Der Datensatz, auf dem diese Analyse basiert, ist nicht sonderlich groß (n = 183), zur Erfassung der stärksten Effekte reicht die Stichprobe aber aus. Das Verhältnis der Geschlechter ist in der Umfrage ausgeglichen (49 % Männer und 51 % Frauen), das mittlere Alter beträgt 42 Jahre, reichend von 19 Jahren bis 73 Jahren. Personen mit hohen Bildungsgrad sind in der Umfrage im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung deutlich überrepräsentiert. Jeder Teilnehmer hat den Wohnsitz in den USA.
Die Tendenz zu paranoidem Denken wurde über vier Items gemessen, welche dann zu einer Skala zusammengefasst wurde. Die Interkorrelation der Items war sehr hoch, was die Zusammenfassung zu einer Skala rechtfertigt. Diese vier Items sind (Übersetzung von mir):
- Manchmal lese ich versteckte beleidigende oder bedrohliche Bedeutungen in harmlose Anmerkungen
- Ich zögere mich anderen zu öffnen weil ich befürchte dass diese Informationen in bösartiger Weise gegen mich verwendet werden könnten
- Ich hege tiefe Zweifel über die Loyalität und Vertrauenswürdigkeit von Freunden, Familie und Kollegen
- Ich vermute dass andere mich ausbeuten, betrügen oder schädigen
Insgesamt finden sich sechs Prädiktoren, welche die Varianz in der Skala zu R² = 58 % erklären. Das ist ein exzellentes Ergebnis für ein Regressionsmodell. Wie immer bei Regression ist die Effektstärke einer Variable bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell gegeben.

Der signifikanteste Prädiktor ist Neurotizismus (emotionale Instabilität). Menschen, die einen hohen bis sehr hohen Wert auf der Neurotizismus-Skala erreichen, liegen auf der Paranoia-Skala circa 0,8 SD (Standardabweichungen) über jenen mit höchster emotionaler Stabilität.

Neurotizismus alleine reicht aber nicht, um paranoides Denken zu erklären. Neurotizismus ist sozusagen notwendig, aber nicht hinreichend. Eine hohe Tendenz zu paranoidem Denken ergibt sich vor allem bei der Kombination aus hohem Neurotizismus und Aberglauben (gemessen an Zustimmung zu Existenz von Geistern, Existenz von Wahrsagern sowie Glaube an astrologischen Sternzeichen). Auch hier beträgt der bereinigte Unterschied der Gruppen etwa 0,8 SD.

Überraschend stark ist auch der Einfluss einer strikte Erziehung. Menschen, die von strikter Erziehung berichten, erzielen deutlich höhere Werte auf der Paranoia-Skala als jene mit laisser-faire Erziehung. Mit einem Unterschied von 0,6 SD noch ein ziemlich ordentlicher Effekt.

Recht unerwartet war folgender Zusammenhang: Jene, die angeben unter einem chronischen kröperlichen Problem zu leiden (wie etwa chronische Schmerzen), zeigen im Mittel auch erhöhte Werte auf der Paranoia-Skala. Die Effektstärke ist hier 0,5 SD. Könnte das ein Effekt von dauerhaftem Stress sein?

Das Alter zeigt bereinigt nach allem anderem ebenso noch einen signifikanten Einfluss. Paranoides Denken ist jenseits der 30 schon seltener zu finden als in den 20ern, und jenseits der 40 sogar noch seltener als in den 30ern. Die Abnahme mit dem Alter ist ohne Bereinigung sogar noch deutlicher da Neurotizismus selbst im Mittel recht stark mit dem Alter abnimmt.

Nicht signifikant in einer ANOVA (aber noch signifikant im Trend) ist der Einfluss von sozialer Unterstützung durch Freunde und Familie. Hoher sozialer Support scheint das Risiko für paranoides Denken etwas zu senken, jedoch nur mit einer Effektstärke um 0,2-0,3 SD. Ob sich dieser Effekt reproduzieren ließe ist fragwürdig.

Aus dem Modell lässt sich eine höhere Prävalenz von paranoidem Denken bei Frauen vermuten, was eine Analyse der deskriptiven Statistiken getrennt nach Geschlecht bestätigt. 6,5 % der Frauen stimmen jeder der Aussagen zu, während dies bei Männern nur 3,3 % sind. Also eine etwa doppelt so hohe Prävalenz bei besonders ausgeprägtem paranoiden Denken mit einer Signifikanz p < 0,01. Das liegt schlicht daran, dass Frauen im Mittel einen höheren Wert auf der Neurotizismus-Skala erreichen und gleichzeitig im Mittel auch abergläubischer sind. Beides sind oft reproduzierte Ergebnisse.
Basierend auf diesen Ergebnissen kann man paranoides Denken also in erster Näherung als eine Kombination von emotionaler Instabilität und Aberglaube verstehen, mit strikter Erziehung und körperlichen Problemen (Stress im Allgemeinen?) als zusätzliche Triebkräfte sowie einem typischen Abklingen mit dem Alter. Wie immer der Disclaimer, dass Umfragen niemals Ursache und Wirkung feststellen können, das geht nur mit randomisierten kontrollierten Experimenten. Es handelt sich bei allem hier festgestellten ausschließlich um Assoziationen.