Wutausbrüche, Locus of Control und Fitness

Wutausbrüche lassen sich hauptsächlich durch eine veranlagte emotionale Instabilität erklären – das ist offensichtlich und auch wenig erleuchtend. Richtig interessant wird es erst, wenn man den Blick über diesen Zusammenhang hinaus erweitert. In der Regressionstabelle sieht man was sonst noch zu Problemen mit Wut führen kann:

Ins Auge ist mir der Locus of Control gestochen, eine Größe, die sonst eher einen positiven Einfluss auf die Psyche hat. Der Locus of Control misst wie sehr eine Person glaubt, Kontrolle über das eigene Leben und Denken zu haben. Menschen mit einem hohen LOC-Score meinen, dass sie selbst, und Menschen im Allgemeinen, das Ruder ihres Lebens fest in den eigenen Händen halten und ihr Schicksal selbst bestimmen. Sie rechnen nicht damit, dass ungünstige Umstände oder Krankheiten ihnen die Selbstbestimmung nehmen können (zumindest in absehbarer Zeit).

Hingegen sehen sich Menschen mit einem niedrigen LOC-Score den “Elementen ausgeliefert”. In ihrer Weltsicht haben sie selbst, wie auch andere Menschen, prinzipiell keine Kontrolle darüber, wie das eigene Leben verläuft. Das Schicksal wird vor allem von zufälligen Einwirkungen gesteuert, welche kaum Raum für Selbstbestimmung lassen. Sie befürchten stets, dass ungünstige Umstände oder Krankheiten ihnen auch den Rest an verbliebener Selbstbestimmung nehmen könnten.

Die Daten zeigt dass ein hoher LOC-Score, und damit ein fester Glaube an Selbstbestimmung, eine Tendenz zu Wutausbrüchen bringt. Meine von psychologischem Halbwissen geprägte Vermutung ist, dass dies an der Konfrontation mit dem Kontrollverlust liegt. Der Glaube an Kontrolle über das eigene Schicksal muss regelmäßig von den tatsächlichen Gegebenheiten der Welt frustriert werden. Und jedesmal wenn dies passiert, entsteht Wut. Die Wut, dass das eigene Weltbild versagt hat und die Wut, dass das Schicksal prinzipiell nicht kontrollierbar ist.

Dieser Zusammenhang ist sehr überraschend und kurios, da a) ein hoher LOC-Score in so ziemlich allen denkbaren Bereichen der Psyche eine positive Wirkung bringt: geringere Anfälligkeit für Ängste, geringeres Risiko von Depression, Schutz vor dem Abrutschen in Substanzmissbrauch, etc … und b) Wut in der Regel mit all den genannten psychischen Problem sehr eng korreliert, mit Koeffizienten im Bereich r = 0,3 – 0,6. Zu erwarten wäre also ein Zusammenhang in die andere Richtung gewesen, mit dem LOC-Score als Schutz vor Wut. Dem scheint aber nicht so zu sein.

Eine gute Methode, um Wutausbrüchen entgegenzuwirken, scheint Fitness zu sein. Umfrage-Teilnehmer, die berichten sich viel zu bewegen und den Körper fit zu halten, berichten auch gleichzeitig von verminderten Problemen mit Wut. Inwiefern man hier von Ursache und Wirkung sprechen kann, bleibt leider offen.

Ein Faktor, den die Regression nicht so gut erfassen konnte da die Relation (wie man am Graphen erkennen kann) sehr nicht-linear ist, ist der Zusammenhang zwischen Wut und Herzproblemen. Teilnehmer, die von starken Herzproblemen berichten, haben auch fast immer gleichzeitig eine merkliche Wut-Problematik. Bei schwachen Herzproblemen scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein, hier zeigt sich kein Unterschied zu der Gruppe ohne Herzprobleme.

Es ist verlockend hier zu schließen, dass Wut gefährlich für das Herz ist. Ich vermute dem ist wohl auch so. Aber die Daten selbst sagen auch nichts über Kausalität. Es kann gut sein, dass Menschen, die von einem schwerwiegenden Herzproblem geplagt sind, darauf mit Wut reagieren. Also dass das Herzproblem die Ursache ist und die Wut die Wirkung. Aber wie die Richtung auch sei, man vermeidet am besten beides.

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