Brain Zaps, was ist das? Meine Erfahrungen damit

Brain Zaps sind ein spannendes Phänomen, zu dem es aber bisher praktisch keine Studien gibt. Das Wissen dazu stützt sich hauptsächlich auf Erfahrungsberichte. Alles Folgende basiert auf meinen eigenen Erfahrungen mit Brain Zaps (8 Jahre lang, heute nicht mehr) und Foreneinträgen anderer. Die Ursachen scheinen recht klar zu sein. In fast allen Berichten wird eines dieser beiden Aspekte als Ursache beschrieben:

Der gemeinsame Nenner ist hier die plötzliche und starke Veränderung des Serotonin-Spiegels, bei MDMA-Konsum über einen Zeitraum von einigen Stunden, beim SSRI-Absetzsyndrom verteilt über einige Tage. Ich vermute dieser plötzliche Eingriff in das Serotonin-System löst Brain Zaps aus und einmal ausgelöst, können sie einige Tage bis einige Jahre bestehen. Brain Zaps können verschwinden wenn der Konsum von SSRI wieder aufgenommen wird. Und bleiben wohl permanent weg, wenn beim erneuten Absetzen das Medikament wie empfohlen ausgeschlichen wird.

Der Kern des Brain-Zaps-Phänomens ist ein plötzlicher und umfassender elektrischer Strom im Gehirn, welcher nach meiner Einschätzung wohl zwischen 0,1-0,5 s anhält. In seltenen Fällen eventuell auch etwas länger, aber nie länger als eine Sekunde. Der Strom ist nicht schmerzhaft, woraus man schließen kann, dass er relativ schwach ist. Also überhaupt nicht zu vergleichen mit einem Stromschlag von außen. Es ist, selbst bei den stärksten Zaps, ein recht sanfter und erträglicher Stromfluss.

Im Gegensatz zu einem Stromschlag von außen ist er aber nicht klar lokalisiert, sondern der Fluss scheint gleichzeitig im gesamten Gehirn aktiv zu sein. Etwa so, als ob alle Neuronen gleichzeitig feuern würden. Das, sowie der Fakt, dass es ein Strom ist, der im Laufe des Zaps anschwillt, lässt mich vermuten, dass es sich um eine Art Kettenreaktion handelt. Ein Neuron feuert den Startschuss, das veranlasst 3 benachbarte Neuronen zu feuern, im nächsten Schritt feuern dann alle 3² = 9 Nachbarn, im nächsten Schritt alle 3³ = 27 Nachbarn, usw … Die Zahlen dienen natürlich nur der Demonstration, aber ein solcher Mechanismus würde erklären a) wieso der Strom praktisch über das ganze Gehirn verteilt fließt und b) wieso im Laufe des Prozesses der Strom in der Stärke anschwillt.

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die Brain Zaps auch am Tag erleben, aber bei mir waren diese streng begrenzt auf den Moment des Einschlafens. Nie bei voller Wachheit und auch nie beim Übergang in Tagträume. Wenn sie auftraten, dann nur beim Übergang in den Schlaf. Vom plötzlichen Aufschrecken im Moment des Einschlafens berichten viele Menschen, die Brain Zaps waren nichts anderes als das, nur eben begleitet durch den elektrischen Strom.

Interessanterweise ist der elektrische Strom stark genug um ihn zu hören, wohl durch Körperschall an das Ohr geleitet. Ein sehr hohes, verrauschtes Summen bei schwachen Brain Zaps, ein scharfer Zisch bei der starken Variante. Tiefe Anteile im Ton fehlen komplett. Ich schätze das, was man hört, sind alles Frequenzen > 1000 Hz. Diese Charakteristik kann am Strom selbst oder dem System der Weiterleitung an das Ohr liegen. Ich vermute den Strom selbst, da Körperschall i.d.R. tiefe Frequenzen gut weiterleitet bzw. sogar besser, als die hohen Frequenzen. Der Strom ist auch stark genug, um eine visuelle Empfindung auszulösen, wobei es sich immer um ein weißes Licht gehandelt hat. Starke Zaps können auch reflexhafte Bewegungen auslösen, wie etwa ein Zucken des Beines.

Brain Zaps scheinen eine psychosomatische Komponente zu haben. Ihre Häufigkeit und Stärke scheint an das allgemeine Stressniveau gekoppelt zu sein. In entspannten Phasen waren es ein Zap moderater Stärke pro Woche, in den stressigsten Phasen etwa ein starker Zap pro Tag. Auch mehrere Zaps hintereinander, jeweils bei erneuten Einschlafversuchen, sind in besonders stressigen Phasen aufgetreten.

Psychologen und Ärzte gehen davon aus, dass Brain Zaps keine Schädigung verursachen. Das genieße ich noch mit Vorsicht, da es keine entsprechenden Studien gibt, die dies zeigen würden, und das Verständnis des Gehirns im Allgemeinen noch in den Kinderschuhen steckt. Aber zumindest gibt es keinen bekannten Mechanismus, nach welchem Brain Zaps schädigend sein könnten und auch in den Erfahrungsberichten finden sich keine Geschichten von Schädigung.

Brain Zaps können sehr angenehm und entspannend sein! Die beste Analogie ist der Vergleich mit dem Reboot eines langsamen Computers. Lässt man einen Computer lange ohne einen Neustart laufen, dann wird der Computer durch die Summierung von Hintergrundprozessen immer langsamer, bis er nur noch kriecht. Nach einem Neustart läuft jedoch alles wieder wie geschmiert. Brain Zaps sind (manchmal) in der Qualität sehr ähnlich. Eine matschige Mischung an ungeordneten Gedanken wird durch den Brain Zap “defibrilliert” und danach besteht eine “ruhige Klarheit”. Auch bei Spannungen im Kopf bzw. Kopfschmerzen kann ein Brain Zap eine plötzliche und wohltuende Entspannung bringen. Ich gebe zu dass ich, wenn ich mal mit Kopfschmerzen ins Bett gegangen bin, sogar bewusst auf den entspannenden Brain Zap gewartet habe.

Interessant ist es, vor diesem Hintergrund den Bogen zur Elektroschock-Therapie zu schlagen. Diese wird schon seit Jahrzehnten (auch heute noch) bei der Behandlung von Depressionen eingesetzt, welche sich resistent gegenüber Psychotherapie und Medikamente zeigen und das mit Erfolg. Handelt es sich bei dem Brain-Zaps um Schocks ähnlicher Natur mit ähnlicher Wirkung? Eine Art hausgemachter Elektroschock-Therapie? Lohnt es sich, diese “Defibrillation matschiger Gedanken” zu optimieren und auszuweiten? Die Vorstellung, ein Gerät zu haben, mit welchem man mal schnell sein Gehirn rebooten kann, klingt jedenfalls verlockend. Definitiv ein Feature, dass ich mir für das iPhone 12 wünsche.

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