Was hat wirklich einen großen Einfluss auf das Leben und Denken?

Über die letzten Wochen habe ich von der Plattform Harvard Dataverse Studien zusammengetragen, die ein identisches Setup verwenden, d.h. diesselben demographischen Daten und Fragen zur Kindheit messen sowie einen Big Five Fragebogen enthalten. Das Ziel war abzuschätzen, welche dieser grundlegenden Aspekte ganz allgemein einen starken Einfluss auf das Leben und Denken haben. Beispiele dieser Aspekte sind: Geschlecht, Alter, Einkommen, Fitness, politische Einstellung, Beziehung zur Mutter / Vater, Drogenkonsum der Eltern, Schulerfahrungen, etc …

Jeder dieser Aspekte wurde mittels einfacher Korrelation mit einer großen Bandbreite an Skalen (108 Stück) verglichen, die viele verschiedene Aspekte des Lebens und Denkens messen. Ich habe querbeet alle Skalen verwendet, welche die Studien hergaben: Lebenszufriedenheit, Depression, Präferenzen bei Filmen und Musik, Reisefreudigkeit, Einstellung zu Überwachungsmaßnahmen, Glaube an Aliens, Locus of Control, Schlafprobleme, Rassismus, Risikobereitschaft, Partnerpräferenzen, etc …

Der mittlere Korrelationskoeffizient r_avg, der sich bei dem Vergleich eines Aspektes mit allen 108 Skalen ergibt, soll als Maß für den Einfluss dieses Aspektes auf das Leben und Denken im Allgemeinen stehen. Auch interessant als Maßzahl ist die Häufigkeit, mit der ein Aspekt als starker Effekt (r > 0,25) auftritt. Die Skalen waren über sechs Studien verteilt, die jeweils das gleiche Setup bezüglich der grundlegenden Aspekte aufwiesen.

Einen sehr großen Einfluss auf das Leben und Denken haben laut der Auswertung die folgenden Aspekte:

(r_avg = 0,12 – 0,17, r > 0,25 bei etwa 20 % der Skalen)

  • Extrovertiertheit (Big Five)
  • Emotionale Stabilität (Big Five)
  • Finanzielle Probleme
  • Fitness
  • Schulerfahrungen

Einen großen Einfluss haben diese Aspekte:

(r_avg = 0,10 – 0,11, r > 0,25 bei etwa 10 % der Skalen)

  • Herzlichkeit (Big Five)
  • Ordentlichkeit (Big Five)
  • Einkommen
  • Schlafprobleme
  • Ernährung
  • Religiöser Glaube
  • Kontinuität (siehe 1)
  • Beziehung zum Vater im Kindesalter
  • Harmonie zwischen den Eltern
  • Emotionale Stabilität (Big Five) der Eltern

Einen mäßigen Einfluss haben die folgenden Aspekte:

(r_avg = 0,08 – 0,09, r > 0,25 bei etwa 5 % der Skalen)

  • Offenheit (Big Five)
  • Geschlecht
  • Alter
  • Bildung
  • Beziehungsstatus
  • Kinder
  • Wohnviertel (siehe 2)
  • Spiritueller Glaube
  • Politische Einstellung
  • Beziehung zur Mutter im Kindesalter
  • Vernachlässigung im Kindesalter
  • Drogenkonsum der Eltern
  • Wohlstand der Eltern
  • Parentifikation (siehe 3)

Und einen relativ schwachen Einfluss auf das Leben und Denken im Allgemeinen haben die Aspekte:

(r_avg < 0,08, bis auf seltene Ausnahmen r < 0,25 für alle Skalen)

  • Wohnort (Stadt vs Land)
  • Wohnort im Kindesalter (Stadt vs Land)
  • Haustiere
  • Anzahl Geschwister
  • Reihenfolge bzgl. der Geschwister
  • Soziales Trinken
  • Sozialer Cannabiskonsum
  • Strikte Erziehung
  • Überbehütete Erziehung

Was das Obige exakt misst, ist die Korrelation mit den 108 Skalen. Die Anzahl der Skalen und die Vielfalt der Bereiche, aus denen sie entnommen wurden, soll rechtfertigen, hier von einem “allgemeinen Einfluss auf das Leben und Denken” zu sprechen. Aber ob dieser Schritt gerechtfertigt ist und wenn ja, mit wieviel Unsicherheit die Korrelationskoeffizienten wirklich behaftet sind, lässt sich ohne weitere Daten nicht bestimmen.

Desweiteren: Eine Analyse mittels Regression wäre verlässlicher gewesen als die Analyse mittels Korrelation, aber der Aufwand hätte das vernünftige Maß überstiegen. Glücklicherweise ist es in einem Großteil der Fälle so, dass sich eine starke Korrelation zwischen zwei Variablen auch in einen hohen Regressionskoeffizienten übersetzt. Die Abweichungen dürften sich also in Grenzen halten. Trotzdem sollte man die Einordnung der obigen Elemente als plus / minus eine Kategorie auffassen um auf der sicheren Seite zu sein – mit der aktuellen Einordnung als der “Best Guess”.

(1) Kontinuität misst, wie unveränderlich bestimmte Kernaspekte des Lebens über die letzten Jahre waren: gleicher Job, gleiche Freunde, gleichbleibende Beziehung zur Familie, gleicher Partner, etc … Kontinuität korreliert eng mit dem Gefühl von Identität, so dass man sie in der Liste wohl auch durch den Punkt Identität ersetzen könnte

(2) Bei Wohnviertel wurde konkret gefragt: “Do you live in what others would call a bad / dangerous neighborhood?”

(3) Bei Parentifikation liegt eine Vertauschung der Eltern-Kind-Rolle vor, d.h. das Kind wird gefordert, sich um die Emotionen der Eltern zu kümmern

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