Stärke der Abhängigkeit bei verschiedenen Nikotin-Produkten

Das Modell von Salerian (0) erlaubt es, das Abhängigkeitspotential verschiedener Konsumformen einer bestimmten Substanz mittels leicht messbarer bzw. zugänglicher pharmakokinetischer Parameter abzuschätzen. Beim Vergleich innerhalb einer Substanz bleiben nach Verhältnisbildung nur noch die maximale Konzentration C_max der Substanz im Blut sowie die Dauer T_max von Konsum bis zum Erreichen der maximalen Konzentration in Blut in der Formel übrig. Je größer die maximale Konzentration und je schneller diese Konzentration erreicht wird, desto größer ist das Abhängigkeitspotential (AP):

AP’ / AP = C_max’ / C_max * T_max / T_max’

Ich habe für fast alle gängigen Konsumformen von Nikotin diese beiden Parameter gesammelt, siehe die Links (1) bis (10) für die entsprechenden Studien, und das Abhängigkeitspotential einer Konsumform relativ zur Abhängigkeit bei gewöhnlichen Zigaretten gemäß dem Modell von Salerian berechnet.

KonsumformQuellenC_maxT_maxRelatives AP
Nikotin-Kaugummi1,2,3,4,5,96,5 ng/ml42 min6 %
Nikotin-Lutschtablette7,8,95,4 ng/ml35 min6 %
Nikotin-Mundspray75,3 ng/ml12,5 min16 %
Snuff (Schnupftabak)8,1017 ng/ml33 min19 %
E-Zigaretten1,2,5,68,5 ng/ml10,0 min32 %
Zigaretten1,2,3,4,518 ng/ml6,8 min100 %

Man erkennt, dass alle alternativen Konsumformen zur gewöhnlichen Zigarette ein deutlich geringeres AP aufweisen, wobei unter den Alternativen die beiden Konsumformen E-Zigarette und Schnupftabak das höchste AP aufweisen. Im Falle von E-Zigaretten liegt das vor allem an der schnellen Aufnahme des Nikotins. Hier bekommt Konsument den vom Rauchen wohlbekannten “Kick”, wenn auch einige Minuten später und in abgeschwächter Form. Bei Schnupftabak muss der Konsument ohne diesen “Kick” auskommen, erreicht aber im Maximum eine Konzentration, die mit jener nach dem Konsum einer Zigarette vergleichbar ist.

Besonders gering fällt hingegen das Abhängigkeitspotential bei Kaugummis und Lutschtabletten mit Nikotin aus. Es dauert hier mehr als eine halbe Stunde, bis die Nikotin-Konzentration im Blut sein Maximum erreicht und dieses Maximum bleibt auch weit unter dem, was man nach dem Konsum einer Zigarette feststellen kann. Die obigen Werte sind, da eine klare Trennung auf Basis der Quellen nicht möglich war, eine Mischung der auf dem Markt gängigen Stärken 2 mg und 4 mg Nikotin. Bei Kaugummis und Lutschtabletten mit 2 mg kann man also einen AP-Wert leicht unter dem oben angeführten Wert ansetzen, bei 4 mg etwas darüber. Der Unterschied ist aber tatsächlich recht gering. Auch in der Stärke 4 mg bleibt das Abhängigkeitspotential klein, wohl noch unter 10 %.

Anmerkungen am Rande: Diese Tendenz im Abhängigkeitspotential (Rauchen ist problematischer als nasale Aufnahme und nasale Aufnahme ist problematischer als orale Aufnahme) gilt auch für alle anderen Substanzen in gleicher Weise. Intravenöse Aufnahme ist bezüglich des AP grob vergleichbar mit Rauchen. Das erklärt zum Beispiel, wieso Studien durchweg ein höheres AP bei Crack-Kokain (Rauchen) als bei Pulver-Kokain (nasale Aufnahme) ermittelt haben.

Dieser Effekt der Konsumform zeigt auch, wieso man bei Vergleichen über Substanzen hinweg vorsichtig sein sollte. Für einen Vergleich, der tatsächlich nur Substanz-spezifische Variationen der Abhängigkeit erfasst, muss dieselbe Form der Aufnahme gegeben sein. Dass Amphetamin in der Praxis ein höheres AP als Koffein zeigt, kann daran liegt, dass die Substanz selbst ein höheres AP erzeugt, oder alternativ auch daran, dass Amphetamin in der Regel nasal aufgenommen wird, während Koffein in der Regel oral konsumiert wird. Ein Vergleich von Amphetamin bei oralem Konsum, etwa in Form von Lutschtabletten, mit Koffein-Pulver bei nasaler Aufnahme, könnte ein sehr anderes Bild zeichnen.

(0) The Linares Addictive Potential Model

(1) Pharmacodynamic and pharmacokinetic assessment of electronic cigarettes, combustible cigarettes, and nicotine gum: implications for abuse liability

(2) Clinical Pharmacokinetics of Nasal Nicotine Delivery: A Review and Comparison to Other Nicotine Systems

(3) Nicotine pharmacokinetic profiles of the Tobacco Heating System 2.2, cigarettes and nicotine gum in Japanese smokers

(4) Determination of Nicotine Absorption from Multiple Tobacco Products

(5) Abuse liability assessment of the JUUL system in two nicotine concentrations compared to combustible cigarette, nicotine gum and comparator electronic nicotine delivery system

(6) Nicotine delivery, retention, and pharmacokinetics from various electronic cigarettes

(7) Single-Dose Pharmacokinetics of Nicotine When Given With a Novel Mouth Spray for Nicotine Replacement Therapy

(8) Nicotine pharmacokinetics and subjective effects of three potential reduced exposure products, moist snuff and nicotine lozenge

(9) Pharmacokinetics, safety and efficacy from randomized controlled trials of 1 and 2 mg nicotine bitartrate lozenges (Nicotinell®)

(10) Pharmacokinetics and pharmacodynamics of moist snuff in humans

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