Selbstfahrende Autos – Wer ist offen für den Wandel?

Vollautonome Autos haben sich in Tests gut behauptet und werden innerhalb der nächsten 10-20 Jahren die Straßen erobern. Aus psychologischer Sicht ist der Schritt eine große Herausforderung: Die Kontrolle wird den Insassen komplett entzogen, das Leben liegt in den Händen der Technik. Das ist zwar heute schon an vielen Stellen der Fall, zum Beispiel bei Landungen in CAT III-Bedingungen, bei denen die Landung durch einen Menschen sogar untersagt ist. Hier muss der Computer das Flugzeug landen. Doch das bleibt den Passagieren verborgen. Eine so offene Übergabe des Lebens an einen Computer wie sie im Zuge des Wandels im Individualverkehr kommen wird, ist eine Neuerung. Und nicht jeder ist offen dafür. Welche Faktoren sind gute Prediktoren für die Bereitschaft, sich dem selbstfahrenden Auto hinzugeben?

Ein Regressionsmodell auf Basis eines kleinen Datensatzes (n = 210, Harvard Dataverse, 58 % Männer, Mittleres Alter 40 Jahre, 44 % Singles) erlaubt einen Einblick. Alle Zusammenhänge haben eine solide statistische Signifikanz und dürften somit gut reproduzierbar sein, jedoch zeigt der geringe R²-Wert, dass das Modell in der vorliegenden Form noch unvollständig ist. Eine höhere Erklärungskraft lässt sich auf Basis dieser Umfrage leider nicht erreichen.

Solide Computerkenntnisse sind der wichtigste Prediktor. Wer in seinem Leben viele Erfahrungen mit Computern gesammelt hat und weiß, wie man sie bedient, ist eher bereit dazu, sein Leben in die Hand eines fahrenden Computers zu geben. Das ist wenig überraschend – Erfahrungen bringen Vertrautheit und Vertrautheit bringt Vertrauen. Das wäre natürlich auch ein exzellenter Ansatzpunkt für Menschen, die Angst vor dem selbstfahrenden Auto haben: Computer-Kurse besuchen, positive Erfahrungen in der digitalen Welt sammeln und Programme entdecken, die Freude bringen. In der Umfrage zeigen vor allem offene Menschen und Männer solide Kenntnisse im Umgang mit Computern.

Extravertierte (sozial aktive) Menschen scheinen den selbstfahrenden Autos kritischer gegenüber zu stehen als introvertierte Menschen, sogar deutlich kritischer. Einen Erklärungsansatz kann ich nicht bieten und auch der Datensatz liefert hier keine weiteren Hinweise. Eine vermittelnde Variable, die den Zusammenhang näher erklären könnte, lässt sich in der Umfrage leider nicht finden.

Der Faktor Need For Fairness zeigt sich ebenso als bedeutender Prediktor. Menschen, die ein hohes Bedürfnis zum Herstellen von Fairness haben (das sind natürlich vor allem Menschen, die auf der Agreeableness-Skala einen hohen Wert erreichen), begrüßen den technologischen Wandel. Das leuchtet ein wenn man bedenkt, dass die selbstfahrenden Autos den Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder mit Ansätzen von Senilität ihre individuelle Freiheit zurückgeben werden. Auch Teenager werden von diesen Autos problemlos Gebrauch machen können. Der Individualverkehr gewinnt durch den Wandel ohne Zweifel an Fairness.

Ein etwas obskurerer Faktor ist Cannabis-Konsum. Kiffer scheinen das selbstfahrende Auto freimütiger zu akzeptieren. Ähnliches gilt, obwohl nicht im Modell gelistet, auch für Menschen mit erhöhtem Alkoholkonsum. Hier könnten pragmatische Überlegungen der Grund sein. Wer psychoaktive Stoffe konsumiert, der muss einige Stunden warten, bis er sich wieder ins Auto setzen kann. Diese Einschränkung wird mit dem selbstfahrenden Auto selbstverständlich fallen. Ein vollautonomes Auto ist ein Individualtaxi und Nüchternheit, oder überhaupt Wachheit, irrelevant.

Schlussendlich zeigt sich auch, dass Menschen, die empfänglich für Verschwörungstheorien sind, dem selbstfahrenden Auto relativ kritisch gegenüberstehen. Die Empfänglichkeit selbst scheint sich zu einem guten Teil aus dem Angst vor Kontrollverlust zu ergeben, ein möglicher Erklärungsansatz. Ein alternativer, oder ergänzender Erklärungsansatz wäre, dass diese Menschen eher den möglichen Missbrauch der Technologie im Blick haben. Das selbstfahrende Auto als Instrument der staatlichen Überwachung zum Beispiel. Oder das selbstfahrende Auto als Mordinstrument durch Hacking des Computers.

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