Wer Träumt? Und Wer Träumt Nicht?

Die wichtigste und empirisch am besten gesichterte Erkenntnis der Traumforschung der letzten 50 Jahre ist die Kontinuitätshypothese: Träume sind eine Inszenierung der Ideen, Sorgen und Interessen des Wachlebens. Diese Hypothese ist im Prinzip das Newtonsche Gesetz der Traumforschung. Sie wurde vielfach experimentell getestet und hat, im Gegensatz zu den anekdotischen Thesen von Freud und Jung, der akribischen Prüfung standgehalten. Auch einem Test an einem Datensatz mit n = 524 Teilnehmern aus dem Harvard Dataverse hält sie erstaunlich gut stand.

Sorgen des Wachlebens ergeben sich zu einem großen Teil aus unerfüllten Bedürfnissen, welche man, säuberlich kategorisiert und der Wichtigkeit nach gestuft, der Maslowschen Bedürfnispyramide entnehmen kann. Eine Regression zeigt, dass der wichtigste Faktor beim Träumen soziale Bedürfnisse (gemäß Maslow) sind. Unter jenen, die sich häufig Sorgen über die Erfüllung ihrer sozialen Bedürfnisse machen, berichten etwa 80 % von fast täglichen, intensiven Träumen. Unter jenen, die solche Sorgen nicht haben, sind es nur knapp 20 %. Der Effekt ist sehr stark, mit einem standardisierten Regressionskoeffizienten ß = 0,36 und p < 0,001. Soziale Sorgen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für intensives Träumen um den Faktor Vier.

An zweiter Stelle stehen Sorgen um Sicherheitsbedürfnisse. 70 % der Leute, die sich um ihre Sicherheitsbedürfnisse sorgen, erleben tägliche, intensive Träume. Unter jenen, bei denen diese Bedürfnisse in solcher Weise erfüllt sind, dass sich Sorgen erübrigen, sind es nur 20 %. Wieder ein starker Effekt mit ß = 0,20 und p < 0,001.

Nicht überraschend ist der Zusammenhang mit dem Persönlichkeitsmerkmal Offenheit / Intellekt, wobei dieser nicht die Kontinuitätshypothese berührt. Offene Menschen sind u.a. charakterisiert durch viel Kreativität und Vorstellungskraft. Dies übersetzt sich auch in intensivere Träume. Unter jenen, die den höchsten Score auf der Skala erzielen, berichten 55 % von täglichen, intensiven Träumen. Am unteren Ende der Skala sind es nur 15 %. Ein moderater Effekt mit ß = 0,17 und p < 0,001.

Daneben spielt auch der Konsum psychoaktiver Substanzen eine Rolle, ß = 0,20 und p < 0,001. Streng genommen wurde in der Umfrage bezüglich psychoaktiver Stoffe nur nach Alkohol, Cannabis und Antidepressiva gefragt, wobei jedes davon einen ähnlich großen traumförderlichen Effekt zeigt. Man darf aber vermuten, dass dies auch für andere deutlich psychoaktive Stoffe gilt. Für wenig psychoaktive Stoffe wie Koffein oder Nikotin zeigt sich kein Einfluss auf das Träumen.

Die Ergebnisse zeigen sehr deutlich, wie die Sorgen des Wachlebens, vor allem jene um die Erfüllung der Bedürfnisse gemäß Maslow, das Träumen antreiben. Eine gute Interpretation eines Traumes a) stellt diese Verbindung her und b) zieht Lehren daraus. Von einer Diskontinuität des Denkens beim Einschlafen sollte man nicht ausgehen. Man beschäftigt sich weiter mit jenen Themen, mit denen man sich auch im Laufe der Tage beschäftigt, jedoch in einer anderen Sprache. Der ungewohnte (symbolische) Ansatz des Weiterdenkens ist womöglich nur ein Folge davon, dass bestimmte Areale des Gehirns, vor allem jene, die Logik und Grammatik berühren, im Schlaf ausgeschaltet sind. So bleibt nur die Sprache symbolischer Bilder und Töne.

Es gibt noch einen wichtigen Punkt anzufügen: Es gibt keine positiven oder negativen Träumer. Die Korrelation zwischen Träumen und Alpträumen ist sehr eng. Man kann nicht viel träumen ohne Alpträume. Und wer fast nie Alpträume hat, der träumt auch nicht viel. Diese Erkenntnis aus dem Datensatz deckt sich mit dem Ergebnis der Traumforschung, dass sich positive und negative Emotionen in Träumen im Großen und Ganzen aufwiegen. Und Träume somit auch eine emotionsregulierende Funktion erfüllen.

P.S. Menschen, die angeben den Tag über sehr beschäftigt zu sein, scheinen auch etwas intensiver zu träumen. Der Effekt ist gut signifikant, jedoch relativ schwach (ß = 0,10 und p < 0,01). Fraglich, ob sich das replizieren ließe.

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