Empathie plus Impulsivität ergibt Selbstverachtung

Ich wollte eine Hypothese testen, die mir schon lange im Kopf geistert. Der Ausgangspunkt für die Hypothese ist folgende Frage: Wie kann man erklären, dass es Menschen gibt, die einerseits eine sehr soziale / empathische Persönlichkeit besitzen (gemessen am Big Five Merkmal Agreeableness), gleichzeitig aber von aggressiven / antisozialen Gedanken geplagt werden? Also ein Leben in einem konstanten Spannungsfeld zwischen einer sozialen Natur und aggressiven Gedanken verbringen? Das trifft natürlich auf jeden Menschen zu einem gewissen Grad zu, aber mich interessieren vor allem die Fälle, bei denen diese Diskrepanz einen großen Raum einnimmt und sich in entsprechendem Verhalten äußern kann.

Ein sehr einfacher Mechanismus, der das erklären könnte, wäre die Kombination aus hoher Agreeableness plus niedriger Impulskontrolle mit dem Zusatz, dass das Aufsteigen von aggressiven / antisozialen Impulsen ein ganz normaler Prozess ist. Es ist dann leicht zu sehen, wie ein ständiger Konflikt zwischen der sozialen Natur und fehlregulierten aggressiven Impulsen entsteht. Setzt man ein Mindestmaß an Reflektion voraus, darf man davon ausgehen, dass der Person dieser Konflikt bewusst ist und dies schlussendlich zu Selbstablehnung und Identitätskrisen führt.

Es ist natürlich einfach, schön-klingende und plausible Hypothesen zu basteln, jedoch umso schwieriger, diese auch zu testen. Wenn die Hypothese stimmt, müssten alle sich daraus ergebenden Vorhersagen in den Daten sehen lassen. Eine der zu testende Vorhersagen wäre wie folgt: Bei wenig sozialen Menschen führt eine höhere Impulsvität nicht (oder nur minimal) zu mehr Selbstablehnung, während bei sehr sozialen Menschen eine höhere Impulsivität recht deutlich zu mehr Selbstablehnung führt. Das beweist natürlich nicht, dass der vorgeschlagene Mechanismus stimmt. Aber zumindest könnte man den Mechanismus in den Müll werfen, sollte der Test versagen.

Ein Datensatz aus dem Harvard Dataverse mit n = 583 Teilnehmern (USA, 55 % Frauen, mittleres Alter 36 Jahre, Minimum 14 Jahre bis Maximum 84 Jahre, 40 % Singles) hilft hier weiter. Erstmal der 3D-Plot Selbstablehnung – Impulsivität – Agreeableness und die seperaten Regressionen für jede der vier Agreeableness-Gruppen von (VERY LOW, LOW, HIGH, VERY HIGH).

Man sieht, am Plot wie auch den Regressionen, dass der Test erfolgreich ist. In der Gruppe der wenig sozialen Menschen steigt die Selbstablehnung mit der Impulsivität an, aber nur in einem geringen Maß (ß = +0,13 oder +0,5 Standardabweichungen über die gesamte Skala, insignifikanter Effekt p > 0,05). Bei sehr sozialen Menschen steigt die Selbstablehnung viel stärker mit steigender Impulsivität an (ß = +0,34 oder +1,6 Standardabweichungen, signifikanter Effekt p < 0,001). Die Hypothese bleibt also nach diesem Härtetest plausibel.

Eine weitere (zugegebenermaßen sehr schwache) Stütze für die Plausibilität der Hypothese kommt aus der unterschiedlichen Empfindlichkeit für Moralität. Laut dem obigen Mechanismus führt erst die Reflektion der Diskrepanz zu Selbstablehnung. Die Diskrepanz zwischen der sozialen Natur und den aggressiven Gedanken muss also von der Person a) erkannt werden und b) als problematisch eingestuft werden. Reflektion wurde in dem Datensatz nicht gemessen, Moralempfindlichkeit jedoch schon, nämlich als Teil der Psychopathie-Skala:

Je sozialer / empathischer eine Person, desto mehr Wert legt die Person auf die Moralität von Gedanken und Handlungen. Der Zusammenhang ist mit ß = -0,64 außerordentlich stark. Bei Menschen sozialer Natur ist also die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass eine solche Diskrepanz im Laufe der Reflektion als problematisch eingestuft wird. Das passt gut ins Bild. Ein nächster Schritt wäre die Rolle der Reflektion für Selbstablehnung zu testen, jedoch habe ich bisher keine geeigneten Datensätze dafür gefunden und muss es entsprechend dabei belassen. Kritik an allem obigen ist natürlich herzlich willkommen.

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