Zufriedenheit und Zeitperspektiven

Vor kurzem habe ich Zugriff zu einem interessanten Datensatz bekommen, der aus einer Umfrage zum Thema “Time Perception” (Zeitwahrnehmung) hervor ging. Nach Bereinigung des Datensatzes nach a) Aufmerksamkeitschecks, b) unvollständigen Antworten und c) Indikatoren für Widerspruchsfreiheit blieben N = 638 ausgefüllte Antwortbögen übrig. Abgefragt wurden, neben den üblichen demographischen Daten und einem 15-Item Big-Five Kurztest, eine Skala für den Fokus auf die Vergangenheit, eine Skala für den Fokus auf den Moment und eine weitere für den Fokus auf die Zukunft. Die Auswertung hat den folgenden schönen Plot hervorgebracht:

Hier sieht man den jeweiligen Zeitfokus aufgespaltet nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Sehr deutlich sind drei Dinge zu erkennen:

  • Menschen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind, zeigen einen starken Fokus auf die Vergangenheit und einen schwachen Fokus auf den Moment
  • Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, zeigen einen schwachen Fokus auf die Vergangenheit und einen starken Fokus auf den Moment
  • Der Fokus auf die Zukunft liegt bei sehr unzufriedenen Menschen statistisch signifikant unter dem Durchschnitt, unterscheidet sich aber nicht signifikant von den anderen Zufriedenheitsniveaus. Aufgrund der schwachen Variation soll diese Skala hier auch nicht weiter beachtet werden

Meine erste Anmerkung betrifft die Stärke des Unterschiedes. Ein schwacher, jedoch kaum erwähnenswerter Effekt erstreckt sich in der Sozialwissenschaft etwa über 0,3 bis 0,4 Standardabweichungen. Von mäßig stark kann man im Bereich 0,5 bis 0,6 Standardabweichungen sprechen. Alles über 0,7 Standardabweichungen darf man mit gutem Gewissen als starken Effekt bezeichnen. Im obigen Fall variiert der standardisierte Score für die Vergangenheitsskala von etwa Z = 0,7 bei Menschen, die sich als sehr unzufrieden bezeichnen, bis etwa Z = -0,3 bei Menschen, die sehr zufrieden sind. Das macht insgesamt einen Unterschied von einer Standardabweichung – somit ein massiver Effekt. Auch der Score für die Moment-Skala variiert über einen ähnlichen Bereich.

Zufriedenheit im Leben ist also stets begleitet durch eine fundamentale Veränderung des Zeitfokus. Es stellen sich zwei wichtige Fragen: Was ist davon ist Ursache und was Wirkung? Und: lässt sich durch das Trainieren von Mindfulness (Fokus auf den Moment) die Lebenszufriedenheit steigern? Bzgl. der ersten Fragen geben die Daten etwas Aufschluss, die zweite Frage lässt sich aus den Daten nicht beantworten. Glücklicherweise gibt es Studien, die sich der zweiten Frage schon gewidmet haben.

Zuerst Ursache und Wirkung. Generell gilt: Kausalität lässt sich ohne kontrollierte Experimente nicht abschließend feststellen. Entsprechend sollte das Folgende nur als Nahelegung und nicht als abschließende Antworten verstanden werden.

Eine Regressionsanalyse zeigt, dass sich ein großer Teil der Variation der Lebenszufriedenheit (adjusted R^2 um die 40 %) aus Faktoren erklären lässt, welche durch die Genetik und frühen Kindheitserfahrungen ausgeprägt werden. Dazu gehören vor allem die Big-Five-Dimensionen Extroversion, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität. Bei allen drei Faktoren gilt: je mehr, desto besser. Der vorliegende Datensatz reproduziert damit auch einen aus anderen Studien schon bekannten Zusammenhang (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0191886902000570). Somit gilt: Lebenszufriedenheit mag zwar nicht in Stein gemeißelt sein, aber eine deutliche Tendenz in die eine oder andere Richtung ist schon im Alter von etwa 5 Jahren verankert. Und aus der Stabilität der Big-Five-Merkmale folgt dass diese Tendenz im weiteren Lebensverlauf auch erhalten bleibt.

Eine ähnliche Erklärung lässt sich bei den Skalen für den Vergangenheits- und Moment-Fokus nicht ermitteln. Sie ergeben sich weder aus den Big-Five, noch aus den anderen Aspekten der Kindheit, die in der Umfrage abgefragt wurden (Beziehung zu Eltern, Harmonie unter den Eltern, Wohlstand des Elternhauses, und so weiter). Damit liegt die Entwicklung der Zufriedenheit in der Kausalitätskette vermutlich vor der Entwicklung der Zeitperspektiven. Inwiefern man hier von Ursächlichkeit sprechen kann, bleibt aber offen.

Diese Reihenfolge der Kausalität zeigt, dass ein genauerer Blick notwendig ist um den Sinn von Mindfulness-Training zu bewerten. Ein Beispiel zeigt wieso. Temperatur und Eisverkäufe sind, wie Zufriedenheit und Moment-Fokus auch, stark korreliert. Könnte man künstlich die Temperatur erhöhen / senken, so würde man damit auch die Eisverkäufe erhöhen / senken. Umgekehrt funktioniert das aber nicht. Eine erfolgreiche Werbekampagne, welche zu mehr Eisverkäufen führt, wird die Umgebungstemperatur nicht erhöhen. Würden die Effekte eines Trainings zur verbesserten Wahrnehmung des Hier-Und-Jetzt ähnlich verpuffen? Oder könnte so ein Training rückwirkend die Lebenszufriedenheit steigern?

Diese Meta-Studie stellt fest, sofern man den Bogen zwischen Zufriedenheit und Stressreduktion schlagen möchte, dass letzteres funktioniert: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK77489/

MBSR was able to reduce stress levels in healthy people

Auch diese Meta-Studie belegt den rückwirkenden Effekt von Mindfulness: http://eprints.whiterose.ac.uk/95817/3/login5.pdf

Results of the meta-analysis suggest that MBIs have the potential to significantly improve stress among HCPs

Diese Meta-Studie ebenso: https://link.springer.com/article/10.1007/s12671-017-0726-x

“Results suggest that mindfulness-based interventions can be beneficial for outcomes such as anxiety, depression and perceived stress during the perinatal period”

Und gleiches gilt für diese Meta-Studie: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S002239991500080X

MBSR is moderately effective in reducing stress, depression, anxiety and distress and in ameliorating the quality of life of healthy individuals

Die Liste ließe sich sehr leicht fortführen. Zu lernen, das Hier-Und-Jetzt wahrzunehmen und den Blick dort zu belassen, ist also eine recht verlässliche und effektive Methode Stress zu reduzieren und somit mehr Zufriedenheit im Leben zu erhalten. Dies gilt explizit auch, wenn pathologische Probleme wie eine Angststörung oder Depression vorliegen.

Wobei ich gerade eine Abkürzung genommen habe, die etwas dreist war, aber wohl nicht problematisch. Es wäre erst nachzuweisen, dass die Reduktion von Stress auch eine höhere Lebenszufriedenheit bringt, aber ich vermute stark, dass dem so ist und belasse es dabei. In einem späteren Blog-Eintrag will ich gängige Methoden zur Stärkung der Mindfulness sammeln. Es gibt viele einfache und clevere Ansätze, um seine Aufmerksamkeit in das Hier-Und-Jetzt zu lenken.

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