Ich habe vor kurzem zwei Umfragen im Harvard Dataverse gefunden, in welchen die Big-Five der Teilnehmer gemessen und zusätzlich dazu viele Aspekte der Kindheit erfasst wurden. Einer dieser Aspekte war die emotionale Labilität (Neurotizismus) der Eltern. Das hat erlaubt zu prüfen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Neurotizismus der Eltern und ihren Kindern besteht. Die Erwartung ist, dass es einen solchen Zusammenhang gibt, da Neurotizismus, wie auch alle anderen Dimensionen der Big-Five, vererbt werden kann. Siehe hier unter Heritability.
In beiden Umfragen habe ich Neurotizismus in eine Ja/Nein-Variable umcodiert. Jeder Teilnehmer mit einem Neurotizismus-Score 0,75 Standardabweichungen über der Norm wurde als “neurotisch” und alle anderen als “nicht-neurotisch” klassifiziert. Diese Variable wurde dann als Zielvariable für ein allgemeines lineares Modell mit den vier unabhängigen Variablen Alter, Geschlecht, Neurotizismus Mutter und Neurotizismus Vater verwendet. Beim Output wurden die Anteile neurotischer Teilnehmer festgehalten.

Man erkennt, dass in beiden Umfragen der Anteil neurotischer Teilnehmer in der Gruppe mit emotional stabiler Mutter ein gutes Stück geringer war als in der Gruppe mit emotional labiler Mutter. Das gleiche Bild ergibt sich für den Vater. Gepoolt ergibt sich das Ergebnis, dass eine emotional labile Mutter das Risiko für hohen Neurotizismus im späteren Leben des Kindes um 90 % erhöht, mit einem 95 % Konfidenzintervall von 30 % bis 170 %. Die statistische Signifikanz des Ergebnisses ist sehr hoch (p < 0,001). Ein emotional labiler Vater erhöht das Risiko für hohen Neurotizismus um 40 %, mit einem Konfidenzintervall von 10 % bis 80 %. Die Signifikanz ist mäßig, aber noch annehmbar (p < 0,05).
Überraschend finde ich, dass diese vier Variablen recht wenig in der Varianz erklären. Nur 10-15 % wird durch das Modell erklärt. Basierend auf der hohen Tendenz der Vererbung von Neurotizismus, wie sie in Studien ermittelt wurde, hätte man mehr Erklärungskraft erwarten können. Ein Grund ist sicherlich die grobe Unterteilung der Skalen. Man kann davon ausgehen, dass man mit einer feineren Unterteilung noch gut auf 20 % kommen könnte. Aber auch das ist noch überraschend wenig.
Inklusion der Beziehung der Eltern untereinander ändert das Ergebnis etwas, aber nicht fundamental. Es bleibt auch danach noch ein 70 % erhöhtes Risiko für hohen Neurotizismus bei einer labilen Mutter und 20 % bei einem labilen Vater. Ein wenig harmonisches Elternhaus bringt aber zusätzliche Erklärungskraft. Bereinigt nach allem anderen im Modell erhöhen zerstrittene Eltern das Risiko für Neurotizismus beim Kind gepoolt um etwa 35 % (p < 0,05). Insgesamt bleibt die erklärte Varianz aber auch damit noch ziemlich niedrig. Von einem umfassenden Modell ist es weit entfernt.