Ich habe vor kurzem alle Datensätze gesammelt, die ich zum Thema subjektivem Zeitempfinden finden konnte, um zu prüfen, ob es Zusammenhänge gibt, die über unabhängige Umfragen beständig sind. Hypothesentests bieten zwar einen einen guten Schutz davor, rein zufällige Zusammenhänge in der Stichprobe fälschlicherweise als signifikant einzustufen, aber Reproduktion ist immer noch der Königsweg um Trugschlüsse zu vermeiden. Wenn ein Zusammenhang tatsächlich existiert, dann muss sich dieser auch reproduzieren lassen.
Methode
Ich habe über das Harvard Dataverse sechs Datensätze gefunden, in denen die Teilnehmer Zustimmung zu Aussagen geben konnten, die ein beschleunigtes Zeitempfinden messen. Etwa Aussagen wie “I feel that time just flies by” oder “I’m shocked at how quickly time has passed since last Christmas”. Zustimmung konnte stets über eine Likert-Skala mit vier, fünf oder sechs Abstufungen gegeben werden, von “strongly disagree” bis “strongly agree”.
In manchen Umfragen wurden die jeweiligen Variablen, ob nun subjektives Zeitempfinden, Routine oder etwas anderes, über Zustimmung zu einer einzelnen Aussage gemessen, in anderen Umfragen über Zustimmung zu mehreren Aussagen mit anschließender Zusammenfassung zu einer Skala. Letzteres ist natürlich immer zu bevorzugen.
In jedem Datensatz habe ich eine einfache lineare Regression gemacht mit dem subjektiven Zeitempfinden als Zielvariable und den folgenden Variablen (falls vorhanden) als unabhängige Variablen: Alter, Anzahl Kinder sowie Werte auf den Skalen zu Routine, Beschäftigkeit, Tagträumerei / Innenfokus. Festgehalten wurde jeweils der standardisierte Regressionskoeffizient ß, die erklärte Varianz R² und ein Score, der reflektiert, wie gut die Residuen einer Normalverteilung folgen.

Resultate
Ein wenig überraschendes Resultat: Die Zustimmung zu Aussagen, die beschleunigtes Zeitempfinden messen, ist im Mittel umso größer, je älter ein Teilnehmer ist. Der Zusammenhang ist ziemlich beständig über verschiedene Umfragen, aber mit ß = 0,11 nicht sonderlich groß (dieser Wert gibt immer die Effektstärke bereinigt nach allen anderen Variablen im Modell an). Das deutet darauf hin, dass das biologische Alter, wenn auch relevant, weniger bestimmend auf das Zeitempfinden ist als die Lebensführung.
Einen stärkeren Einfluss hat die Beschäftigkeit, gemessen über Aussagen wie “Ich habe soviel zu tun dass ich kaum dazu komme, mich einfach mal zu entspannen” oder “Ich habe soviele Aufgaben zu erledigen, dass ich oft gar nicht mehr hinterherkomme”. Über vier Umfragen war höhere Beschäftigkeit klar mit mehr Zustimmung zu einem beschleunigten Zeitempfinden assoziiert. Um die Effektstärke etwas greifbarer zu machen: ß = 0,19 bedeutet grob, dass unter jenen, die von wenig Beschäftigkeit berichten (Cut-Off bei z <= -2/3), ein Anteil 18 % ein sehr deutlich beschleunigtes Zeitempfinden (z >= 2/3) hat, während es unter jenen, mit hoher Beschäftigkeit, ein Anteil 34 % ist. Beschäftigkeit bringt also fast eine Verdopplung des “Risikos”.
Auch viel Routine im Leben ist unabhängig davon ziemlich stabil mit einem stärker beschleunigten Zeitempfinden assoziiert. Leute die berichten, dass sie im Alltag die Dinge immer zu gleichen Zeiten erledigen, immer zu gleichen Zeiten aufstehen und schlafen gehen, abends immer diesselben Dinge tun, etc … zeigen vermehrt das Gefühl, dass ihnen die Zeit durch die Hände rinnt. Mit denselben Cut-Off-Werten lässt sich ß = 0,15 wie folgt übersetzen: In der Gruppe “wenig Routine” berichten (bereinigt nach allen anderen Variablen) 20 % von einem deutlich beschleunigtem Zeitempfinden, in der Gruppe “viel Routine” sind es 32 %.
Diese beiden Aspekte dürften erklären, wieso ein beschleunigtes Zeitempfinden in der Praxis viel stärker mit dem biologischen Alter assoziiert wird als es in den Regression der Fall ist. Leute tendieren im Laufe des Arbeitslebens zu mehr Beschäftigkeit und mehr Routine, was sich dann zu dem reinen Effekt des biologischen Alters addiert.
Ein anderer stabiler Effekt findet sich in einer ganz anderen Richtung: Innenfokus. Leute die berichten, viel in ihrem Kopf zu leben, etwa durch Tagträumerei, durch ständige Reflektion der eigenen Perspektiven und Meinungen oder durch ständige Analyze des eigenen Verhaltens, zeigen mehr Zustimmung zum beschleunigten Zeitempfinden. Der Effekt ist in etwa so stark wie jener von hoher Routine. Daneben gibt es noch eine stabile, aber sehr schwache positive Assoziation mit der Anzahl Kinder.
Technisches
Die genannten Variablen können etwa 12 % der Varianz im subjektiven Zeitempfinden erklären. Also auch wenn die Assoziationen allesamt relevant sind und eine hohe statistische Signifikanz aufweisen (p < 0,001), bleibt der größte Teil der Varianz unerklärt. Es muss noch andere Aspekte geben, die einen deutlichen Einfluss auf das subjektive Zeitempfinden haben, aber in den Umfragen nicht gemessen wurden. Und vielleicht auch gar nicht über Umfragen gemessen werden können.
Die Residuen (Vorhersagefehler) waren in einem Fall sehr gut normalverteilt, in vier Fällen mäßig normalverteilt und in zwei Fällen unzureichend normalverteilt. Das ist kein sonderlich gutes Resultat für ein Regressionsmodell, jedoch ist die erklärte Varianz so gering, dass die Verteilung der Vorhersagefehler mehr die Verteilung der Zielvariable reflektiert als die Güte des Modells. Vor dem Hintergrund darf man es wohl als akzeptabel werten.
Warnung & Viel Spekulation
Man sollte sich hüten vor kausalen Schlussfolgerungen. Alle Effekte sind bloße Assoziationen, Aussagen über Ursache und Wirkung sind nicht möglich. Nur weil etwa Innenfokus mit einem beschleunigten Zeitempfinden assoziiert ist, bedeutet das nicht, dass ein Abtrainieren davon eine Änderung bringen wird. Der Zusammenhang könnte auf zufällige Weise über eine verborgene, nicht gemessene Variable entstehen.
Um das mit einem blöden Beispiel zu verdeutlichen: Eine höhere Temperatur bringt mehr Eisverkauf und mehr Frauen in Bikinis. Es besteht also eine klare Assoziation zwischen Eisverkauf und Frauen in Bikinis. Bei einem Mangel an Frauen in Bikinis wird man dem Problem aber nicht mit Werbekampagnen für Eis begegnen können. Dieser könnte zwar den Eisverkauf ankurbeln, aber solange sich an der Temperatur nichts ändert, bleibt der Bikini-Mangel trotz aller Mühen erhalten. Gerade in der Psychologie ist es schwierig bis unmöglich, die tatsächlichen kausalen Zusammenhänge zu finden. Nur kontrollierte Experimente können das und diese sind sehr teuer bzw. ethisch oft gar nicht möglich.
Ein bisschen Spekulation kann man trotzdem wagen. Wenn in der Luft- oder Raumfahrt mehrere Systeme gleichzeitig versagen, gilt die erste Frage der Kommunalität. Was ist den Systemen gemeinsam? Ähnlich kann man fragen: Was ist Beschäftigkeit, Routine und Innenfokus gemeinsam? Gibt es eine Gemeinsamkeit, die auf einen Streich die Assoziation mit dem Zeitempfinden erkläret?
Eine naheliegende Idee sind automatisierte Prozesse. All diese Dinge macht man für gewöhnlich “auf Autopilot”. Trinkt man schon seit Jahren zur Mittagspause Kaffee und geht danach noch eine Runde spazieren, tendiert man wohl dazu, diese Automation ohne besondere Gründe nicht zu hinterfragen oder zu unterbrechen. Nicht selten werden Handlungen zu Routine, weil sie das Wohlsein fördern (ob sofort in dem Moment oder in der Zukunft) und sich auch gut in den Alltag integrieren lassen. Ein ständiges Hinterfragen und Unterbrechen wäre dann sogar kontraproduktiv. Es besteht ein guter Anreiz, die Automation beizubehalten.
Auch bei hoher Beschäftigkeit ist bewusstes Unterbrechen der Automation selten von Vorteil. Man möchte den Berg an Aufgaben so schnell wie möglich und idealerweise ohne übermäßige Strapazen der Kraft abarbeiten. Beides wird durch eine gut geübte Automation gefördert. Mit Autopilot durch und dann die wohlverdiente Entspannung genießen scheint ein vernünftiger Ansatz.
Bei dem Innenfokus und der Tagträumerei kann man auch einen hohen Grad an Automation unterstellen. Lässt man den Gedanken freien Lauf, so hangeln diese sich für gewöhnlich von engster Assoziation zu engster Assoziation: Auto – Maschine – Arbeit – Wochenende – Wandern – etc … Es gibt sehr wenig bewusste Steuerung in einem solchen Narrativ. Eine bewusste Steuerung wäre etwa das Unterbrechen dieser Assoziationskette und der Wechsel zu einem wenig naheliegenden Thema. Was hier und da sicherlich geschieht, aber beim gewohnten “vor sich hinhirnen” vermutlich die Ausnahme bleibt.
Man kann also argumentieren, dass all diesen Einflüssen auf das subjektive Zeitempfinden der hohe Grad an Automation gemeinsam ist. Und jedes Zulassen von Automation eine Art “Zeitlücke” in der inneren Uhr hinterlässt, welche sich in der Summe und bei retrospektiver Wertung in einem Gefühl eines beschleunigten Zeitflusses niederschlägt. Diese Erklärung wäre im Einklang mit allen oben festgestellten empirischen Ergebnissen, ist aber nur pure Spekulation.
Die Perspektive “Zulassung eines automatisierten Prozesses” finde ich, das eher am Rande, viel greifbarer als die Perspektive “Abwesenheit des bewussten Erlebens”. Zwar bedeutet beides wohl etwas ähnliches, oder läuft zumindest beides auf ein ähnliches Resultat hinaus, aber da sich Bewusstein kaum bis gar nicht definieren lässt und automatisierte Prozesse hingegen ziemlich gut, ist das Argumentieren mit der ersten Perspektive deutlich angenehmer.
Es bietet sich natürlich an diesem Punkt auch an, die Brücke zu Mindfulness zu schlagen, da diese auf gewisse Weise ein Gegenteil zum oben beschriebenen Innenfokus und automatisierten Leben darstellt. Ist der Erklärungsansatz mit automatisierten Prozessen korrekt, so sollte man eine negative Assoziation zwischen Mindfulness und beschleunigtem Zeitempfinden finden können. Andere mögliche Tests könnten über den Konsum von Drogen laufen. Eine Zigarette an einem stressigen Tag kann eine bewusste Unterbrechung des automatisierten Abarbeitens bieten. Der Konsum von Psychedelika kann eine deutliche Unterbrechung der Routine und einen intensiveren Außenfokus bringen. Auch eine Assoziation mit manchen Psychopathologien müsste zu finden sein, etwa bei psychischen Krankheiten, die dem Betroffenen die Aufrechterhaltung von Routinen und Beruf kaum möglich machen.



