Eine neue Perspektive: Borderline als gutmütige Form der Psychopathie

Dieser Eintrag basiert auf der Studie mit dem imposanten Namen Genetic and environmental overlap between borderline personality disorder traits and psychopathy: evidence for promotive effects of factor 2 and protective effects of factor 1 von Hunt, veröffentlicht 2015 im Journal Psychological Medicine. Sie bietet einen guten Überblick zum Stand der Forschung zur Verbindung zwischen Borderline und Psychopathie und stützt die Erkenntnisse mit einem umfangreichen Zwillingsexperiment.

Psychopathie, so wie sie aktuell verstanden wird, wird i.d.R. in zwei Faktoren unterteilt. Faktor 1 umfasst die Aspekte der Persönlichkeit, die im Big Five Model durch die Dimensionen Agreeableness und emotionale Stabilität erfasst werden. Psychopathie ist immer eine Kombination aus niedriger Agreeableness (Mangel an Empathie, Egoismus) gepaart mit hoher emotionaler Stabilität (Furchtlosigkeit, Stressresistenz). Faktor 2 umfasst impulsiv-antisoziales Verhalten wie etwa Verantwortungslosigkeit, Empfänglichkeit für Langeweile, Agressivität, Kriminalität. Da die Faktoren selbst keine Korrelation zeigen, lassen sich vier Grenzfälle abstrahieren:

  • Fall 1: Niedriges F1 + Niedriges F2
  • Fall 2: Niedriges F1 + Hohes F2
  • Fall 3: Hohes F1 + Niedriges F2
  • Fall 4: Hohes F1 + Hohes F2

(Hinweis: Bei enger Korrelation von F1 und F2 würde die Betrachtung der mittleren beiden Fälle wenig Sinn machen)

Fall 1 ist Normalverhalten, Fall 4 ist Psychopathie, aber was liegt dazwischen? Hier kommt die obige Studie ins Spiel. Sie bestätigt mit dem Zwillingsexperiment was schon andere Studien angedeutet hatten, nämlich dass die Borderline-Persönlichkeit negativ mit F1 und positiv mit F2 korreliert und somit mit dem Fall 2 übereinstimmt. Menschen mit einer solchen Persönlichkeitsstruktur (oder bei sehr hoher Ausprägung: Störung) zeigen dasselben impulsive Verhalten wie sie von der Psychopathie bekannt ist, jedoch ohne die begleitende Empathielosigkeit und Furchtlosigkeit.

Die Studie formuliert dies etwas unglücklich, indem sie F1 als einen “schützenden Faktor” vor Borderline bezeichnet. Für mich liest sich das wie eine unangemessene Verharmlosung von Egoismus und Dämonisierung von impulsivem Verhalten. Ich interpretiere es gerne in einem positiveren Licht, nämlich Borderline als Schutz vor der Ausprägung von F1 bei Vorhandensein von F2. Kurz: Eine gutmütige Form von Psychopathie.

Eine weitere gutmütige Form bildet Fall 3: Der Schutz vor Ausprägung von F2 bei Vorhandensein von F1. Dies wären empathielose und furchtlose Menschen, die jedoch genug Selbstkontrolle besitzen, um sozialverträgliches Verhalten zu zeigen. Man darf vermuten, dass es sich hier um F1 in Kombination mit einer guten Portion des Big Five Merkmals Conscientiousness (Verlässlichkeit, Ordentlichkeit) handelt. Für diese Menschen gibt es keinen besonderen Namen, wahrscheinlich weil sie i.d.R. nicht auffallen. Durch das konforme Verhalten sind sie von außen nicht vom Normalfall zu unterscheiden.

Insgesamt erhalten wir also das folgende Schema:

  • Fall 1: Niedriges F1 + Niedriges F2 = Normalfall (1:1)
  • Fall 2: Niedriges F1 + Hohes F2 = Borderline (1:1)
  • Fall 3: Hohes F1 + Niedriges F2 = ? (20:1)
  • Fall 4: Hohes F1 + Hohes F2 = Psychopathie (20:1)

In Klammern habe noch ich die üblich festgestellten Verhältnisse der Geschlechter angefügt. Bei der Borderline-Persönlichkeit gibt es, entgegen dem oft wiederholten Mythos, kein Ungleichgewicht – Männer und Frauen sind etwa zum gleichen Teil betroffen (wie die obige Studie nochmals experimentell feststellt). Psychopathie ist hingegen klar männerdominiert. Diese Dominanz wird durch F1 erzeugt. Es gibt in der Literatur viele Nachweise dafür, dass Frauen zum einen eine höhere Agreeableness und eine niedrigere emotionale Stabilität besitzen – alles natürlich im Mittel. Geringe Unterschiede im Mittel können sich jedoch, wie ich in einem anderen Blog-Eintrag demonstriert habe, in sehr deutliche Unterschiede am Rand der Normalverteilung übersetzen. F1 ist somit eine klassische männliche Kombination der Big Five Persönlichkeitsmerkmale. Entsprechend dürfte Fall 3, ebenso wie die Psychopathie, ein starkes Ungleichgewicht in der Größenordnung 20:1 zeigen.

Die Studie geht auch auf die genetische Erblichkeit von F1, F2 und Borderline ein. Die Merkmale F1 und F2 werden in ihrer groben Ausprägung mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 60 % an Nachkommen weitergegeben, Borderline mit etwa 40 %. Das geht gut auf. Denkt man sich Borderline als Kombination von niedrigem F1 und hohem F2, so würde man aus der Erblichkeit von F1 und F2 eine Erblichkeit von 0,60² = 36 % für Borderline erwarten, praktisch eine Punktlandung.

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