Das wissenschaftliche Interesse an Nahtod-Erfahrungen (Near-Death Experiences NDE) hat in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen, aber es bleibt ein Nischenthema mit einer überschaubaren Anzahl an empirischen Studien. Für Interessierte ist das enttäuschend, jedoch reicht die aktuelle Datenlage aus, um verlässliche Aussagen zur Prävalenz und den typischen Elementen einer NDE zu machen.
Beschränkt man die Suche auf Studien, welche a) eine validierte Skala zur Klassifizierung von NDE verwenden (WCEI, Greyson), b) nach 2000 veröffentlicht wurden, c) mehr als 20 Patienten untersuchen und d) ausschließlich Patienten mit tatsächlichem Herzstillstand betrachten, so lassen sich über Google Scholar die im Bild aufgeführten Studien finden. Die größte Studie analysiert 344 Patienten mit insgesamt 509 Wiederbelebungen, was schon einem beachtlichen Studienumfang mit hoher statistischer Aussagekraft entspricht. Daneben noch drei Studien mit einem kleineren, aber sehr ähnlichem Pool an Patienten und eine weitere Studie, welche spezifisch NDE bei geplantem Herzstillstand betrachtet.

Mit sehr hoher Sicherheit kann man die Prävalenz einer Nahtod-Erfahrung nach Herzstillstand und erfolgreicher Wiederbelebung im Bereich 15-25 % verorten. Bei einem geplanten hypothermischen Herzstillstand scheinen jedoch keine Nahtod-Erfahrungen aufzutreten. Eine umfassende korrelative Analyse findet man nur bei der niederländischen Studie, bei allen anderen Studien ist die Stichprobe zu klein um auf diese Weise schwache oder moderate Effekte zu identifizieren.
Das Gedächtnis scheint eine wichtige Rolle für das Berichten von NDE zu spielen. Patienten, bei denen nach einer Wiederbelebung ein geschädigtes Gedächtnis verbleibt, berichten seltener von NDE als jene mit intaktem Gedächtnis. Der einzige in einer zweiten Studie reproduzierte Effekt ist jener der vorherigen NDE. Patienten, die schon früher eine NDE gemacht haben, berichten eher von einer NDE als jene ohne eine solche Erfahrung. Das Alter ist scheint ebenso ein Faktor. Bei Patienten unter 60 Jahren sind NDE gängiger als bei Patienten über 60 Jahren. Die höchste statistische Signifikanz hat folgender überraschender Effekt: Patienten mit NDE haben eine höhere Wahrscheinlichkeit in den folgenden 30 Tagen zu versterben als jene ohne NDE. Es lohnt sich aber, all diese Effekte mit Vorsicht zu genießen bis sie durch eine Reproduktion bestätigt wurden.
Drei der Studien schlüsseln die NDE weiter auf:

Die größte Studie findet eine Verteilung nahe 50/50 bezüglich positiver und negativer Emotionen. In den beiden kleineren Studien überwiegen jedoch positive Emotionen klar. Die Wahrnehmung eines hellen Lichts scheint sehr typisch zu sein, bei grob 70 % aller NDE wurde das berichtet. Recht häufig, bei etwa 30 % aller NDE, wird von der Erfahrung eines Tunnels bzw. des Bewegens durch einen Tunnel berichtet.
Bei außerkörperlichen Erfahrungen zeigt sich eine große Diskrepanz der Anteile, 24 % bis 90 %, was sich jedoch durch die Definition erklären könnte. So berichtet in Schwanninger 2002 ein Anteil 90 % von einer außerkörperlichen Erfahrung, jedoch haben von diesen nur 20 % eine visuelle außerkörperliche Erfahrung (also eine, bei der sie ihren eigen Körper von außen sehen können). Je nachdem, ob man die außerkörperliche Erfahrung auf visuell-ähnliche Empfindungen begrenzt oder auch andere Formen einbezieht, wird man demnach deutlich verschiedene Anteile erhalten.
Einige Patienten berichten auch vom berühmten Lebensfilm, dem Abspielen von Erinnerungen in chronologischer Abfolge, jedoch scheint dieser bei der Mehrheit der NDE nicht aufzutreten. Die Prävalenz dürfte um 10 % liegen. Viel häufiger, bei 25-50 % aller NDE, ist die Erfahrung einer Begegnung mit einer verstorbenen Person, in der Regel ein naher Angehöriger. Es tritt bei NDE in manchen Fällen auch die Erfahrungen einer “Grenze zwischen Leben und Tod” bzw. das Erreichen eines “Point of no Return” auf. Eine Grenze also, die bei Überschreitung keine Rückkehr zulässt. Hier ist die Diskrepanz jedoch wieder sehr groß, eine verlässliche Aussage zur Prävalenz ist nicht möglich. Bei der größten Studie wurde auch das Bewusstsein des Todes erfasst. Die Hälfte der Patienten hat davon berichtet, dass sie sich während des Herzstillstands ihres eigenen Todes bewusst waren.
Es lohnt sich an diesem Punkt anzumerken, dass die Elemente einer NDE eine auffällige Ähnlichkeit zu den Erfahrungen nach dem Konsum des Dissoziativums Ketamin oder dem Konsum des Halluzinogens DMT zeigen. Gemäß dieser Studie aus Frontiers in Psychology kann DMT intravenös schon ab der relativ geringen Dosis 7 mg, grob ensprechend einer Dosis 15-20 mg geraucht, alle Elemente von NDE mit hoher Verlässlichkeit reproduzieren.

















