Offenheit – Der aktuelle Stand der Forschung

Das Konstrukt Offenheit (Openness to Experience) ist eines der fünf Persönlichkeitsmerkmale gemäß dem Big Five Modell, dem Standardmodell für Persönlichkeit in der Psychologie. Die Offenheit einer Person bildet sich, wie auch die anderen vier Merkmale, schon im frühen Kindesalter aus (vor dem Alter von etwa fünf Jahren) und bleibt dann im Großen und Ganzen über die gesamte Lebenszeit unverändert. Anders gesagt: Menschen, die im Jugendalter nicht offen sind, sind es auch im Seniorenalter nicht und umgekehrt. Diese Stabilität über die Lebensdauer rechtfertigt die Bezeichnung von Offenheit als festes Merkmal der Persönlichkeit.

Das Merkmal Offenheit bestimmt die politische Einstellung einer Person. Generell gilt: Menschen mit hoher Offenheit sind liberal, Menschen mit geringer Offenheit sind konservativ. Der Zusammenhang ist sehr stark, mit einem Korrelationskoeffizienten in der Größenordnung r = -0,45. Offene Menschen zeigen auch eine deutlich geringere Empfänglichkeit für rechtsautoritäre Einstellungen (r = -0,35), weniger Vorurteile (r = -0,30) und einen geringeren Hang zu religiösem Fundamentalismus (r = -0,35). Aus psychologischer Sicht sind rechter und religiöser Extremismus zwei Seiten der gleichen Medaille, nämlich dem Mangel an Offenheit.

Openness ~rSizeSource
Conservativism-0,4174https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.0022-3506.2004.00276.x
Conservativism-0,57184Riemann et al. (1993)
Conservativism-0,31173Van Hiel and Mervielde (1996a; 1996b)
Right-Wing Authoritarianism-0,4174https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.0022-3506.2004.00276.x
Right-Wing Authoritarianism-0,36198Peterson et al. (1997)
Right-Wing Authoritarianism-0,33157Peterson et al. (1997)
Prejudice-0,30MetaDOI: 10.1177/1088868308319226
Religious Fundamentalism-0,4231Correlates of the Openness to Experience Domain (Proctor)

Offenheit zeigt sich neben der politischen Einstellung auch in der Denkweise: Offene Menschen denken kreativ (r = 0,50). Das bedeutet vor allem, nicht nur die Pfade der wahrscheinlichsten Assoziationen zu verfolgen, wie es beim strikt rationalen Denken geschieht, sondern auch unwahrscheinliche Assoziationen zu verfolgen. Eine Gefahr, bei hoher Offenheit in den Bereich absurder Assoziationen zu gelangen, scheint nicht zu bestehen. Zumindest zeigt sich keine Korrelation zwischen Offenheit und Psychotizismus oder der schizoiden Persönlichkeitsstörung.

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Creative Thinking0,44234https://psycnet.apa.org/record/1987-28199-001
Creative Thinking0,58189Openness to experience, plasticity, and creativity: Exploring lower-order, high-order, and interactive effects (Silvia)
Creative Thinking0,46310Conceptions and Correlates of Openness to Experience (McCrae)
Creative Writing0,311035doi: 10.1111/jopy.12156
Creative Achievement0,361035doi: 10.1111/jopy.12156
Psychoticism0528Openness To Experience, Intellect, Schizotypal Personality Disorder, And Psychoticism (Chmielewski)

Vor dem Hintergrund des Hangs zur kreativen Denkweise überrascht es nicht, dass offene Menschen vor allem auch an ihrem Interesse an Kunst, Ästhetik und Musik zu erkennen sind:

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Awe for Space Images0,48103Openness to Experience and Awe in Response to Nature and Music (Silvia)
Awe for Music0,35103Openness to Experience and Awe in Response to Nature and Music (Silvia)
Art Interest0,5325Correlates of the Openness to Experience Domain (Proctor)
Aesthetic Sense0,40254Conceptions and Correlates of Openness to Experience (McCrae)

Deutlich wirkt sich das Maß an Offenheit auch auf die Intelligenz aus (gemessen an den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, dem g-Faktor). Der Zusammenhang liegt in der Größenordnung r = 0,40. Wieso man sich die Intelligenz als abgeschlossenes Konstrukt denken kann, und der IQ-Test dieses Konstrukt auch verlässlich misst, habe ich hier aufgeschrieben.

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Gen Cog Ability (g)0,50177doi: 10.1111/jopy.12156
Gen Cog Ability (g)0,39239doi: 10.1111/jopy.12156
Gen Cog Ability (g)0,24124doi: 10.1111/jopy.12156
Gen Cog Ability (g)0,46305doi: 10.1111/jopy.12156
Gen Cog Ability (g)0,37125DOI: 10.1080/00223891.2013.806327
Gen Cog Ability (g)0,31189DOI: 10.1080/00223891.2013.806327
Gen Cog Ability (g)0,33Ackerman and Heggestad (1997)
Gen Cog Ability (g)0,43Gignac, Stough, and Loukomitis (2004)
Childhood Intelligence0,33406doi: 10.1037/a0029066

Sehr interessant ist, dass trotz des Zusammenhangs mit Kreativität und Intelligenz, die Offenheit in keinem Zusammenhang mit Leistungen in der Uni oder auf der Arbeit steht. Offene Menschen erreichen keinen höheren akademischen Grad als Menschen mit geringer Offenheit und zeigen auch keine bessere Leistung im beruflichen Bereich. Dies liegt vor allem daran, dass Leistungen zum größten Teil durch die Dimensionen Gewissenhaftigkeit und Stabilität bestimmt werden und diese keine Relation, weder im positiven noch im negativen, mit Offenheit haben.

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Job Performance0MetaDOI: 10.1111/j.0965-075X.2004.278_1.x
Job Satisfaction0MetaDOI: 10.1037//0021-9010.87.3.530
Academic Success0MetaMeta-Analysis of the Relationship Between the Big Five and Academic Success (Trapmann)

Hier noch einige weitere Nullresultate: Offene Menschen sind weder sportlich aktiver noch weniger sportlich aktiv als Menschen mit geringer Offenheit, zeigen keine Unterschiede bzgl. Zigarettenkonsum, haben keine Auffälligkeiten bzgl Chronotyp und, der wichtigste Punkt, zeigen keine besondere Repräsentation bei Persönlichkeitsstörungen. Dies macht die Offenheit zum Ausreißer unter den Persönlichkeitsmerkmalen. Jedes andere Merkmal lässt bei gewissen Persönlichkeitsstörungen gehäuft beobachten (siehe hier). Zum Beispiel die Extraversion bei Narzissmus oder der Neurotizismus bei Borderline. Offene Menschen zeigen jedoch, außer einer sehr geringen Überrepräsentation bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung, an keiner Stelle eine merkliche Häufung.

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Physical Activity0Metadoi: 10.1136/bjsm.2006.028860
Current Smoking0Metadoi: 10.1111/add.13079
Chronotype0MetaDOI: 10.1002/per.754
Openness ~rSizeSource
Personality Disorder0Metadoi: 10.1016/j.cpr.2008.07.002
Personality Disorder0MetaPersonality Disorders And The Five-Factor Model (Costa)
Histronic PD0,26102Representation of personality disorders in circumplex and five-factor space (Soldz)
Histronic PD0,20581Conceptions of Personality Disorders and Dimensions (Wiggins)
Histrionic PD0,25229Perceptions of people with personality disorders based on thin slices of behavior (Oltmanns)
Histrionic PD0,15Metadoi: 10.1016/j.cpr.2008.07.002
Histrionic PD0,15Metadoi: 10.1016/j.cpr.2008.07.002
Histrionic PD0,18233On The Relationship Of The Five-Factor Personality Model To Personality Disorders (Coolidge)

Für die Zukunft der Forschung ist vor allem der Zusammenhang zwischen Offenheit und Extraversion von Relevanz. Basierend auf der Beobachtung, dass die Big Five Merkmale in der Praxis häufig auf zwei Faktoren zusammenfallen, wobei die Offenheit und Extraversion einen gemeinsamen Faktor bilden (genannt Plasticity), gehen viele Forscher mittlerweile davon aus, dass die Big Five die Facetten einer Big Two oder eines allgemeinen Faktors der Persönlichkeit bilden (ähnlich dem g-Faktor in der Intelligenzforschung). Diese Interpretationen sind noch umstritten, die Korrelation zwischen Offenheit und Extraversion ist jedoch gut belegt.

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Extraversion0,2579Openness and extraversion are associated with reduced latent inhibition (Peterson)
Extraversion0,261006Relationships among extraversion, openness to experience,and sensation seeking (Aluja)
Extraversion0,23140DOI: 10.1037/a0013742
Extraversion0,35175Sources of Openness/Intellect (DeYoung)