Ende der 60er-Jahre sowie Anfang der 70er-Jahre wurde im Rahmen des NERVA-Projekts ein voll-funktionsfähiges nukleares Raketentriebwerk mit exzellenter Effizienz gebaut und getestet. Seitdem das Projekt 1973 von Richard Nixon gestrichen wurde, schien das Thema nuklearer Antrieb gegessen. Der Fokus von Forschung & Entwicklung lag in den letzten Jahrzehnten klar auf der Optimierung chemischer Antriebe sowie der Konstruktion elektrischer Antriebe wie etwa dem Hall-Effekt-Thruster. Seit kurzem treibt die NASA (1, 2) die Forschung von nuklearen Antrieben wieder voran und auch SpaceX hat schon angekündigt, auf lange Sicht in diese Richtung gehen zu wollen. Wieso das erneute Interesse?
Nukleare Antriebe würden eine klaffende Lücke schließen, die derzeit bemannten Missionen zu anderen Planeten im Wege steht. Chemische Antriebe wie etwa das RS-25, welches das Haupttriebwerk des Space Shuttles war und von der NASA bei der Konstruktion des SLS praktisch unverändert übernommen wurde, können einen fantastischen Schub produzieren (F = 1.900.000 N), haben aber eine relativ geringe Effizienz (Isp = 450 s). Sie sind perfekt für die erste Phase jeder Raummission geeignet: Die Rakete vom Boden in einen Orbit bringen. Einbußen in Effizienz werden dabei gerne in Kauf genommen, sofern das System gut konstruierbar ist und die enormen Anforderungen an den Schub erfüllt.
Bestehende elektrische Antriebe sind das exakte Gegenteil davon. Sie produzieren einen extrem geringen Schub (F = 0,15 Newton), aber das mit einer spektakulären Effizienz (Isp = 6.000 s). Sie werden dann eingesetzt, wenn nur kleine Korrekturen notwendig sind, zum Beispiel zur Erhaltung des Orbits eines Satelliten oder zum Deorbiting eines Satelliten am Ablauf der Lebenszeit, oder wenn bei größeren Korrekturen der Faktor Zeit keine Rolle spielt, etwa bei einer unbemannten interplanetaren Mission. Für jegliche bemannte Missionen ist der Schub von heutigen elektrischen Antrieben viel zu gering.
Es bleiben somit nur chemische Antriebe, bei denen die Effizienz aber wiederum so gering ist, dass eine unheilige Menge an Treibstoff für eine Reise zu einem anderen Planeten mitgeführt werden muss. Eine solche große Menge, dass der Treibstoff über mehrere Missionen in einen Erdorbit gebracht und dort über Rendevous zusammengeführt werden muss bzw. Treibstoff für den Rückweg auf dem Zielplaneten produziert werden muss. Beides ist prinzipiell möglich, aber leider auch ziemlich sperrig und voller zusätzlicher Risiken.
Der Reiz von nuklearen Antrieben ist, dass sie in die Mitte fallen. Eine große Variante des NERVA-Triebwerks würde einen guten Schub (F = 113.000 N) mit guter Effizienz (Isp = 910 s) produzieren. Zu wenig, um vom Boden in den Orbit zu kommen, aber genau richtig für alle weiteren Schritte einer interplanetaren Reise. Den Effekt der höheren Effizenz darf man nicht unterschätzen.
Mit dieser Karte lässt sich das benötigte Delta-V für interplanetare Missionen abschätzen. Angenommen ein Trägersystem hätte eine nukleare Rakete schon in einen Low Earth Orbit (LEO) gebracht, dann wäre ein Delta-V von circa ∆v = 16,2 km/s nötig, um zur Marsoberfläche und zurück zu kommen. Für eine Reise zum Mars kann man, alle Aspekte Raumschiff, Cargo und Lebenserhaltung inklusive, mit dem Richtwert 6 Tonnen pro Personen rechnen. Bei einer Crew mit 3 Personen wären das also 18 Tonnen. Dazu kommen die 3,3 Tonnen des nuklearen Antriebs, nuklearer Reaktor inklusive. Die Trockenmasse läge in diesem Szenario bei m = 21,3 Tonnen. Welche Menge an Treibstoff wäre hier benötigt? Und wie wäre das bei einem chemischen Antrieb? Über Tsiolkovsky’s Gleichung lässt sich das leicht berechnen:
mp_nuklear = m * ( e∆v/(g*Isp) – 1 ) = 21,3 Tonnen * 5,1 ≈ 110 Tonnen
mp_chemisch = m * ( e∆v/(g*Isp) – 1 ) = 21,3 Tonnen * 38,2 ≈ 815 Tonnen
Bei dem nuklearen Antrieb benötigt man etwa das 5-Fache der Trockenmasse an Treibstoff (Liquid H2), bei dem chemischen Antrieb das 38-Fache der Trockenmasse an Treibstoff (Liquid O2 / H2 Gemisch). Das ist ohne Zweifel eine enorme Verbesserung. Und moderne Trägersysteme könnten eine solche Rakete durchaus stemmen. Das amerikanische System Saturn V kann eine Masse von 140 Tonnen in einen LEO bringen, etwas mehr, als die m ≈ 21,3+110 ≈ 131 Tonnen dieser nuklearen Rakete.
Ein Nachteil, mit dem man leben müsste, aber auch leben könnte, wäre der geringere Schub und die damit verbundene längere Dauer von orbitalen Manövern. Mit den obigen Werten würde die anfängliche Beschleunigung der Rakete bei a = 0,9 m/s² liegen oder circa 10 % der Schwerebeschleunigung g (im stabilen Orbit darf a < g sein). Der Ejection Burn, also die Phase der Beschleunigung, welche die Rakete über den Einflussbereich der Erde hinaus bringt, benötigt gemäß der verlinkten Karte ein Delta-V von ∆v = 3,3 km/s und eine Menge mp = 9,5 Tonnen an Treibstoff. Der maximale Massenfluss bei der großen Variante des NERVA-Triebwerks ist 12,7 kg/s und der Ejection Burn dauert entsprechend grob 12 Minuten. Das ist deutlich länger als mit einem chemischen Antrieb, wäre aber sicherlich machbar, notfalls unterteilt auf mehr als eine Umrundung der Erde (wie es bei elektrischen Antrieben typisch ist).
Diese Rechnungen zeigen jedenfalls, dass man nuklearen Antriebe nicht für tot erklären sollte, auch wenn lange kaum daran geforscht wurde. In den letzten Jahrzehnten sollten Antriebe bemannte Missionen zum Mond oder unbemannte interplanetare Missionen ermöglichen und hier waren chemische und elektrische Antriebe ausreichend. Der Blick in Richtung bemannte interplanetare Mission verändert die Anforderungen jedoch und macht den nuklearen Antrieb sehr attraktiv.
Zu erwähnen ist, dass NERVA und ähnliche System keine “reinen” nuklearen Systeme sind. Solche Konzepte gibt es und würden den Isp sogar ein weiteres Mal verdoppeln oder verdreifachen, sind aber bei dem aktuellen Stand der Technologie Zukunftsmusik. NERVA-ähnliche Antriebe fallen, wie heutige chemische Antriebe auch, in die Oberkategorie der thermischen Antriebe. Bei beiden resultiert der Schub aus der erhöhten Temperatur des Treibstoffs in der Kammer der Düse. Der Unterschied liegt darin, wie der Treibstoff erhitzt wird. Bei NERVA-ähnlichen Antrieben umströmt der Treibstoff einen nuklearen Reaktor und wird dabei erhitzt, bei chemischen Antrieben kommt die Wärme von chemischen Reaktionen. Wie der Treibstoff erhitzt wurde, ist dem thermischen Antrieb aber prinzipiell egal, denn für die Berechnung von Schub und Isp zählt nur der Kammerdruck pc, die Kammertemperatur Tc sowie zwei Größen, die den Treibstoff charakterisieren (molare Masse M und Isentropen-Exponent k). Genauer ergibt sich für den Isp eines Antriebs im Vakuum, siehe Seite 20 und man beachte die Relation v = g*Isp, die folgende Formel:
Isp (Vakuum) ≈ 0,88 * sqrt(Tc / M)
Wobei k = 1,3 verwendet wurde. Wie die Temperatur Tc erzeugt wird, ist irrelevant für das Ergebnis. Beim Triebwerk RS-25 ist Tc = 3500 K und M = 0,014 kg/mol (Liquid O2 / H2) und somit Isp ≈ 440 s, ziemlich nah am gemessenen Wert. Bei der großen NERVA-Variante hat man Tc = 2600 K und M = 0,002 kg/mol (Liquid H2), woraus Isp ≈ 1000 s folgt, etwas über dem simulierten Wert. Man erkennt, dass die Kammer-Temperatur bei NERVA-ähnlichen Antrieben sogar geringer ist als bei chemischen Antrieben. Der zentrale Vorteil ist, dass man bei nuklearen Antrieben die Energie nicht mehr aus den Bindungen der Moleküle ziehen muss und somit zum leichtesten Treibstoff wechseln kann. Der höhere Isp dieser nuklearen Antriebe reflektiert also vor allem den Schritt zu einem Treibstoff mit einer geringeren molaren Masse.
(Molare Masse = Gewicht von 602 Trilliarden Moleküle einer Substanz)
