Am Thema Träumen beißt sich die Wissenschaft auch heute noch die Zähne aus. Trotz jahrzehntelanger Forschung weiß man nicht, wieso Menschen träumen und ob Träume einen tieferen Sinn bergen. Es gibt gute Theorien, jedoch keine Klarheit. Sicher ist hingegen, dass sich das Erleben von Träumen von Mensch zu Mensch stark unterscheiden kann. Manche träumen praktisch nie. Andere haben jeden Tag intensive Träume. Welche Faktoren sind mit einem lebhaften Traumleben assoziiert?
Zwei Umfragen geben hier Aufschluss. In beiden wurde eine große Bandbreite von Informationen zu Demographie, Persönlichkeit und Lebensführung erhoben. Daneben konnten die Teilnehmer auch auf einer Likert-Skala ihre Zustimmung zu der Aussage “Ich habe oft lebhafte Träume” geben. Umfrage (1) ist eine Stichprobe von n = 571 Teilnehmern, Umfrage (2) von n = 183 Teilnehmern. Nur jene Faktoren, die in beiden Umfragen eine statistisch signifikante Assoziation mit dem Traumleben zeigen, wurden in die Analyse aufgenommen. Das dürfte das Risiko von Trugschlüssen deutlich senken. Die auf diese Weise identifizierten Faktoren sind:
- Stimmungsschwankungen
- Big-Five-Merkmal Offenheit
- Alkoholkonsum
Für beide Umfragen habe ich ein allgemeines lineares Modell eingegeben mit dem Alter sowie den obigen drei Faktoren als unabhängige Variabeln. Dieser Ansatz garantiert, dass man alle Effekte als bereinigt nach allen anderen Faktoren im Modell interpretieren kann. Desweiteren erfassen allgemeine allgemeine lineare Modelle eventuelle Nichtlinearitäten (von denen es einige gab) deutlich besser als ein einfache lineare Regression.
In der Tabelle sieht man das Ergebnis der Analyse. Die aufgeführte Zahl zeigt jeweils das Verhältnis der Anteile lebhafter Träumer in den Gruppen “Stark Ausgeprägt” und “Schwach Ausgeprägt”. So berichten zum Beispiel in Umfrage (1) 58 % derjenigen, die starke Stimmungsschwankungen angeben, von fast täglichen intensiven Träumen, während dieser Anteil bei jenen, die keine Stimmungsschwankungen angeben, nur 29 % ist. Das macht ein Verhältnis 58/29 = 2,0 (siehe Tabelle). Das 95 % Konfidenzintervall ist auch jeweils aufgeführt. Ist die untere Grenze des Intervalls > 1, so ist die statistische Signifikanz des Zusammenhangs mindestens p < 0,05.

Bereinigt nach allem anderen verdoppeln Stimmungsschwankungen das “Risiko” für intensive Träume in etwa. Die hohe Emotionalität im Wachleben scheint sich recht konsequent in der Traumwelt fortzusetzen. Hier die entsprechenden Graphen aus Umfrage (1) und (2), in dieser Reihenfolge.


Diesselbe Erhöhung des Risikos findet man für das Merkmal Offenheit. Das ist sicherlich wenig überraschend wenn man bedenkt, dass Offenheit eng mit Kreativität und Fantasie verbunden ist. Eine hohe Ausprägung davon scheint die Konstruktion einer reichen Traumwelt zu begünstigen.


Hier noch der dreidimensionale Graph aus Umfrage (1), welcher die Anteile lebhafter Träumer in gleichzeitiger Abhängigkeit von Stimmungschwankungen und Offenheit angibt. Unter jenen, die sowohl wenige Schwankungen in der Stimmung sowie einen geringen Score auf der Offenheit-Skala haben, berichten nur etwa 10-20 % von häufigen lebhaften Träumen. Bei Kombination der beiden Merkmale sind es hingegen 50-80 %. Man erkennt am Graphen auch, dass die Abwesenheit eines der beiden Merkmale ein relativ niedriges Risiko garantiert, egal wie das andere Merkmal ausgeprägt ist. Aus den einzelnen Schwankungen im Graphen sollte man sich nicht zu viel machen. Bei n = 571 Leuten und einer Unterteilung in 4 x 4 Gruppen ist jeder Balken der Mittelwert aus nur etwa 35 Leuten.

Daneben spielt auch der Alkoholkonsum eine Rolle. Bei sehr häufigem Konsum ist das Risiko für lebhafte Träume um etwa 50 % erhöht. Die weiten Unsicherheitsintervalle für die jeweiligen Gruppen mit besonders hohem Konsum ergeben sich aus der geringen Anzahl Teilnehmer, auf die das zutrifft.

