Ein kurioser Effekt: Wer hat Probleme mit einem weiblichen Boss? Und woher kommen diese Probleme?

Ich habe über Google Scholar wieder einen interessanten Datensatz gefunden (n = 200, Anteil Frauen: 49 %, Mittleres Alter = 39 Jahre, USA), in welchem Teilnehmer sich ihren idealen Boss basteln durften. Eine der Fragen bezog sich auch auf das Geschlecht des Bosses. Es wurde folgende Aussage gegeben: “Ich hätte Schwierigkeiten damit, einen weiblichen Chef zu akzeptieren” zusammen mit sechs Antwortmöglichkeiten von “strongly disagree” zu “strongly agree”.

Die Regression zeigt einen sehr kuriosen und unerwarteten Effekt. Hier abgebildet einmal die Regression für Frauen (gender = 0), und dann für Männer (gender = 1):

Bei beiden ist das Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit von Relevanz – jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen! Gewissenhaftigkeit ist ein Maß dafür, wie ordentlich, diszipliniert und verlässlich eine Person ist. Auf Englisch wird der Begriff conscientiousness verwendet – daher der Variablename Zconsc in der obigen Tabelle. Die umgekehrten Vorzeichen darf man wie folgt interpretieren. Zur knapperen Übersicht kürze ich “weiblichen Boss” mit WB ab:

  • Unordentliche Frauen: Akzeptieren einen WB nur mit Mühe
  • Ordentliche Frauen: Akzeptieren einen WB ohne Probleme
  • Unordentliche Männer: Akzeptieren einen WB ohne Probleme
  • Ordentliche Männer: Akzeptieren einen WB nur mit Mühe

Das obige Result ist auffällig, aber definitiv kein Randeffekt – mit Korrelationskoeffizienten um die plus/minus 0.25-0.30 darf man schon von einem deutlichen Effekt sprechen. Auch die Signifikanzniveaus sind in beiden Fällen ganz zufriedenstellend, so dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass hier bei der Umfrage zufällig ein Effekt produziert wurde, der in der Realität (bzw. in der gesamten Population) gar nicht existiert.

Die Irrtumswahrscheinlichkeit lässt sich durch den Kehrwert des p-Werts sogar etwas weiter abschätzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der oben genannte Effekt nur ein statistisches Artefakt ist, liegt bei 1 zu 70 für Männer und 1 zu 500 bei Frauen. Das ist gut genug, um es als einen realen Effekt zu akzeptieren.

Bei Männern gibt es noch weitere Effekte festzustellen. Schwierigkeiten bei der Akzeptanz einer weiblichen Vorgesetzten zeigen auch Männer, die …

  • sehr extrovertiert veranlagt sind
  • einen neurotischen (= emotional instabilen) Charakter haben
  • in der Kindheit von den Eltern vernachlässigt wurden
  • ein niedriges Einkommen haben

Bleibt die Frage nach dem Wieso und das ist sehr schwierig hier. Auf Frauen würde ich nicht weiter eingehen da die Regression bis auf den Zusammenhang mit der Gewissenhaftigkeit nichts hergibt. Aber ich möchte ein paar Ideen zu dem Profil der Männer anfügen, die eher ungern eine weibliche Vorgesetzte haben. Bitte mit Vorsicht genießen – Alles Folgende ist schlecht informierte Spekulation.

Was für eine eventuelle Erklärung helfen könnte wäre die Feststellung, dass die Kombination Gewissenhaftigkeit + Extroversion eine Persönlichkeitsstruktur ist, die in der Regel mit beruflichem Erfolg assoziiert ist (siehe hier), in diesem Fall aber kombiniert mit einem niedrigen Gehalt auftritt. Es könnte sich bei diesen skeptischen Männer also um Personen handeln, die prinzipiell eine erfolgsversprechende Persönlichkeit besitzen, aber aufgrund gewisser Aspekte (laut Regression vielleicht die Vernachlässigung im Kindes- und Jugendalter?) beruflich gescheitert sind. Das ist eine sehr dreiste Spekulation, wäre aber in gutem Einklang mit den obigen Ergebnissen.

Mit etwas Fantasie könnte man sogar die Brücke zu Narzissmus schlagen. Narzissten sind i.d.R. sehr extrovertiert und gleichzeitig sehr neurotisch. Auch die Vernachlässigung in jungen Jahren würde sich gut ins Bild fügen, da Narzissmus i.d.R. ein Trauma vorangeht. Nach der obigen Regression kann man stark vermuten, dass narzisstische Männer größere Probleme damit haben, einen weiblichen Boss zu akzeptieren. Drei der Regressionskoeffizienten sprechen für diese Richtung. Aber auch hier: eine dreiste Spekulation.

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