (also 10 Leute) korrekterweise das Resultat HIV-Positiv.

Insgesamt haben also 30 Person das Resultat HIV-Positiv bekommen – aber nur nur 10 dieser Leute tragen tatsächlich das HI-Virus! Oder anders formuliert: Wer bei diesem Test das Ergebnis HIV-Positiv bekommt, hat nur mit 33 % Wahrscheinlichkeit tatsächlich HIV. Und das obwohl der Test, wie man an den Eingangszahlen sieht, insgesamt sehr verlässlich ist.

Wie ist das möglich? Es ist die Kombination dieser zwei Elemente, die zu diesem verzerrten Ergebnis führt:

  • Der Test stuft manche Gesunde als krank ein
  • Die Anzahl Gesunder überwiegt die Anzahl Kranker deutlich

Durch diese Kombination entstehen viele “false positives” (Einstufung als HIV-Positiv trotz Abwesenheit des Viruses), die einer nur geringen Menge an “correct negatives” (korrekte Erfassung des Viruses) gegenüberstehen. Dadurch wird es insgesamt eher unwahrscheinlich, dass jemand, der das Result HIV-Positiv bekommt, auch tatsächlich den Virus trägt.

Wer dieses False Positives Paradox ignoriert, kann im Alltag leicht Selbsttäuschungen erliegen. Ein schönes Beispiel ist das Erkennen von fake Reviews. Wer im Internet etwas bestellen möchte oder ein neues Restaurant ausprobieren will, verlässt sich häufig auf die Reviews anderer Menschen. Für den Verkäufer oder Restaurantbesitzer ist es entsprechend toll, viele gute Reviews zu haben. Und der ein oder andere mag dem wohl auf unmoralische Weise nachhelfen und zwar in dem er selbst falsche Reviews online stellt.

Kann man diese fake Reviews von echten Reviews unterscheiden? Nein, definitiv nicht. Der Grund ist das False Positives Paradox.

Nehmen wir an, dass wir 1000 Reviews vor uns haben. Die meisten sind authentisch, manche hingegen sind fake. Sagen wir dass 900 davon echt sind und 100 fake. Und seien wir viel gütiger mit unseren Fähigkeiten, als es der Realität entspricht. Und zwar in dem wir folgendes annehmen:

Ein echtes Review stufen wir mit 90 % Wahrscheinlichkeit als solches ein und mit 10 % als fake.

Ein fake Review erkennen wir mit 100 % Wahrscheinlichkeit.

Laborexperimente zeigen dass niemand so verlässlich ist, sowohl was echte als auch fake Reviews angeht. Aber um konservativ zu sein, nehmen wir es an. Wieviele fake Reviews sehen wir?

  • Von den 900 echten Reviews stufen wir 10 % (also 90 Stück) als fake Reviews ein.
  • Von den 100 fake Reviews stufen wir 100 % (also 100 Stück) als fake Reviews ein.

Macht also 190 Reviews, von denen wir meinen dass sie fake sind, obwohl nur 100 davon tatsächlich fake sind. Bei etwa jedem zweiten täuschen wir uns – kaum besser als ein Münzwurf. Und das obwohl wir im Bezug auf die prinzipielle Genauigkeit sehr gütig waren.

Lange Rede, kurzer Sinn: es funktioniert leider nicht. Man kann Lügen nicht verlässlich erkennen. Oder fake Reviews. Das False Positives Paradox verhindert dies prinzipiell und zwar mit mathematischer Sicherheit. Zumindest, und das ist ein lustiger Zusatz, in einer Welt, in der die Wahrheiten die Lügen überwiegen. Mit viel Glück kann man hoffen, ungefähr so verlässlich wie ein Münzwurf zu sein.

Social Loafing

This is an article I wrote in 2017 about social loafing. It was planned to be part of a book, but since it isn’t, I might as well put it here. Enjoy!

That Guy

Everyone has encountered “that guy”. He is part of your team, but he usually finds great excuses for why he wasn’t able to contribute to the project. For one, he never got the e-mail that detailed what needs to be finished by the end of the week. Must have been the server acting up. Also: how can he be expected to attend the team meeting if his car doesn’t start? And the hard work he put in yesterday? He couldn’t save the file because the computer crashed. Blue screen and all, out of nowhere. Plus, it’s unfair that he is supposed to do the most difficult part of the project. Especially since nobody from the team is willing to help him out with anything.

Enter the world of the social loafer. Psychologists have studied this phenomenon since 1913 and even today studies on this topic are being regularly published. It refers to the fact that when working in a group, people are usually less productive than if they were working alone. The introductory example was a bit misleading though as in the vast majority of cases, the phenomenon is not as extreme as described above. The extreme social loafer may be well-known and despised, but social loafing is usually much more subtle. Many social loafers don’t intend on putting in less work and sometimes don’t even notice when they do. But despite that, social loafing is a well-established psychological phenomenon with many implications for students and universities as well as employees and companies.

In this chapter we would like to highlight some aspects of social loafing and have a look at some of the core questions that may arise. Who are the social loafers? Is there are a typical demographic? A typical personality? And why does social loafing happen? What are the relevant factors? Most importantly though: What can be done to prevent social loafing? How should you design your teams to minimize this unavoidable effect? We will draw on recent psychological studies to answer all of these questions.

The classic experiment that began the research into social loafing was performed in 1913 by Max Ringelmann, a French professor of agricultural engineering. He asked groups of men to pull on a rope and found that the total force does not grow proportionally to the number of men as one might expect. In others words: when part of a group, each man didn’t pull as hard as he would have when pulling alone. This effect, not giving your best or maybe not even giving any effort when working in a group, became known as the Ringelmann effect. Nowadays it is more commonly referred to as social loafing.

Demography and Personality

Initially it was suggested that the problem at the core of social loafing may simply be sub-optimal coordination. When working alone, you can direct your full attention to the task at hand and work on it in the desired pace and order. In a group, things get more complex. Tasks will be divided among the team members and every once in a while, there might be some down time for you while you wait for other team members to finish their parts. Other times you may need to put your task on hold to assist another team member. Or a misunderstanding may arise that will bring extra work for the group.

All of this would clearly lead you to be less productive than if you were working alone. So it is not far-fetched to believe that the idea of social loafing might be a consequence of group work requiring complex coordination. However, using a series of clever experiments, Ingham, Levinger, Graves and Peckham (1974) ruled out coordination as a main factor in social loafing. The seemingly plausible explanation turned out to be a dud. Luckily though, psychologists kept researching the phenomenon and were able to uncover what really brings forth social loafing.

Let us turn to the first questions: Who are the social loafers? Is there are a typical demographic? A typical personality? Demographic factors commonly included in psychological studies are gender, age, parental status, relationship status, educational status and income. The numerous studies on the topic of social loafing show that except for a small gender effect, there is no typical demographic. There are young social loafers and old ones, childless social loafers and ones with children, single social loafers and married ones. No demographic factor turned out to be relevant to the phenomenon. Which, one may add, is not always the case.

However, as mentioned, a gender effect was indeed found by many studies, such as Kerr (1983), Markus & Kitayama (1991) and Kugihara (1999). They all showed that men have a stronger tendency to social loafing than women. A common explanation given by researchers is that women are in general more social and relational in their thinking than men. This is illustrated by the fact that lone wolfs, an extreme manifestation of anti-relational thinking, are rarely female. The lone wolf is for the most part a male phenomenon. Women tend to be more willing to form bonds with other people and share their experiences. It is easy to see how this way of social thinking can be a great safeguard against becoming a mild or even full-blown social loafer.

What about personality though? Is it a better predictor of social loafing than demography? When talking about personality, modern psychology usually makes use of the big five model. The five traits can be summarized by the word OCEAN: openness, conscientiousness, extroversion, agreeableness and neuroticism (which refers to emotional instability). Naturally, psychologists have set out to examine whether the big five traits have any effect on social loafing. Are introverts more susceptible to becoming social loafers? Or is this rather true for extroverts? Are emotionally stable people the typical social loafers? Or is it the neurotic people? Turns out that the traits openness, extroversion and neuroticism do not have any effect on social loafing. So the phenomenon can neither be pinned on the introverts, nor the extroverts.

However, the story is different for conscientiousness and agreeableness. We all surely know someone who is highly conscientious. He or she always gets up early and on time, has a well-rehearsed morning routine, an up-to-date calendar, an orderly household, steady work ethics and completes chores as soon as they arise. Another aspect of conscientiousness is that highly conscientious people are much more task focused than, shall we say, disorganized people. Several studies, among them Chen & Kanfer (2006), have shown that it is this task focus in particular that protects conscientious people from falling into the social loafing trap.

One should add though that conscientiousness is not a magic ingredient. There are conscientious people who can become quite the social loafers and team disruptors, namely those who couple their conscientiousness with a very low agreeableness. To really be the best team worker imaginable, the conscientiousness has to be coupled with agreeableness. We all need the help of highly agreeable people from time to time. These are people who have a soft heart, a rich pool of empathy and are always polite, considerate and diplomatic. It seems logical that agreeable people work well in teams and indeed Klehe & Anderson (2007) showed that agreeable people are less likely to be social loafers.

Now we can already construct a best and worst case model for social loafing. The teammate from heaven is female, conscientious and agreeable. She does very well at focusing on the assigned task, but still manages to keep an eye on the well-being of all other team members. You on the other hand should definitely keep an eye on the male team member who is disorganized (which shall be our opposite to conscientious) and socially difficult (our opposite to agreeable). This combination defines the high-risk class for social loafing. It is relatively likely that such a team member will contribute much less to the project than he theoretically could or might even give up putting any effort into the team work.

Task Interdependence

Up to now we’ve been focusing heavily on the person of the social loafer and have ignored any effects the task itself could have. But it may be worthwhile to ask whether there are tasks, or aspects of tasks, that may invite social loafing. In what ways could we characterize the many different tasks that students or employees may be assigned in group work? One important factor is the so-called interdependence of a task. Consider for example being assigned the task of printing out all the production data for the past year. This is a task you could easily do on your own. While it may be important for the work of the group, it is not something that needs to be done in collaboration. All you would need is your computer, the company printer and lots of coffee. Since this task does not require any interaction with other team members, we would say that this task has a low interdependence.

Consider on the other hand the task of compiling a report on the progress of the group work. For this you would need to talk to every member of the team and get a clear idea of what they have done so far and what they are working on now. There is no way you could do this on your own, it requires interaction with your teammates. So this would be a great example of a task with a high interdependence.

In their 2003 field study, Liden, Wayne, Jaworski and Bennett thoroughly examined the effects of task interdependence on social loafing. Their sample consisted of 168 employees from two Midwest companies – 35 from an electronics firm and 133 from a machinery producing firm. They hypothesized that task interdependence should be positively related to social loafing, that is, the higher the interdependence of a given task, the more social loafing one would observe. Their reasoning for the assumption was as follows.

Manz & Angle (1986) demonstrated that people working on tasks with a high interdependence find it increasingly difficult to feel a sense of personal achievement in one’s work. This makes sense. In case of printing the production data, it is clear who did all the work, while in the case of the progress report it is much more difficult to see how much each team member contributed to the report. So as tasks become more interdependent, the healthy sense of personal achievement (and recognition for the work by others) may get lost along the way.

The statistical analysis of the field study confirmed their hunch. The numbers showed that task interdependence is indeed an important factor in terms of social loafing. The higher the interdependence of the assigned task, that is, the stronger a given task requires collaboration with team members, the more it invites social loafing. This can be quite helpful to know when you are designing a group. How so?

For one, you could try to divide the work into tasks that require as little collaboration as possible. This will allow the students or employees to maintain a sense of personal achievement in their work. And for tasks that do require a lot of collaboration – since we are talking about group work, there are bound to be tasks that are highly interdependent – you may want to assign these particular tasks to the low-risk group identified above: female team members with lots of conscientiousness and agreeableness.

Life in the Spotlight

There is more to be said about the task though. Liden, Wayne, Jaworski and Bennett (2003) also hypothesized that task visibility plays an important role in social loafing. Task visibility refers to a person’s belief that the supervisor is aware of one’s effort. When working on a task with low visibility, an employee will not expect to gain any recognition from the higher ups even if he or she were to perform the task with excellency. It is also true though that in case of failing at the task, no punishment is to be expected. Whatever the effort and outcome, it simply won’t be noticed. The employee is able to hide in the crowd, so to speak. A high task visibility on the hand brings the chance at being recognized (or punished) by the management.

It seems logical that being put in the spotlight, closely observed by the supervisor, would make it harder to slack off and bring less than your fair share. And indeed Liden, Wayne, Jaworski and Bennett (2003) were able to confirm their hypothesis of task visibility being negatively related to social loafing. The more visible the task, the less social loafing one will find. This is of course another great hint for those who design work teams.

It is helpful for productivity to remind all team members that a supervisor will check in regularly to check their progress. Employees will then know that if they put in hard work, this hard work will not go unnoticed. Every effort will be properly recognized. Naturally, those not willing to put in any effort will have to fear being called out on their social loafing. The reminder does not have to be (and should not be) given in form of a stern warning, but rather as an expression of the supervisor taking an honest interest in the employees and their work. Most employees are not social loafers and should not be given the feeling that they are being secretly suspected of slacking off. Recognition for good work should be the focus of the reminder.

Since we are talking about the role of the supervisor here, allow me a short detour to the pygmalion (or Rosenthal) effect before going back to social loafing. The pygmalion effect refers to the well-established fact that a supervisor’s expectations will have a strong influence on an employee’s performance. If a supervisor feels that an employee is not very capable and can’t be expected to perform a task well, he will communicate this, if not verbally, then non-verbally. The employee will pick up on these non-verbal cues and indeed show a reduced performance. So it’s a self-fulfilling prophecy: the expectations of a low performance bring about the low performance.

Of course, this can go the other way as well. If the supervisor regards the employee highly and expects nothing but great work, this will be communicated one way or the other and the employee will give his best. the only limitation here is realism. Once the expectations become so high that they can safely be called unrealistic, the performance-enhancing aspect vanishes and even reverses. The employee can feel overwhelmed by the unrealistically high expectations and just give up.

So the optimal way for a supervisor to put this effect to good use is to clearly and repeatedly communicate his best expectations, but always make sure that these expectations are honest (so that the non-verbal remains in line with the verbal) and realistic. Combined with checking in regularly to make sure those working hard are recognized and those who don’t put in any effort are punished, this can be a very effective tool in managing small teams.

But let’s get back to social loafing. We noted that close supervision helps to reduce social loafing since it puts the employees in the spotlight. There is another important way to use the spotlight that also works wonders in terms of social loafing: peer evaluations. For this we consult Aggarwal and O’Brien (2008). During peer evaluations, every team member is asked to evaluate the work of other team members. Typical questions include “Did X work well with other team members?” or “Did X work diligently on the tasks?”.

Aggarwal and O’Brien found that the number of such peer evaluations over the course of a project reduced the incidence of social loafing in a statistically significant manner. So we can see that it’s not just the recognition or criticism of supervisors that helps in combating social loafing. Having a system of recognition or criticism by peers in place seems to be just as effective. As with the supervisor evaluation, one should emphasize the recognition aspect of such a system rather than giving the impression of broad suspicion.

Another factor relevant to social loafing that Aggarwal and O’Brien suspect might be a result of being put in, or rather taken out of, the spotlight is the scope of the project. Strong & Anderson (1990) noted that as the scope of a project grows, it becomes more and more difficult to make assessments of the contributions of individual team members. We might expect both supervisor and peer evaluation to suffer as a result of that, leading to an increase in social loafing.

Aggarwal and O’Brien were able to show that this is just what happens. Increase the scope and social loafing will become more widespread. Though the relationship between the two is not particularly strong, with a correlation coefficient of only around 0.15, the effect is statistically significant. This just underlines how important it is to include a system of supervisor and peer evaluations and develop it further as the scope of the project goes up.

All For One And One For All

There is yet another relevant factor that we have consequently ignored so far: the group. It seems obvious that the composition of the team will have an effect on the tendency to slack off. One group factor often at the heart of the research into social loafing is cohesiveness. It can be defined as the degree to which members relate to each other or, in other words, their desire to stick together (Mudrack 1980).

A team hastily thrown together without any consideration for personality, familiarity, personal conflicts and expertise is relatively likely to end up with a low cohesiveness. The team members will hesitate to ask each other for help, will coordinate sub-optimally and may get into heated arguments. Members of a highly cohesive team on the other hand will feel a strong sense of unity and work hard to make their team a success. When you are one with the team, personal achievement and group achievement become indistinguishable.

While many could and would feel sympathy with a social loafer stuck in a fragmented and conflicted group, the social loafer within a dream team should expect massive social repercussions. So you will probably not be surprised to hear that the scientific data supports the assumption that social loafing is negatively related to group cohesiveness. More cohesiveness will lead to less social loafing.

Just as important and well-established is the effect of team size on social loafing. There are many excellent reasons why we should expect such a relationship. Jones (1984) showed that as groups get larger, it becomes more difficult to assess each individual’s contributions. So we may expect that both the sense of personal achievement and the feelings of being put in the social spotlight will suffer as a result of that, two factors that we already know to be of great relevance to social loafing.

Another reason to expect the group size to matter is a phenomenon known as diffusion of responsibility. It is a well-known and well-researched psychological mechanism that leads people to feel less responsible for the success of a group project when the tasks are divided among many group members. If things go wrong, team members are less willing to be held accountable. This mechanism has been at the heart of many industrial accidents and is also assumed to be the cause of the bystander effect.

The bystander effect refers to the fact that when you are in dire need of help, for example because you’ve suffered a stroke in public, it is better to have only a few people around you instead of many. It seems counter-intuitive at first because one would assume that the more people are around you, the more likely it is that someone will come to check on you to see if you are okay. But the opposite is the case. When there are many people around a person that may or may not need help, people walking by will tend to think that someone else will surely check on that person. They will feel that checking on and helping that person is not their responsibility. But since everyone uses the same logic, in the end it is quite likely that no one will come to check on the person in distress.

On the other hand, if very few people or maybe even only one bystander is around, the logic of “someone else will do it” does not work anymore. If this person really needs help, you are all he or she’s got. So you are much more likely to pause, swallow your social anxiety and do what any good person should do. We shall not explore the bystander effect here, but it is a great demonstration of how powerful (and destructive) diffusion of responsibility can be. According, we may hypothesize in good conscience that as the group gets larger and the feeling of responsibility for success and failure shrinks, social loafing can be expected to be more widespread.

Let me add one more factor on why team size should matter. I’ll get ahead of myself by mentioning here that indeed the following factor has proven to be relevant for social loafing, far-fetched though it may seem. You might have heard the term dehumanization before. It means painting or regarding a person as someone “not human” or “sub-human”. It was a despicable technique used by the national socialist during the Holocaust to get the population to turn against Jewish people. So it might surprise you to hear the term in this context, though one should add that here the dehumanization is much more subtle and sub-conscious.

In their study titled “Team Size, Dispersion and Social Loafing in Technology-Supported Teams: A Perspective on the Theory of Moral Disengagement”, the authors Alnuaimi, Robert and Maruping (2010) hypothesize that both diffusion of responsibility and dehumanization have an important effect on social loafing through the size of the team. Their argument for dehumanization is as follows. As the team gets bigger and bigger, familiarity among the team members decreases and thus team members are much less likely to know each other personally. This invites a team member to see the rest of the team as some sort of “generalized other”, an anonymous and nameless collection of people. And the people the team member interacts as robotic and emotionless entities rather than the full-valued human beings they are. It is not an intentional or malicious dehumanization, but it is one nonetheless. So again we could hypothesize that as the team gets bigger and the other team members less familiar, social loafing should become more frequent.

Of course all of this has been put to the test and for the reasons mentioned above, the decreased sense of personal achievement, the decreased evaluation by supervisors and peers, the increased diffusion of responsibility and the increased tendency to dehumanize others, social loafing indeed becomes more widespread as the team size grows. For the team designer this means that if you have 12 people to complete your project, divide them up into four smaller teams of 3 people rather than three larger teams of 4 people or, even worse, two larger teams of 6 people each. Keep your team sizes as small as the task allows you to.

The Sucker Effect

What would you do if you had a social loafer in your team? Would you work harder, maybe even taking over some of the tasks that the social loafer was supposed to complete, so that the project will still be a success? Or would reduce your efforts as well, thinking that you don’t want to be taken for a sucker by some free-rider who wants to have the gain without the pain? Much research has been done on how non-loafing team members respond to their loafing colleagues. And a mixed picture emerged. Scientists observed both cases in their studies: colleagues stepping up to fill in for the loafer and colleagues reducing their effort so that they are not taken for a sucker. The deciding factors on which of the cases emerges are, according to Kerr (1983) and Porter (2003), the general capability of the social loafer and and the importance of the project.

If the social loafer is seen as generally capable of completing the given task and if the task is regarded as relatively unimportant, the group will be drawn towards the sucker effect. They will reduce their efforts and accept that the project may now be on a track to failure. But whatever happens, at least they have clearly demonstrated that they are not willing to be taken advantage of.

The situation is different though if the social loafer is not up to the challenge of completing his tasks, for example because he or she just recently joined the company, or if the project is seen as one of the utmost importance. In this case the non-loafers will tap into their energy reserves and step in for the free-rider. They will not let the loafer endanger the project, even if they may be perceived as being taken advantage of. But I’m sure they’ll be happy to report the loafer to the boss as payback for the extra work.

We should apply caution though before generally condemning all social loafers. Many of the loafers certainly do it because they feel they can get a better deal by taking advantage of their fellow students or colleagues. Naturally, this is a very anti-social and egoistic attitude that should not be tolerated. However, social loafing can also come from very different places. For example, Webb (1997) notes that sometimes social loafing comes from the fear of exposing a lack of understanding. It can also be associated with a social anxiety. And Williams and Jackson (1985) found that being fatigued strongly increases the likelihood of becoming a social loafer.

So, and this is an important point, beware of assuming that the social loafer must be behaving this way because of anti-social and egotistic motives. Better than to just assume the worst case scenario is to ask the person what’s going on in a friendly and understanding tone. If it turns out that the root is a lack of understanding, social anxiety or fatigue, reasonable solutions can be found that will have a positive effect on all the people involved in the group project. The person can be taken out of the group, given assistance for his or her problem and the team given a replacement to continue working on the project.

Let’s make a quick summary of all the tips one may compile from the academic research on social loafing:

– Make sure that every team includes a highly conscientious and agreeable person, preferably one who is also female.

– Preferably create tasks that don’t require a lot of collaboration among team members.

– Put in place a visible system of regular supervisor and peer evaluations. Make sure to emphasize the aspect of recognition rather than general suspicion.

– Supervisors should make use of the Rosenthal effect: clearly communicate the best expectations, but make sure they are honest and realistic.

– Increase group cohesiveness by compiling teams of people familiar to and friendly with each other and team-building exercises.

– Use teams that are as small as possible.

– When social loafing occurs, approach the loafer in an understanding manner to find out what’s going on.

Zufriedenheit und Zeitperspektiven

Vor kurzem habe ich Zugriff zu einem interessanten Datensatz bekommen, der aus einer Umfrage zum Thema “Time Perception” (Zeitwahrnehmung) hervor ging. Nach Bereinigung des Datensatzes nach a) Aufmerksamkeitschecks, b) unvollständigen Antworten und c) Indikatoren für Widerspruchsfreiheit blieben N = 638 ausgefüllte Antwortbögen übrig. Abgefragt wurden, neben den üblichen demographischen Daten und einem 15-Item Big-Five Kurztest, eine Skala für den Fokus auf die Vergangenheit, eine Skala für den Fokus auf den Moment und eine weitere für den Fokus auf die Zukunft. Die Auswertung hat den folgenden schönen Plot hervorgebracht:

Hier sieht man den jeweiligen Zeitfokus aufgespaltet nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Sehr deutlich sind drei Dinge zu erkennen:

  • Menschen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind, zeigen einen starken Fokus auf die Vergangenheit und einen schwachen Fokus auf den Moment
  • Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, zeigen einen schwachen Fokus auf die Vergangenheit und einen starken Fokus auf den Moment
  • Der Fokus auf die Zukunft liegt bei sehr unzufriedenen Menschen statistisch signifikant unter dem Durchschnitt, unterscheidet sich aber nicht signifikant von den anderen Zufriedenheitsniveaus. Aufgrund der schwachen Variation soll diese Skala hier auch nicht weiter beachtet werden

Meine erste Anmerkung betrifft die Stärke des Unterschiedes. Ein schwacher, jedoch kaum erwähnenswerter Effekt erstreckt sich in der Sozialwissenschaft etwa über 0,3 bis 0,4 Standardabweichungen. Von mäßig stark kann man im Bereich 0,5 bis 0,6 Standardabweichungen sprechen. Alles über 0,7 Standardabweichungen darf man mit gutem Gewissen als starken Effekt bezeichnen. Im obigen Fall variiert der standardisierte Score für die Vergangenheitsskala von etwa Z = 0,7 bei Menschen, die sich als sehr unzufrieden bezeichnen, bis etwa Z = -0,3 bei Menschen, die sehr zufrieden sind. Das macht insgesamt einen Unterschied von einer Standardabweichung – somit ein massiver Effekt. Auch der Score für die Moment-Skala variiert über einen ähnlichen Bereich.

Zufriedenheit im Leben ist also stets begleitet durch eine fundamentale Veränderung des Zeitfokus. Es stellen sich zwei wichtige Fragen: Was ist davon ist Ursache und was Wirkung? Und: lässt sich durch das Trainieren von Mindfulness (Fokus auf den Moment) die Lebenszufriedenheit steigern? Bzgl. der ersten Fragen geben die Daten etwas Aufschluss, die zweite Frage lässt sich aus den Daten nicht beantworten. Glücklicherweise gibt es Studien, die sich der zweiten Frage schon gewidmet haben.

Zuerst Ursache und Wirkung. Generell gilt: Kausalität lässt sich ohne kontrollierte Experimente nicht abschließend feststellen. Entsprechend sollte das Folgende nur als Nahelegung und nicht als abschließende Antworten verstanden werden.

Eine Regressionsanalyse zeigt, dass sich ein großer Teil der Variation der Lebenszufriedenheit (adjusted R^2 um die 40 %) aus Faktoren erklären lässt, welche durch die Genetik und frühen Kindheitserfahrungen ausgeprägt werden. Dazu gehören vor allem die Big-Five-Dimensionen Extroversion, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität. Bei allen drei Faktoren gilt: je mehr, desto besser. Der vorliegende Datensatz reproduziert damit auch einen aus anderen Studien schon bekannten Zusammenhang (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0191886902000570). Somit gilt: Lebenszufriedenheit mag zwar nicht in Stein gemeißelt sein, aber eine deutliche Tendenz in die eine oder andere Richtung ist schon im Alter von etwa 5 Jahren verankert. Und aus der Stabilität der Big-Five-Merkmale folgt dass diese Tendenz im weiteren Lebensverlauf auch erhalten bleibt.

Eine ähnliche Erklärung lässt sich bei den Skalen für den Vergangenheits- und Moment-Fokus nicht ermitteln. Sie ergeben sich weder aus den Big-Five, noch aus den anderen Aspekten der Kindheit, die in der Umfrage abgefragt wurden (Beziehung zu Eltern, Harmonie unter den Eltern, Wohlstand des Elternhauses, und so weiter). Damit liegt die Entwicklung der Zufriedenheit in der Kausalitätskette vermutlich vor der Entwicklung der Zeitperspektiven. Inwiefern man hier von Ursächlichkeit sprechen kann, bleibt aber offen.

Diese Reihenfolge der Kausalität zeigt, dass ein genauerer Blick notwendig ist um den Sinn von Mindfulness-Training zu bewerten. Ein Beispiel zeigt wieso. Temperatur und Eisverkäufe sind, wie Zufriedenheit und Moment-Fokus auch, stark korreliert. Könnte man künstlich die Temperatur erhöhen / senken, so würde man damit auch die Eisverkäufe erhöhen / senken. Umgekehrt funktioniert das aber nicht. Eine erfolgreiche Werbekampagne, welche zu mehr Eisverkäufen führt, wird die Umgebungstemperatur nicht erhöhen. Würden die Effekte eines Trainings zur verbesserten Wahrnehmung des Hier-Und-Jetzt ähnlich verpuffen? Oder könnte so ein Training rückwirkend die Lebenszufriedenheit steigern?

Diese Meta-Studie stellt fest, sofern man den Bogen zwischen Zufriedenheit und Stressreduktion schlagen möchte, dass letzteres funktioniert: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK77489/

MBSR was able to reduce stress levels in healthy people

Auch diese Meta-Studie belegt den rückwirkenden Effekt von Mindfulness: http://eprints.whiterose.ac.uk/95817/3/login5.pdf

Results of the meta-analysis suggest that MBIs have the potential to significantly improve stress among HCPs

Diese Meta-Studie ebenso: https://link.springer.com/article/10.1007/s12671-017-0726-x

“Results suggest that mindfulness-based interventions can be beneficial for outcomes such as anxiety, depression and perceived stress during the perinatal period”

Und gleiches gilt für diese Meta-Studie: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S002239991500080X

MBSR is moderately effective in reducing stress, depression, anxiety and distress and in ameliorating the quality of life of healthy individuals

Die Liste ließe sich sehr leicht fortführen. Zu lernen, das Hier-Und-Jetzt wahrzunehmen und den Blick dort zu belassen, ist also eine recht verlässliche und effektive Methode Stress zu reduzieren und somit mehr Zufriedenheit im Leben zu erhalten. Dies gilt explizit auch, wenn pathologische Probleme wie eine Angststörung oder Depression vorliegen.

Wobei ich gerade eine Abkürzung genommen habe, die etwas dreist war, aber wohl nicht problematisch. Es wäre erst nachzuweisen, dass die Reduktion von Stress auch eine höhere Lebenszufriedenheit bringt, aber ich vermute stark, dass dem so ist und belasse es dabei. In einem späteren Blog-Eintrag will ich gängige Methoden zur Stärkung der Mindfulness sammeln. Es gibt viele einfache und clevere Ansätze, um seine Aufmerksamkeit in das Hier-Und-Jetzt zu lenken.

Gute / Schlechte Ungleichheit

Idealerweise verdienen die reichsten 10 % etwa 8-Mal mehr als die ärmsten 10 %. Zumindest sagt mir das meine Überschlagsrechnung. Aber wie kommt man darauf?

Dass es Menschen gibt, die wenig haben, und andere, die viel haben, ist sehr wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft. Ohne Ungleichheit, und somit die Aussicht prinzipiell ein besseres Leben erreichen zu können, gäbe es bis auf Neigungen durch Persönlichkeitsmerkmale und die Partnersuche keinen Grund sich einen akademischen Abschluss zu erarbeiten, sich bei er Arbeit hervorzutun, Innovationen zu erforschen und zur Marktreife zu bringen, etc … Es ist nicht nur logisch, dass Mühe entlohnt wird, sondern auch fair. Der Kommunismus hat es ohne den Ansporn durch Ungleichheit versucht und wurde von der Geschichte dafür abgestraft.

Es gibt jedoch auch das andere Extrem und dieses lässt sich in afrikanischen und südamerikanischen Ländern sowie, in abgeschwächter Form, in Russland, China und den USA beobachten. Aus der Ungleichheit als gesunde Feder der Gesellschaft ist eine Gefahr für das allgemeine Wohlergehen, den sozialen Frieden und die Demokratie geworden. Während sich die untere Schicht keine Gesundheitsvorsorge und -versorgung leisten kann, können sich die Superreichen Fernsehsender, Politiker und manchmal sogar Wahlen kaufen.

Wo ist der Punkt, an dem die Ungleichheit von einer gesunden Triebkraft zur Gefahr für die Gesellschaft wird? Das lässt sich gut mit dem GINI-Koeffizient ausdrücken.

Hier findet man eine breite Erklärung für den GINI-Koeffizient. Doch das TL:DR davon ist: der GINI-Koeffizient ist eine Maßzahl für die Abweichung der tatsächlichen Verteilung des Kapitals / Besitzes von der Gleichverteilung. Ein höherer GINI-Koeffizient bedeutet eine höhere Abweichung von der Gleichverteilungskurve und damit mehr Ungleichheit. Der GINI-Koeffizient übersetzt sich auch 1-zu-1 in eine äquivalente Maßzahl: das Verhältnis von Top 10 % zu Bottom 10 %.

Wieviel Ungleichheit ist gut? Zuerst: Woran sieht man überhaupt, dass Menschen in einem Land ein gutes Leben führen? Es gibt verschiedene nützliche Indikatoren dafür: selbst berichtete Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung, Säuglingsmortalität oder, wenn man viele solcher Indikatoren zusammen nimmt, den HDI = Human Development Index. Letzterer wurde durch die UN entwickelt und wird seit Jahrzehnten für alle Länder der Welt bestimmt.

Die Länder mit dem höchsten HDI findet man hier. Deutschland ist auf Rang 4, ein exzellentes Ergebnis. Betrachtet man den GINI der Top-10 Länder, dann findet man Werte im Bereich 0,28 – 0,32. Die Antwort auf die obige Frage lautet somit: Idealerweise sollten die reichsten 10 % etwa 8-Mal soviel verdienen wie die ärmsten 10 %. Dann tut die Ungleichheit ihren Job als gesellschaftlichen Ansporn ohne die Mittel- und Arbeiterschicht in ein unwürdiges Leben zu zwingen.

Nur am Rande: In Deutschland ist diese Würde in der Verfassung verankert. Diese Verankerung kann man somit als einen konstitutionellen Auftrag an die Politik auffassen, den GINI-Koeffizienten in dem oben genannten Bereich zu halten.