Wieso hat die Persönlichkeit fünf Faktoren? Und nicht vier? Oder sechs?

In der Psychologie hat sich über die letzten Jahrzehnte ein Standardmodell für die Persönlichkeit durchgesetzt, genannt Big Five Modell oder auch Five Factor Modell. Es unterteilt die Persönlichkeit in genau fünf distinkte Dimensionen: Extraversion, Agreeableness, Conscientiousness, Openness und Emotional Stability. Für diesen Beitrag soll es egal sein, wofür diese Begriffe stehen. Die Frage hier lautet: Wieso fünf? Wieso nicht vier? Oder sechs? Ist das Festlegen auf Fünf nicht sehr willkürlich?

Die Antwort auf die letzte Frage ist ein klares Nein, es ist nicht willkürlich. Die Zahl Fünf kommt aus jahrzehntelanger Forschung. Um zu sehen, wie das sein kann, hier ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, dass wir messen möchten, wie empathisch eine Person ist. Dazu machen kreieren wir die folgenden Aussagen, von denen ein Teilnehmer sagen kann “Trifft auf mich zu” oder “Trifft nicht auf mich zu”:

  1. Ich versetzte mich in die Gefühlswelt anderer
  2. Ich versuche die Dinge aus der Perspektive anderer zu sehen
  3. Ich frage mich oft, wie sich wohl andere fühlen
  4. Ich helfe oft Arbeitskollegen aus
  5. Ich helfe oft meinen Freunden beim Umzug

Eine blöde Frage: wieviele “Sachen” messen wir hier? Misst jede Frage eine andere “Sache”? Oder gibt es hier Aussagen, die dasselbe messen?

Man kann gut erkennen, dass die Items 1-3 eigentlich nur wenig veränderte Umschreibungen eines bestimmten Grundgedankens sind. Bei einer statistischen Auswertung würde sich entsprechend zeigen, dass die Scores dieser Items sehr eng korrelieren. Es liegt also nahe zu sagen, dass die drei Items eine gemeinsame latente Variable messen und diese können wir zum Beispiel “Hineinversetzen” nennen. Ähnliches gilt für die Items 4 und 5. Beide messen eine gemeinsame latente Variable, die man “Hilfsbereites Handeln” nennen kann.

Wir messen hier also zwei disktinkte “Sachen”. Nicht nur eine, und auch nicht drei. Sondern genau zwei. Und das ist keine schwammige Aussage da sich dies auch mathematisch festestellen ließe, ganz ohne darauf zu schauen, welche Bedeutungen die Aussagen haben. Man könnte die Korrelationstabelle erzeugen und würde sehen, dass die Items 1 und 2 sehr eng korrelieren. Ebenso Items 1 und 3 sowie Items 2 und 3. Natürlich würde man auch finden, dass 1 mit 4 und 5 korreliert, jedoch deutlich schwächer. Die Interkorrelationen zeigen also, dass Items 1, 2 und 3 ein “statistisches Team” bilden. Und betrachtet man die Tabelle weiter, könnte man feststellen, dass auch Items 4 und 5 auf einen gemeinsamen Faktor fallen.

Wie gesagt ist hier keinerlei Bezug auf die Bedeutung der Aussagen notwendig. In einem Statistikprogramm könnten die Variablen auch einfach mit 1, 2, 3, 4 und 5 codiert sein, ohne dass der Benutzer weiß, was sich dahinter verbirgt. Er würde durch Betrachten der Korrelationstabelle trotzdem zu demselben Schluss kommen.

Mit einem systematischen Blick auf die Interkorrelationstabelle, dieses Verfahren wird explorative Faktorenanalyse genannt, lässt sich also feststellen, auf wieviele distinkte Faktoren sich eine Menge an Aussagen oder Begriffe reduzieren lassen. Daher kommt auch die Zahl der Faktoren bei der Persönlichkeit.

Nimmt man alle gängigen Adjektive, die beschreiben wie eine Person sein kann (freundlich, verlässlich, ordentlich, vergesslich, und so weiter) und legt man diese einer großen Anzahl an Menschen zur Selbstbeschreibung vor, so zeigt eine explorative Faktorenanalyse, dass all diese verschiedenen Adjektive auf fünf distinkte Faktoren fallen. Diesen latenten Variablen wurden die Namen Extraversion, Agreeableness, Conscientiousness, Openness und Emotional Stability gegeben.

Niemand hat also festgelegt, dass es fünf Dimensionen sein sollen und die Zahl fünf war auch nie das Ziel. Es war ein offener Prozess, ohne Gewissheit wieviele Faktoren es am Ende sein werden. Die Zahl fünf hat sich schlicht über die Jahre (und über hunderte Studien) durch sorgfältige explorative Faktorenanalyse herauskristallisiert. Und sich dann auch als robust bestätigt. Das ist auch der große Unterscheid zu Persönlichkeitsmodellen aus früheren Zeiten (wie zum Beispiel Meyers-Briggs). Bei diesem Modellen ist die Unterteilung zwar durchaus plausibel, so wie beim Big Five Modell auch, jedoch willkürlich gewählt und ohne empirischen Rückhalt.

Bleibt anzumerken, dass hier eine Vereinfachung des Prozesses der explorativen Faktorenanalyse beschrieben wurde. Es gibt nicht DIE Faktorenzerlegung, sondern welche Faktorenzerlegung sich ergibt, hängt manchmal davon ab, mit welchem Verfahren die Korrelationstabelle untersucht wird, ab wieviel erklärter Varianz die Zerlegung unterbrochen wird und ob gefordert wird, dass die Faktoren orthogonal sind oder am Ende die Faktoren auch selbst wieder miteinander korrelieren dürfen (Varimax vs Oblique).

Bei dem obigen Beispiel der Empathie würde man zum Beispiel eher eine “schiefe” (oblique) Rotation wählen, da man erwarten darf, dass “Hineinversetzen” und “Hilfsbereites Handeln” selbst wieder gut miteinander korrelieren. Es gibt keinen Grund hier zu fordern, dass die Faktoren unabhängig voneinander sein sollen. In anderen Fällen, so wie es zum Beispiel auch bei der Entwicklung der Big Five gemacht wurde, möchte man Faktoren finden, die idealerweise unabhängig voneinander sind. Dann wird in der Regel die Varimax-Rotation gewählt, welche eine Zerlegung in unabhängige Faktoren “erzwingt”.

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