Harte Drogen & Persönlichkeit

Basierend auf einer Umfrage mit n = 183 Teilnehmern (mittleres Alter 42 Jahre) lassen sich drei Aspekte identifizieren, die mit dem Konsum harter Drogen assoziiert sind. In der Umfrage wurde neben gängigen demographischen Daten, der Big-Five-Persönlichkeit und Erfahrungen der Kindheit auch die Erfahrung der Teilnehmer mit harten Drogen erfasst. Gefragt wurde, ob die Teilnehmer jemals Stimulanzien, Psychedelika oder Benzos konsumiert haben. Beispiele für diese Drogenklassen wurden jeweils in Klammern angeführt. Die Teilnehmer hatten für jede der drei Fragen die drei Antwortoptionen “Nein”, “Ja, einmal” und “Ja, mehrmals”. Die Antworten wurden umcodiert auf die Werte 0, 1 und 2 und für jeden Teilnehmer die Summe der drei Fragen gebildet. Diese Skala reichte am Ende also vom Wert 0 (bei jeder Frage Nein) bis 6 (bei jeder Frage Ja, mehrmals). Die Interkorrelation der Antworten auf die drei Fragen war hoch genug um die Zusammenfassung zu einer Skala zu rechtfertigen.

Ein allgemeines lineares Modell führt zu folgendem Ergebnis:

Eine deutliche Assoziation zeigt sich mit dem Big-Five-Merkmal Neurotizismus. Hierbei handelt es sich um einen Merkmalkomplex, der etwa die Tendenz zu depressiver Verstimmung und emotionaler Instabilität umfasst und über den Verlauf des Lebens recht stabil bleibt. Leute mit hohen Werten auf der Neurotizismus-Skala berichten (bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell, inklusive Alter) im Mittel von mehr Erfahrung mit harten Drogen. Vor dem Hintergrund, dass Drogen eine kurzzeitige Abhilfe bei solchen emotionalen Zuständen bringen kann, sicherlich keine Überraschung. Man kann hier eine Selbstmedikation in akuten Phasen vermuten.

Interessant ist die Assoziation mit Machiavellismus. Machiavellismus ist eines der drei Merkmale der sogenannten dunklen Triade und erfasst die Bereitschaft einer Person, andere Menschen zu täuschen um einen egoistischen Vorteil zu erlangen. Leute, bei denen diese Bereitschaft stärker ausgeprägt ist, berichten von mehr Erfahrungen mit harten Drogen. Das ist nicht einfach zu interpretieren da alleine aufgrund der Illegalität der Drogen eine gewisse Notwendigkeit zur Täuschung anderer gegeben ist. Ist es schlicht das, was die Assoziation erzeugt? Ich vermute nein. Auch bei legalen Drogen zeigt sich im Datensatz eine Assoziation mit Machiavellismus, jedoch in schwächerer Form. Die Illegalität dürfte also nur einen Teil der Assoziation erklären.

Eine weitere signifikante Assoziation findet sich bei den Erfahrungen in der Kindheit. Menschen, die als Kinder die Eltern als zerstritten und in Feindschaft zueinander erlebt haben, zeigen auch bereinigt nach allem anderen Variablen im Modell eine erhöhte Tendenz zu harten Drogen. Der Konsum könnte in diesem Fall eine Flucht vor diesen unangenehmen Erfahrungen sein. Diese Erklärung ist nur Spekulation, aber sicher ist, dass im Bezug auf harte Drogen ein solches Elternhaus eine Spur hinterlässt.

Eine schwache Assoziation an der Grenze zur Signifikanz gibt es auch mit dem Big-Five-Merkmal Offenheit. Dieser Komplex umfasst Dinge wie etwa Kreativität, Fantasie, Neugier und alles ähnliche. Menschen mit hohem Score diesbezüglich berichten von mehr Erfahrung mit harten Drogen. Trotz der knappen Signifikanz würde ich hier von einem echten Effekt ausgehen da es akademische Studien gibt, die zumindest für Psychedelika diesen Zusammenhang auch feststellen. Siehe etwa hier und hier.

Das höchste Risiko für den Konsum harter Drogen haben demnach emotional instabile Menschen aus zerstrittenem Elternhaus, mit einer Begünstigung des Risikos bei hoher Bereitschaft zu Täuschung anderer und hoher Offenheit. Ein vergleichsweise geringes Risiko besteht entsprechend bei emotional stabilen Menschen aus intaktem Elternhaus. Wie erwähnt ist die Interkorrelation der Antworten für die verschiedenen Drogenklassen sehr hoch. Bei Leuten, die schon Erfahrungen mit Stimulanzien gemacht haben, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass sie auch bei anderen Drogenklassen schon zugegriffen haben. Die Mechanismen, die zum Konsum von Stimulanzien führen, sind im Großen und Ganzen dieselben, die zum Konsum von Psychedelika und Benzos führen.

Die Erfahrungen mit Opiaten, welche auch abgefragt wurden, zeigen hingegen einen andere Risikofaktoren und wurden aus diesem Grund auch nicht in die Skala aufgenommen. Ich vermute dieser Unterschied liegt daran, dass Opiate im Gegensatz zu den anderen drei Drogenklassen auch bei rein medizinischen Problemen (starke Schmerzen nach einer Operation etwa) verschrieben werden.

Ein allgemeines lineares Modell wurde gewählt, weil es nichtlineare Zusammenhänge deutlich besser erfassen kann als ein simples Regressionsmodell ohne vorherige Transformation der Variablen. Jedoch wurden die unabhängigen Variablen für das allgemeine lineare Modell in Kategorien unterteilt, wodurch Information verloren geht. Insgesamt erklärt das Modell knapp 40 % der Varianz in den Erfahrungen mit harten Drogen, was einer beachtlichen Erklärungskraft entspricht. Zu Schwarz-Weiß-Denken sollte es nicht verleiten. Es gibt auch viele stabile Menschen aus harmonischem Elternhaus, die Erfahrungen mit harten Drogen machen. Man sollte jede Variable immer nur als Risikofaktor interpretieren.

Leave a comment