Die Zeit rast – Und wie man sie wieder bremsen kann

Das tatsächliche Empfinden des Zeitflusses unterscheidet sich oft merklich von dem objektiven Voranschreiten der Zeit. Doch von welchen Faktoren hängt das Gefühl, dass die Zeit rasen würde, tatsächlich ab? Die klassische Antwort darauf ist das Alter. Viele Menschen berichten davon, dass die Monate gefühlt umso schneller vorbeiziehen, je älter sie werden. Das bestätigt sich auch in den Daten (basierend auf n = 195). Wobei der Zusammenhang alles andere als linear ist:

Die Beschleunigung der gefühlten Zeit scheint sich vor allem im frühen Erwachsenenalter zu entwickeln, zwischen 20 und 40 Jahren. Dort gilt: Je älter, desto schneller vergehen die Monate. Ab dem Alter von 40 Jahren verschwindet jedoch die Abhängigkeit vom Alter und der gefühlte Zeitfluss erreicht einen konstanten Wert.

Doch das Alter ist nicht der einzige signifikante Faktor. Eine multivariate Regression zeigt noch drei weitere Faktoren, die in der Stärke des Einflusses mit dem Alter sogar konkurrieren können:

Wichtig für das Zeitempfinden ist auch, wieviel Routine der Alltag eines Menschen hat. Wer immer zur gleichen Zeit aufsteht, zur gleichen Zeit Frühstück macht, das Gleiche zum Frühstück isst, zur gleichen Zeit duscht, sich nach demselben Schema parat macht, und so weiter, den bestraft das Leben mit einer Beschleunigung der Zeit. Dies bestätigt sich, neben dem obigen Datensatz, auch in einem zweiten und größeren Datensatz mit n = 645 (zweites Bild).

Die Effektstärke ist in beiden Datensätzen etwa gleich (Koeff: 0,25) und auch vergleichbar mit der Effektstärke, die sich aus der Variation des Alters ergibt (Koeff: 0,28). Praktisch gesprochen heißt das: Bezüglich des Zeitgefühls dürfte ein 20 Jähriger mit einem streng-eingeübten Alltag bei etwa demselben Wert wie ein chaotischer 40 Jähriger landen. Man darf, das am Rande, durchaus so rechnen da die Regression stets die Effektstärke bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell angibt.

Um die Zeit zu entschleunigen, lohnt es sich also von Zeit zu Zeit die Routine zu brechen. Und es hilft auch, liberal Platz im Kalendar zu schaffen. Denn die Daten sagen: Je größer die Geschäftigkeit einer Person, im Sinne eines ewig-vollen Terminplans und einer nicht-endend wollenden Abfolge von Aufgaben, ob nun bei der Arbeit oder in der Freizeit, desto schneller scheinen die Monate vorbeizuziehen.

Ein weiterer Faktor aus dem ersten Datensatz ist der Inward Focus, also wie stark eine Person nach innen gerichtet lebt und denkt. Wer sich ständig reflektiert und analysiert, muss damit rechnen dass die Zeit ihn überholt. Auch hier liegt die Effektstärke wieder in demselben Bereich wie das Alter, die Routine oder die Geschäftigkeit. Auch wenn das Reflektieren prinzipiell eine gute Angewohnheit ist, lohnt es sich doch den Blick öfter nach außen zu richten. Auf andere Personen oder die Geschehnisse des Moments.

Einen weiteren Hinweis darauf, was noch auf das Empfinden größerer Zeitspannen wirkt, bietet der zweite Datensatz. Dort kristallisiert sich das Gedächtnis als ein relevanter Faktor heraus. Ein schlechtes Gedächtnis ist merklich assoziiert mit einem beschleunigten Empfinden des Zeitflusses. Da das Gedächtnis sehr eng in Verbindung mit emotionaler Instabilität steht (je instabiler, desto schlechter das Gedächtnis*), könnte man hier auch die emotionale Instabilität als den relevanten Faktor substituieren.

So entschleunigt man also das Zeitempfinden:

  • Routinen brechen
  • Freiräume im Kalendar schaffen
  • Den Blick nach außen richten
  • Das Gedächtnis trainieren (sofern das effektiv möglich ist)

Jeder Faktor alleine kann schon die natürliche Beschleunigung, die das Alter bringt, ungeschehen machen. Man ist dem Vorbeiziehen der Monate also nicht schutzlos ausgeliefert, es bleibt ein beachtlicher Spielraum.

*Der Korrelationskoeffizient zwischen Gedächtnis und emotionaler Instabilität liegt bei etwa -0,5 bis -0,6. Ein schlechtes Gedächtnis ist somit einer der verlässlichsten Indikatoren für emotionale Instabilität. Das eine tritt praktisch nie ohne das andere auf. Umgekehrt ist ein gutes Gedächtnis ein sehr verlässlicher Indikator für emotionale Stabilität.

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