Die Mythen über Einzelkinder sind falsch

Manchmal sind Nullresultate die interessantesten Resultate. Vor allem dann, wenn einem Thema viele Mythen anhängen. Bei Einzelkindern gibt es viele gängige Vorurteile: verwöhnt, egoistisch, wenig sozial aktiv, etc … Tatsächlich gibt es im Mittel praktisch keine Unterschiede zwischen Menschen, die als Einzelkind aufgewachsen sind und jenen, die Geschwister haben. Hier ist ein guter Spiegel-Artikel darüber, aber ich wollte mir selber ein Bild machen mit einer Umfrage aus dem Harvard-Dataverse (n = 584 mit n = 70 Einzelkindern). Der Datensatz bestätigt schön, dass sich kein statistisch signifikanter Unterschied in den fünf Dimensionen der Persönlichkeit finden lässt und es auch keine Unterschiede gibt im Lifestyle (z.B. Alkohol, Zigaretten, Fitness) oder im allgemeinen Denken (z.B. Selbstbewusstsein, Zeitfokus, politische Einstellung). Die einzigen Effekte, die ich finden konnte, sind wie folgt. Die Effekte sind allesamt sehr schwach. Signifikant für p < 0,05 in einer ANOVA, aber nichts wofür ich meine Hände ins Feuer legen würde:

  • Einzelkinder sind etwas weniger narzisstisch als Menschen mit Geschwister, Effektstärke z = 0,4
  • Einzelkinder zeigen einen etwas stärkeren Fokus auf die Mutter, Effektstärke z = 0,4
  • Einzelkinder zeugen etwas seltener Kinder, im Mittel 0,4 Kinder pro Kopf im Gegensatz zu 0,65 Kindern pro Kopf bei Menschen mit Geschwistern
  • Einzelkinder sind möglicherweise etwas weniger körperbetont, im dem Sinne, dass sie seltener angeben, andere gerne zu umarmen (nicht signifikant) und auch seltener angeben, andere oft zu freundschaftlich berühren (signifikant).

Das Hauptresultat ist aber definitiv, dass sich über dutzende Variablen keine Unterschiede feststellen lassen. Einzelkinder sind nicht egoistischer (das hätte man am Agreeableness-Score gesehen) und auch nicht weniger sozial aktiv (siehe Extraversion-Score). Die Anwesenheit von Geschwister in der Kindheit scheint keinen messbaren Einfluss auf das spätere Leben zu zeigen. Das ist mir schon oft bei anderen Datensätzen aufgefallen. Manche Aspekte, wie Geschwister Ja/Nein oder Anzahl Geschwister, Ethnie oder Hautfarbe, Geschlecht, ländliche versus städtische Kindheit, tauchen extrem selten in Regressionen auf, egal wie lange man die Daten durchforstet. Andere Aspekte hingegen, wie Big-Five-Merkmale, Parentifikation, Beziehung zu den Eltern, zeigen sich als übliche Verdächtige. Aspekte also, die eine breite Wirkung auf fast alle Bereiche des Lebens und Denkens haben. So lernt man schnell, was wirklich einen großen Einfluss auf Menschen hat und was relativ irrelevante Merkmale sind. Oder zumindest Merkmale, die sehr wenig Aussagekraft über einen Menschen besitzen. Geschwister, Hautfarbe und Geschlecht sind gemäß meiner Erfahrung die besten Beispiele für Variablen der letzten Kategorie.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s