Intelligenz hat nur einen Faktor – Was bedeutet das?

Um zu verstehen, was der Satz “Intelligenz hat nur einen Faktor” bedeutet und welche Implikationen das hat, hier ein einleitendes Beispiel. Viele Menschen teilen Intelligenz in verschiedene Kategorien ein. Kategorien, von denen einige Hand in Hand gehen (sprachliche und musikalische Intelligenz) und andere gefühlt kollidieren (sprachliche und mathematische Intelligenz). Angenommen wir hätten einen Test, der sehr umfassend das Verständnis und die Fähigkeiten in den folgenden vier Kategorien testet:

  • Sprachlich
  • Musikalisch
  • Mathematisch
  • Wissenschaftlich

Gemäß den allgemeinen Vorstellungen sollte man erwarten, dass zwischen den sprachlichen und musikalischen Fähigkeiten eine starke positive Korrelation besteht (zum Beispiel +0.5) und ebenso zwischen den mathematischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten (sagen wir +0.5). Wir würden desweiteren erwarten, dass es zwischen manchen Kategorien eine negative Korrelation gibt, zum Beispiel bei den Kategorien sprachlich und mathematisch. Setzen wir hier -0.5. Die Werte sind nur zum Zwecke der Demonstration, es zählt vor allem das Vorzeichen. Insgesamt sollte das Experiment also eine Korrelationstabelle der folgenden Art liefern:

SpracheMusikMatheWissenschaft
Sprache1+0,5-0,5-0,5
Musik+0,51-0,5-0,5
Mathe-0,5-0,51+0,5
Wissenschaft-0,5-0,5+0,51

An dieser Matrix erkennt man schnell, was mit was Hand in Hand geht und was eher miteinander kollidiert. Das einzige Problem: Es ist falsch. Die Experimente der letzten 100 Jahre sagen, dass die Tabelle eher so aussieht:

SpracheMusikMatheWissenschaft
Sprache1+0,5+0,5+0,5
Musik+0,51+0,5+0,5
Mathe+0,5+0,51+0,5
Wissenschaft+0,5+0,5+0,51

Alle Kategorien von komplexen kognitiven Fähigkeiten gehen Hand in Hand. Es gibt keine sprachliche oder mathematische Intelligenz, keine musikalische oder wissenschaftliche Intelligenz. Sondern nur einen allgemeinen Faktor der Intelligenz, welcher in der Psychologie als g-Faktor bezeichnet wird. Die obige Tabelle haben Wissenschaftler im Kopf, wenn sie davon sprechen, dass Intelligenz nur einen Faktor hat. Mit hoher Verlässlichkeit gilt: Wer leicht Sprachen lernt, der lernt auch schnell Musikinstrumente, kann flott bei Mathe durchsteigen und sich relativ mühelos in die Wissenschaft einarbeiten. Und umgekehrt: Wer in einer dieser Kategorien des kognitiven Schaffens viel Mühe hat, dem wird es auch in anderen Kategorien so gehen.

Das ist auch der Grund, wieso der IQ-Test in der Praxis soviel Aussagekraft besitzt, obwohl er nur eine kleine Selektion an kognitiven Fähigkeiten misst (viele davon sogar scheinbar ohne Relevanz zu tatsächlichen Aufgaben im Alltag oder der Arbeitswelt). Die Selektion in Art und Umfang ist nämlich im Großen und Ganzen irrelevant. Kognitive Fähigkeiten verschiedener Richtungen sind so eng verwoben, dass es reicht eine handvoll davon zu messen, um zu wissen wie es um alle restlichen bestellt ist. Es ist wie mit der Wassertemperatur. Möchte man die Temperatur des Wassers in der Badewanne wissen, muss man nicht jede mögliche Stelle messen. Es reicht, die Probe an einer Stelle zu nehmen und die Natur der Dinge versichert, dass es in der restlichen Wanne ähnlich aussieht. Die Temperatur an der Stelle ist der IQ, die Temperatur über die gesamte Wanne der g-Faktor. Sie sind, bis auf minimale Abweichungen, im Wert übereinstimmend.

Der klassische Einwand, dass der Begriff Intelligenz so zu eng gefasst wird ist legitim, aber auch etwas irreführend. Man muss unterscheiden zwischen Intelligenz, dem Begriff aus dem Volksmund und Intelligenz, dem Begriff aus der Wissenschaft. Im Volksmund möchte man oft emotionale und soziale Skills zur Intelligenz hinzurechnen. In der Wissenschaft zählen diese beiden Aspekte jedoch zur Persönlichkeit und nicht zur Intelligenz. Emotionale Skills sind bei dem Big-Five-Merkmal Stabilität zu finden, soziale Skills bei dem Merkmal Extraversion. Diese Unterscheidung ist sinnvoll, weil a) dies eine viel feinere Differenzierung erlaubt und b) es keine Korrelation zwischen g-Faktor, Stabilität und Extraversion gibt. Ohne besonderen Grund zur Zusammenfassung, etwa weil alle Prediktoren für eine bestimmte Variable sind, sollte man sie auch nicht zusammenfassen.

Die Besprechung der Konsequenzen dieser Ein-Faktor-Intelligenz ist leider eine unangenehme Geschichte. Ein niedriger IQ ist demnach ein Garant dafür, dass ein Mensch in keinem Bereich gute kognitive Leistungen erbringen wird und auch nie einen komplexen Berufe ergreifen kann. Was heißt in diesem Kontext niedrig? Das US-Militär hat mehr IQ-Tests als jede andere Institution der Welt durchgeführt und ist auf diesem Wege zu dem Schluss gekommen, dass Menschen mit einem IQ < 85 (etwa 10 % aller Menschen) prinzipiell abgewiesen werden müssen, da es keine Aufgaben gibt, zu denen diese sinnvoll eingesetzt werden können.

Das hat natürlich auch gesellschaftliche Konsequenzen über das Militär hinaus: Wird die Arbeitswelt komplexer, etwa weil eine Gesellschaft sich von der Landwirtschaft und Produktion hin zu Dienstleistungen bewegt, dann trifft es diese 10 % der Bevölkerung besonders hart. Da Umschulungen in diesem Falle nicht erfolgreich sein können, bleibt nur der Kampf um die wenigen verbleibenden Jobs mit niedriger Komplexität und die Stütze durch den Sozialstaat. Die Daten zeigen aber, dass in solchen Gesellschaften der IQ Schritt hält (Flynn-Effekt). Nimmt durch den Wandel die wirtschaftliche Leistung zu, so steigt auch der mittlere IQ an.

Noch unangenehmer ist die Diskussion um die ethnischen Unterschiede in der allgemeinen Intelligenz. Jüdische und asiatische Menschen, ob nun in den Heimatländern oder in der Diaspora lebend, zeigen einen IQ über dem Durchschnitt: 110-115 IQ-Punkte und somit eine Standardabweichung über der Norm von 100 (bei der weiße Europäer und Amerikaner liegen). Schwarze Menschen, in den USA wie auch in Afrika, liegen unter dem Durchschnittswert, im Mittel bei 80-90 IQ-Punkte. Natürlich ist das kein Grund, alte Rassentheorien auszugraben, denn der IQ ist nur zum Teil durch die Genetik bestimmt. Ein anderer Teil (20-50 %) stammt aus der Sozialisierung und Bildung. Wer in einem vernachlässigten Ghetto aufwächst oder noch schlimmer, mangelernährt in einem Dorf im Kongo, der bekommt nicht die gleichen Chancen zur Entwicklung der Persönlichkeit und Intelligenz wie ein wohl-versorgtes Kind in Deutschland.

Dass diese sozioökomischen Faktoren einen sehr großen Einfluss haben, zeigt, neben der engen Korrelation zwischen IQ und GDP, auch der Unterschied der allgemeinen Intelligenz innerhalb Deutschlands. Der IQ von Menschen in Ostdeutschland lag in den Zeiten vor der Wiedervereinigung etwa zehn Punkte unterhalb des IQs von Menschen in Westdeutschland. Eine genetische Erklärung, wie man sie oben noch vermuten könnte, ist hier natürlich praktisch ausgeschlossen. Intelligenz ist also kein Wert, den man im Vakuum betrachten kann, und nichts, was einer Ethnie eigen wäre. Unterschiede im Mittel von 10-20 IQ-Punkten lassen sich vollständig durch Unterschiede in Sozialisierung und Bildung erklären, ganz ohne Hinzunahme von Genetik. Das heißt natürlich nicht, dass eine genetische Kompenente fehlt. Intelligenz ist grob so stark vererblich (50-80 %) wie Alkoholismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

Das Selbstverständliche muss nicht gesagt werden, darf aber auch nicht fehlen: Intelligenz hat nichts mit dem Wert eines Menschen zu tun, weder rechtlich noch unter Anwendung des gesunden Menschenverstands. Dazu kommt: Es gibt keine Korrelation* zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen des Big-Five-Modells und Intelligenz. Eine höhere Intelligenz garantiert nichts außer der besagten stromlinienförmigen Kognition. Die Forschung zeigt ganz klar, dass Soziales Denken, Empathie, Lebensglück, etc … Dimensionen sind, die komplett abgekoppelt von Intelligenz sind. Kein Fall von Hand in Hand, kein Fall von Widerspruch, sondern einfach davon unabhängige Dimensionen. Entsprechend können intelligente Menschen Wohltäter sein, wie etwa Bill Gates, oder durchweg Bösartig, wie etwa Ted Bundy oder Dr. Josef Mengele.

*Ausnahme: Eine positive Korrelation zwischen Offenheit und Intelligenz in der Größenordnung r = 0.35. Sicherlich ein merklicher Zusammenhang, erklärt jedoch nur 0.352 = circa 12 % in der gesamten Varianz von Intelligenz.

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