Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Frauen sind deutlich abergläubischer als Männer. Dieses Ergebnis zeigt sich in sehr beständiger Weise über vier unabhängige Umfragen mit jeweils n = 174, n = 183, n = 195 und n = 236 Teilnehmern. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihre Zustimmung zu einigen Aussagen kundzutun. Je nach Umfrage konnten sie die Zustimmung entweder mittels der Wahl einer von vier Optionen geben (Strongly Disagree, Disagree, Agree, Strongly Agree) oder einer von sechs Optionen (Strongly Disagree, Disagree, Slightly Disagree, Slightly Agree, Agree, Strongly Agree). Die Aussagen, welche sich auf Aberglaube beziehen, waren:
- Es gibt Menschen, die mit Toten sprechen können (Mediums)
- Es gibt Menschen, die die Zukunft sehen können (Psychics)
- Das Sternzeichen (Zodiac Sign) sagt viel über einen Menschen aus
- Ich glaube an Reinkarnation
Bei jeder der Umfragen sowie bei jeder der Fragen ist die Zustimmung zu diesen Aussagen unter Frauen ein gutes Stück höher als unter Männern. Wertet man Agree und Strongly Agree als Zustimmung, so ist der Anteil abergläubischer Menschen unter Frauen grob dreimal höher als unter Männern. Hier die jeweilige prozentuale Zustimmung sowie das arithmetische Mittel:
| (1) n = 174 | (2) n = 183 | (3) n = 195 | (4) n = 236 | AVERAGE n = 788 | |
| Women Mediums | 11,7 % | 7,1 % | 11,0 % | 17,4 % | 11,8 % |
| Men Mediums | 4,9 % | 2,2 % | 1,8 % | 6,1 % | 3,8 % |
| Women Psychics | 7,3 % | 6,2 % | 9,8 % | 16,5 % | 10,0 % |
| Men Psychics | 6,1 % | 3,3 % | 2,7 % | 4,3 % | 4,1 % |
| Women Zodiac | 9,5 % | 8,3 % | – | 11,6 % | 9,8 % |
| Men Zodiac | 3,7 % | 4,4 % | – | 3,5 % | 3,9 % |
| Women Reincarnation | – | – | – | 19,0 % | 19,0 % |
| Men Reincarnation | – | – | – | 5,2 % | 5,2 % |
Und das Verhältnis der Prozente sowie das geometrische Mittel:
| (1) n = 174 | (2) n = 183 | (3) n = 195 | (4) n = 236 | AVERAGE n = 788 | |
| OR Mediums | 2,4 | 3,2 | 6,1 | 2,8 | 3,4 |
| OR Psychics | 1,2 | 1,9 | 3,6 | 3,8 | 2,4 |
| OR Zodiac | 2,6 | 1,9 | – | 3,3 | 2,5 |
| OR Reincarnation | – | – | – | 3,6 | 3,6 |
Gepoolt ist die Signifikanz der Unterschiede der Mittelwerte stets p < 0,001
Beim Thema Sternzeichen dürften die Resultate für viele keine besondere Überraschung sein. Eine höhere Tendenz zum Glauben daran haben wohl einige schon im Alltag bei Frauen beobachtet. Interessant ist aber, dass sich diese Tendenz in ähnlicher oder sogar stärkerer Weise auch bei allen anderen weit verbreiteten Aberglauben zeigt.
Eine Analyse der Korrelationen bestätigt den Zusammenhang mit dem Geschlecht und bringt noch einige andere relevante Variablen zum Vorschein. Aberglaube ist in dieser Analyse eine Skala, welche sich durch die Summe der Antworten auf die obengenannten Fragen bildet. Das ist generell verlässlicher als eine Aufspaltung in Prozente. Letzteres hilft zwar die Ergebnisse zu veranschaulichen, aber bei der Trennung in Zustimmung Ja/Nein geht notwendigerweise viel Information verloren. Die Analyse der Korrelationen behält hingegen die Grauzonen teilweiser Zustimmung.
| (1) n = 174 | (2) n = 183 | (3) n = 195 | (4) n = 236 | |
| Gender | -0,22 | -0,09 | -0,32 | -0,34 |
| Age | -0,09 | -0,08 | 0,04 | -0,05 |
| Extro | 0,11 | 0,18 | -0,01 | 0,10 |
| Agree | 0,08 | -0,14 | 0,10 | 0,22 |
| Open | 0,11 | 0,02 | 0,05 | 0,08 |
| Neuro | 0,07 | 0,26 | 0,18 | 0,06 |
| Paranoid | – | 0,52 | – | – |
| Religious | 0,27 | 0,31 | 0,31 | 0,46 |
Dasselbe nach Bereinigung nach Geschlecht:
| (1) n = 174 | (2) n = 183 | (3) n = 195 | (4) n = 236 | |
| Gender | 0,00 | 0,00 | 0,00 | 0,00 |
| Age | -0,14 | -0,10 | 0,01 | -0,07 |
| Extro | 0,18 | 0,19 | 0,03 | 0,12 |
| Agree | 0,05 | -0,15 | 0,06 | 0,18 |
| Open | 0,14 | 0,03 | 0,10 | 0,05 |
| Neuro | -0,02 | 0,27 | 0,11 | 0,00 |
| Paranoid | – | 0,52 | – | – |
| Religious | 0,24 | 0,29 | 0,34 | 0,47 |
Den stärksten Zusammenhang zeigt Aberglaube, sowohl vor als auch nach Bereinigung, mit Religiosität. Menschen, die an Gott glauben bzw. sich als religiös beschreiben, zeigen im Mittel eine höhere Zustimmung zu abergläubischen Aussagen als jene, die das nicht tun. Eine genauere Analyse deutet aber auf einen nichtlinearen Zusammenhang hin. Die obige Tendenz gilt nur im Bereich keiner bis moderat starker Religiosität. Bei hoher Religiosität scheint die Zustimmung zu Aberglauben wieder abzusinken.




Nur in Umfrage (3) fehlt die Umkehrung in Richtung weniger Aberglaube bei sehr hoher Religiosität. Eventuell gab es hier schlicht nicht genügend hoch-religiöse Personen in der Umfrage, um den Effekt zu sehen (sofern er real ist).
Nach Bereinigung nach Geschlecht und Religiosität gibt es in der Tabelle keinen nennenswerten Korrelationen mehr. Zwar bleiben einige Korrelationen beständig in eine Richtung und haben gepoolt auch einen hohe statistische Signifikanz, die Effektstärke ist aber so niedrig, dass der Zusammenhang keine praktische Relevanz hat. Höchstens für theoretische Überlegungen könnten diese mageren Zusammenhänge von Interesse sein:
| (1) n = 174 | (2) n = 183 | (3) n = 195 | (4) n = 236 | |
| Gender | 0,00 | 0,00 | 0,00 | 0,00 |
| Age | -0,13 | -0,02 | -0,02 | -0,14 |
| Extro | 0,11 | 0,02 | 0,00 | 0,02 |
| Agree | 0,00 | -0,10 | -0,01 | 0,10 |
| Consc | -0,08 | -0,14 | -0,11 | -0,10 |
| Open | 0,09 | 0,07 | 0,09 | 0,10 |
| Neuro | 0,04 | 0,25 | 0,14 | 0,11 |
| Paranoid | – | 0,38 | – | – |
| Religious | 0,00 | 0,00 | 0,00 | 0,00 |
Ein starker Effekt bleibt jedoch noch, leider wurde die entsprechende Skala nur in einer der vier Umfragen abgefragt. Eine Reproduktion gibt es davon also nicht. Aber zumindest gemäß Umfrage (2) existiert eine starke positive Assoziation zwischen der Zustimmung zu abergläubischen Aussagen und der Zustimmung zu Aussagen, die paranoide Gedankenmuster erfassen. Die in der Umfrage verwendeten Aussagen waren (meine Übersetzung):
- Manchmal lese ich versteckte beleidigende oder bedrohliche Bedeutungen in harmlose Anmerkungen
- Ich zögere mich anderen zu öffnen weil ich befürchte dass diese Informationen in bösartiger Weise gegen mich verwendet werden könnten
- Ich hege tiefe Zweifel über die Loyalität und Vertrauenswürdigkeit von Freunden, Familie und Kollegen
- Ich vermute dass andere mich ausbeuten, betrügen oder schädigen
Wie bei allem, was nicht aus kontrollierten Experimenten kommt, gilt hier: Nichts davon kann eine Aussage über Ursache und Wirkung machen. Es kann sein, dass Aberglaube Paranoia verursacht. Oder Paranoia Aberglaube verursacht. Oder dass es eine nicht gemessene Sache gibt, dass beides verursacht und gar kein kausaler Zusammenhang zwischen Aberglaube und Paranoia besteht. Ähnliches gilt auch für den Zusammenhang mit dem Geschlecht und Religiosität. Dass die Resultate nur auf Sampling Bias basieren ist hingegen extrem unwahrscheinlich, da diese (bis auf Paranoia) in unabhängigen Umfragen beständig reproduziert wurden. Die Assoziationen dürften real sein.