Alte Menschen waren im Mittelalter keine Seltenheit

Im Mittelalter lag die Lebenserwartung bei nur knapp 30 Jahren. Diese Statistik kann den Eindruck erzeugen, dass alte Menschen früher eine große Seltenheit waren. Es stimmt natürlich, dass niemand zu dieser Zeit davon träumen konnte, ein stolzes Alter von 90+ zu erreichen. Hierbei handelt es sich eine Entwicklung der Neuzeit. Doch 60-jährige Menschen waren nicht so selten, wie die obige Statistik auf den ersten Blick impliziert. Ein kleines Gedankenexperiment soll zeigen, wieso das so ist.

Denken wir uns eine Gesellschaft, in der jedes Leben nur zwei mögliche Ausgänge haben kann. Entweder eine Person stirbt sofort bei Geburt oder lebt bis zum Alter von exakt 80 Jahren. Bei einer Säuglingsmortalität von 0 % wäre somit die Lebenserwartung 80 Jahre. Eine Säuglingsmortalität von 10 % würde jedoch zu einer Lebenserwartung von nur 72 Jahren führen und bei 20 % Säuglingsmortalität wären es 64 Jahre. Und das obwohl jeder, der die Geburt überlebt, zielsicher das hohe Alter von 80 erreicht.

Das Gedankenexperiment zeigt, dass die Säuglingsmortalität die mittlere Lebenserwartung stark nach unten korrigieren kann. Die Lebenserwartung für sich alleine genommen ist somit kein verlässliches Maß dafür, wie gängig Menschen im hohen Alter in einer Gesellschaft sind. Um zu sehen, wie gängig hohe Alter sind, muss man die Lebenserwatung mindestens um die Säuglingsmortalität bereinigen.

Im Mittelalter ist knapp jedes dritte Kind bei der Geburt verstoben. Die um die Säuglingsmortalität bereinigte Lebenserwartung wäre somit um die 45 Jahre. Berücksichtigt man nicht nur die Säuglingsmortalität, sondern die Kindersteblichkeit insgesamt, ergibt dies sogar eine mittelalterliche Lebenserwartung um die 50-60 Jahre. Es gilt also: Wer im Mittelalter Geburt und frühe Kindheit überlebt hatte, konnte durchaus damit rechnen 60 Jahre alt zu werden. 60-jährige Menschen waren damals absolut keine Seltenheit, trotz der statistischen Lebenserwartung von nur 30 Jahren.

Etwas technischer gesprochen demonstriert das Obige, dass man bei Verteilungen, die nicht einer Symmetrie um den Mittelwert genügen, sehr vorsichtig mit den Begriffen Mittelwert, häufigster Wert und Häufigkeit im Allgemeinen umgehen muss. Der Mittelwert ist nicht immer auch der am häufigsten auftretende Wert – Tatsächlich muss der häufigste Wert sogar nicht einmal in der Nähe des Mittelwerts liegen. Und Werte fernab des Mittelwerts können können höhere Häufigkeiten besitzen wie man sie z.B. von der Normalverteilung kennt.

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