Faktoren des Single-Lebens bei Frauen

Dieser Blog-Eintrag wird etwas umfangreicher und hat auch einiges an Vorbereitung benötigt, aber es hat sich gelohnt. Nach mehreren gescheiterten Ansätzen konnte ich einem Datensatz mit n = 265 Umfrageteilnehmer doch noch ein Modell entlocken, das zeigt welche Faktoren bei Frauen das “Risiko” des Single-Seins steigern bzw. senken. Ich will jeden Faktor durchgehen und am Ende kurz betrachten, wie verlässlich die Resultate wohl sind.

Hier die Regressionstabelle (nach Alter bereinigt):

Ich gehe die Faktoren der Effektstärke nach durch. Den stärksten Einfluss, gemessen am standardisierten Regressionskoeffizienten (nicht immer auch der Effekt mit der größten Spannweite – siehe unten), hat die Variable Sharing. Diese Variable ist der Mittelwert dreier Fragen, die alle darauf abzielen zu ermitteln, wie häufig und frei eine Umfrageteilnehmerin mit nahestehenden Personen über die eigenen Probleme und Gefühle redet. Also wie willig eine Person Probleme und Gefühle teilt. Die Daten sagen: Je mehr sich eine Teilnehmerin anderen mitteilt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Single ist.

Bei jedem der folgenden Graphen gilt: Je niedriger der Punkt, desto niedriger das “Single-Risiko”. Und je weiter rechts, desto mehr ist von der genannten Variable vorhanden. Außerdem: Jeder Graph zeigt den Effekt so, wie ihn die Regression sieht, also bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell. Das ist die reinstmögliche Form zur Darstellung des Effekts. Der Graph zeigt also dass je mehr eine Teilnehmerin sich anderen mitteilt (Richtung rechts), desto weniger Single-Risiko (Richtung unten).

An Stelle zwei ist Fitness, wobei interessanterweise nur die Low Intensity Fitness (viel bequemes Laufen) relevant war. Mid Intensity und High Intensity Fitness war weder im positiven noch im negativen mit dem Single-Sein assoziiert. Wenig überraschend gilt: Je mehr Bewegung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit des Single-Seins. Hier ist wohl implizit auch die Körperform enthalten, die explizit im Datensatz leider nicht abgefragt wurde, sowie das allgemeine Aktivitätsniveau.

Frauen mit viel Offenheit für neue Ideen und Erfahrungen, eine Dimension die eng verbunden ist mit intellektueller Neugier und Kunstaffinität, scheinen sich häufiger im Single-Leben zu befinden als ihre weniger offenen Geschlechtsgenossinnen. Das könnte vielleicht daran liegen, Achtung Spekulation, dass ihnen die engen Grenzen und Routinen einer Beziehung nicht so sehr zusagen. Eine stagnierende Beziehung bietet nur wenig intellektuelle Stimulation und nur wenig Raum für neue Erfahrungen. Man kann also leicht einsehen, dass ein solcher Drang hinderlich für das Niederlassen in fixe Routinen sein kann.

Auch ein hoher Bildungsgrad ist mit mehr Single-Sein assoziiert. Die in der Umfrage ermittelten und unten abgebildeten Stufen sind: 1 = Keine Universität, 2 = Universität besucht, aber kein Bildungsabschluss, 3 = Bachelor-Grad und 4 = Master- oder Doktor-Grad. Wichtig ist der Hinweis, dass Bildung und Offenheit zwar allgemein eng korrelieren, aber der hier gezeigte Effekt des Bildungsgrades sich nicht (!) durch Offenheit erklären lässt. Bei der Ermittlung der Effektstärke bereinigt das Statistik-Programm automatisch nach allen anderen Variablen im Modell, inklusive der Offenheit. Es handelt sich hier also um einen separaten Effekt.

Ein weiterer Faktor ist das Big-Five-Merkmal Ordentlichkeit, welches neben dem, was das Wort schon ausdrückt, auch beschreibt, wie verlässlich eine Person im Allgemeinen ist. Ordentliche und verlässliche Frauen sind in der Tendenz seltener Single, was in diesem Fall womöglich daran liegt, dass diese Qualitäten von einem potentiellen Partner geschätzt werden. Schließlich muss das Zusammenleben organisiert und gemeinsame Pläne verwirklicht werden. Dem kommt die Ordentlichkeit natürlich entgegen.

Nun zur allgemeinen Lebenszufriedenheit. Frauen in einer Beziehung fühlen sich zufriedener. Oder ist es so, dass zufriedene Frauen leichter einen Partner finden? Hier ist es schwierig eine Richtung zu sehen. Sehr wahrscheinlich ist es beides. Ein Teil der Zufriedenheit ist in der emotionalen Stabilität verankert, welche sich schon vor dem Alter von fünf Jahren etabliert. Das spricht für die Richtung: Besteht Zufriedenheit im Leben, dann klappt es mit der Liebe. Aber mit der Liebe klappen kann, unabhängig von dem Maß an emotionaler Stabilität, der Zufriedenheit auch einen ordentlichen Boost geben. Eine scharfe Trennung von Ursache und Wirkung ist hier jedenfalls nicht möglich (und wohl auch nicht nötig).

Hier ein beruhigender Effekt: Frauen, die schnell neidisch werden wenn jemand anderes ein besseres Auto / Haus oder einen schöneren Partner hat, was auch immer das sein mag, scheinen recht unbeliebt bei Männern zu sein. Neid bringt Single-Risiko und das ganz saftig. Es ist aber das einzige abgefragte Narzissmus-Merkmal, das sich negativ auf Beziehungschancen auswirkt. Insgesamt gilt, dass eine narzisstische Ader bei Frauen weder hinderlich noch förderlich bei der Partnersuche ist.

Ähnliches gilt auch für die abgefragten Borderline-Merkmale. Zumindest bereinigt nach den anderen Variablen, vor allem ist hier die Ordentlichkeit zu nennen, zeigt der Score auf der verwendeten Borderline-Skala keinen Zusammenhang mit dem Single-Sein. Bis auf eine Ausnahme: Selbstverletzung. Frauen, die berichten sich selbst verletzt zu haben, sind deutlich seltener in einer Beziehung. Hier sind die Stufen: 1 = Noch nie nah an der SV gewesen, 2 = Manchmal daran gedacht, aber nie gemacht, 3 = SV gemacht, aber nur oberflächliche Wunden und 4 = SV mit tiefen Wunden.

Interessant ist, dass der Zusammenhang nur bei tiefen Wunden gilt. Frauen, die sich in der Vergangenheit oberflächliche Wunden zugefügt haben, sind genauso häufig in einer Beziehung wie jene, die sich nie selbst verletzt haben. Hier könnte also, Achtung Spekulation, die Scham eine Rolle spielen. Oberflächliche Wunden sind nach einigen Monaten und Jahren kaum mehr zu erkennen und somit besteht kein Hinderungsgrund, die betroffenen Hautpartien zu zeigen. Tiefe Wunden, unabhängig davon wo sich diese befinden, werden aber immer Fragen aufwerfen. Das Zeigen solcher Hautpartien benötigt somit ohne Zweifel viel Überwindung.

In der Umfrage wurden die Teilnehmer auch gebeten zu sagen, an welche der folgenden übernatürlichen Phänomene sie glauben: Geister, Hellseher, Telepathen, Horoskope. Das Ergebnis wurde als Maß für die Spiritualität verwendet, welche auch eine geringe Verbindung zum Single-Sein zeigt. Frauen, die der Spiritualität nahe stehen, scheinen häufiger Single zu sein.

Wieso? Vielleicht liegt es daran, dass Frauen generell eine stärkere Tendenz zur Spiritualität haben als Männer (das zeigt auch diese Umfrage) und es für einen potentiellen männlichen Partner entsprechend schwierig ist, diesen Glauben nachzuvollziehen. Sympathie ergibt sich zu einem großen Teil aus Ähnlichkeit und so kann man einsehen, dass die Unähnlichkeit beim Thema Spiritualität einen potentiellen Partner verschrecken könnte.

Ein weiterer Faktor ist wohl auch Geduld. Prinzipiell eine sehr positive Eigenschaft, scheint sich zu viel Geduld jedoch negativ bei der Beziehungssuche auszuwirken. Laut den Daten sind geduldige Frauen jedenfalls etwas seltener in Beziehungen anzutreffen als ihre geständig-ungeduldigen Geschlechtsgenossinnen. Mag sein, dass diese Frauen zu geduldig waren, als es darauf ankam, einen Impuls zu geben.

Ein weiterer relevanter Faktor scheint die Haarlänge zu sein. Sehr kurze Haare kommen bei einem potentiellen männlichen Partner wohl nicht so gut an. Zumindest sagen die Daten, dass Frauen mit kurzen Haaren häufiger Single sind als Frauen mit mittellangen oder langen Haaren.

Man beachte dass die Spannweite des Effekts recht groß ist und das trotz des geringen Koeffizienten, mit dem der Effekt in der Tabelle aufgelistet ist. Generell ist der Regressionskoeffizient ein verlässliches Maß für die Stärke eines Effektes. Jedoch kann es zu Verzerrungen kommen, wenn der Verlauf der Kurve sehr nichtlinear ist. So wie hier zum Beispiel, wo ein exponentieller Fit den Verlauf wohl um einiges besser beschreiben würde.

Zuletzt ein Effekt, der sehr schwach ist, aber konsistent und interessant genug war um ihn doch noch ins Modell aufzunehmen. Der Volksmund sagt bekanntlich, dass Liebe durch den Magen geht. Und eventuell ist an dieser Weisheit auch etwas dran. Frauen, die angeben gerne zu backen, zeigen in der Umfrage auch ein leicht reduziertes Single-Risiko.

Ingesamt erklären die obigen Faktoren insgesamt etwa 30-40 % der Varianz in der Variable “Single Ja / Nein”. Plump gesagt zeigt es weniger als die Häfte der Geschichte. Was nicht überraschend ist, da Sympathie und Attraktivität im Allgemeinen sehr individuell sind. Die spezifische und somit einzigartige Kombination zweier Individuen macht eine Beziehung und so etwas lässt sich durch eine Umfrage nicht erfassen. Es hilft nichts, ordentlich, fit und zufrieden zu sein, wenn die spezifische Kombination mit der anderen Person nicht passt. Und oft ist auch egal, chaotisch, bequem und unzufrieden zu sein, wenn die Kombination doch passt.

Wie oben angedeutet, gilt alles Gesagte bereinigt nach dem Alter. Es gibt einen typischen Verlauf des Single-Seins mit dem Alter, bei Frauen scheint dies eine U-Kurve zu sein mit einem Single-Risiko-Minimum zwischen 30-50 Jahren, aber bei der obigen Betrachtung war die Frage stets: “Neben dem Alter, was noch?”. Dies war alleine schon deshalb nötig, weil der Altersverlauf sehr nichtlinear ist und die direkte Aufnahme des Alters in die lineare Regression grobe Verzerrungen gebracht hätte. Somit wurde die Variable “Single Ja/Nein” zuerst durch eine nichtlineare (parabolische) Regression bereinigt und diese Variable dann als unabhängige Variable in der linearen Regression verwendet. Der parabolische Fit war recht gut.

Wie verlässlich ist das Modell? Um eine größtmögliche Verlässlichkeit zu gewährleisten, wurden zuerst bei den individuellen Skalen alle Ausreißer mit einer absoluten Entfernung von mehr als drei Standardabweichungen zum Mittelwert gelöscht und danach alle einflussreichen Ausreißer in der gesamten Regression, jene mit einer Cook’s Distance größer als dreimal des Mittelwerts (so wie hier als Faustregel empfohlen), entfernt. Somit besteht nicht die Gefahr, dass einzelne Antwortfälle einen ungewöhnlich hohen Einfluss auf das Modell auswirken.

Laut einem Post-Hoc-Rechner liegt die Statistical Power, ein Maß für Reproduzierbarkeit, für die Umfrage und Regression bei etwa 93 %. Man darf also annehmen, dass bei den stärksten Effekten (Absolutwert des Koeffizienten > 0.15) die Reproduzierbarkeit gewährleistet ist. Bei den Effekten, die schwächer sind als dieser Grenzwert, darf man auch optimistisch sein, von Gewährleistung würde ich hier jedoch nicht sprechen. Insgesamt ist die Verlässlichkeit zufriedenstellend.

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