Erschöpfung: Veranlagung und Wasserkonsum

Die schlechte Nachricht zuerst: Wie häufig und stark sich jemand ohne ersichtlichen Grund erschöpft fühlt, ist zu einem beachtlichen Teil “in Stein geschrieben”. Das Fundament dafür wird in früher Kindheit gelegt und diese mitgegebene Komponente kann im Erwachsenenalter kaum mehr beeinflusst werden. Wie groß die psychisch veranlagte Komponente von Dauererschöpfung ist, lässt sich nur schwer exakt quantifizieren, eine Eingrenzung ist aber möglich.

Eine multivariate Regression, die ausschließlich Big-Five-Merkmale und Aspekte der frühen Kindheit als unabhängige Variabeln enthält, erklärt bereits 45 % der Variation bei Dauererschöpfung. Das ist auffällig viel. Typischerweise erklärt diese Mischung an Variablen um die 5 – 30 % der Variation einer abhängigen Variablen und im letzteren Falle könnte man schon von einer beachtlichen psychischen Veranlagung sprechen.

Berücksichtigt man noch, dass auch bei einem perfekten Zusammenhang zufällige Variationen blieben (zum Beispiel durch ungenaue Antworten und Verzerrungen durch begrenzte Sample-Größen), so kann man wohl davon ausgehen, dass etwa 60 % der Variation bei Dauererschöpfung durch die Genetik und frühe Kindheit festgeschrieben sind und somit auch nicht bis kaum mehr veränderbar sind. Die gute Nachricht ist hierbei natürlich, dass trotz der starken Veranlagung ein ordentlicher Spielraum von etwa 40 % bleibt, der sich aktiv steuern lässt.

Kleiner Hinweis am Rande: Die Hauptursachen für die Veranlagung von Erschöpfung sind (geordnet nach Stärke des Einflusses) die Faktoren emotionale Instabilität, Vernachlässigung durch die Eltern, Alkohol- und Drogenkonsum der Eltern sowie eine schlechte Beziehung zum Vater. Alles natürlich bezogen auf die Situation im Kindesalter.

Web MD gibt in diesem Artikel, der von einem Ärzte-Netzwerk gemustert wurde, einen Überblick darüber, wie man den beeinflussbaren Spielraum gewinnbringend nutzen kann. Interessant finde ich, neben der Auflistung von Schlafproblemen und einem asynchronen Schlafrhytmus, beides zumindest etwas beeinflussbar durch eine gute Schlafhygiene, den überraschend starken Zusammenhang mit mangelhaftem Wasserkonsum, welchen ich auch in dem vorliegenden Datenset (n = 195) sehen konnte.

Menschen, die angeben oft weniger zu trinken als sie sollten, berichten gleichzeitig auch häufiger von scheinbar grundloser Erschöpfung bzw. Dauererschöpfung. Der Effekt bleibt auch nach Bereinigung nach dem Alter bestehen (Erschöpfungsprobleme nehmen verlässlich mit dem Alter ab, daher die Bereinigung). Laut Web MD ist dieser Zusammenhang nicht nur eine bloße Korrelation, sondern tatsächlich auch kausal, so dass man erwarten darf, durch erhöhten Wasserkonsum Probleme mit Erschöpfung mildern zu können.

Da der Z-Wert etwas schwierig zu interpretieren ist, hier einige reine Zahlen. Unter den Menschen, die angeben ausreichend Wasser zu trinken, liegt der Anteil jener, die von starken Problemen mit Erschöpfung berichten, bei etwa 5 %. Also jeder Zwanzigste. Hingegen liegt dieser Anteil bei Menschen, die zu wenig Wasser trinken, bei 35 %. Somit knapp jeder Dritte. Der Unterschied ist nicht nur auffälig, sondern auch statistisch signifikant und das mit p < 0,001.

Ein Aspekt, der auf Web MD nicht erwähnt wird, der aber eventuell auch eine wichtige Rolle spielt, ist der Faktor Problemvermeidung. Menschen, die auf der verwendeten Skala für Problemvermeidung einen hohen Score erzielt haben, und somit angegeben haben, sich bei Problemen eher davon abzulenken und Lösungen oft aufzuschieben, berichten auch deutlich häufiger von grundloser Erschöpfung.

Hier ist die Richtung jedoch nicht klar und lässt sich ohne ein kontrolliertes Experiment auch nicht klären. Führt Problemvermeidung zu Erschöpfung? Oder Erschöpfung zu Problemvermeidung? Oder gibt es eine dritte, nicht gemessene Variable, die sowohl Erschöpfung als auch eine Tendenz zur Problemvermeidung hervorbringt? Probleme direkter anzugehen hilft also vielleicht (aber nicht unbedingt) dabei, weniger Erschöpfung zu empfinden. Implementieren ließe sich der Vorsatz, Probleme direkter anzugehen, zum Beispiel durch strenges Führen eines To-Do-Kalendars.

Abgesehen von den erwähnten Faktoren wäre natürlich einer der effektivsten Wege, die Dauererschöpfung anzugehen, der Konsum eines SSRI-Antidepressivums. Diese zeigen breitbandig Wirkung bei den meisten Symptomen von Depression, zu denen auch die grundlose Erschöpfung gehört. Dies erfordert jedoch den Gang zu einem Psychiater sowie manchmal auch eine geduldsfordernde Phase des Trial-And-Errors, da das erste verschriebene Antidepressivum nicht immer die gewünschte Wirkung zeigt und somit ein Wechsel (inklusive Ausschleichung) nach einigen Monaten notwendig werden kann.

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