Wie stabil sind die Big-Five-Merkmale wirklich?

Das wichtigste Kriterium, welches ein Merkmal erfüllen muss, um mit gutem Gewissen als Merkmal der Persönlichkeit gelten zu können, ist Stabilität. Nur wenn ein Merkmal bei Menschen über Jahre oder besser Jahrzehnte praktisch unverändert bleibt, taugt es zur Beschreibung der Persönlichkeit. Die empirische Forschung hat über die letzten Jahrzehnte diese stabilen Merkmale herausgearbeitet und gemäß der Interkorrelationen in fünf Komplexe gruppiert: Extroversion, Sozialverträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und emotionale Stabilität. Bei jedem der Komplexe und seinen Merkmalen gilt in guter Näherung: Sie bilden sich früh aus und zeigen danach keine besonderen Veränderungen mehr. Wer heute empathisch ist, dieses Merkmal gehört zum Komplex Sozialverträglichkeit, wird es wohl auch in 20 Jahren sein. Und wer es heute nicht ist, der wird es auch in 20 Jahren nicht sein. Empathie ist nicht etwas, das man im Erwachsenenalter einfach lernen oder verlernen kann. Sie ist ein stabiler Teil der Persönlichkeit.

Man beachte aber die Formulierung: “In guter Näherung”. Keine Stabilität ist perfekt. Auch bei Erwachsenen bleibt noch etwas Spielraum bei der Formbarkeit. Wie groß dieser Spielraum ist, lässt sich relativ leicht ermitteln: Man testet eine Stichprobe an Leuten, testet die gleichen Leute X Jahre später und vergleicht dann. Eine Studie, die genau das tut, ist diese. Die abgebildete Tabelle zeigt die Korrelation zwischen den Big-Five-Merkmalen nach einem Zeitraum von neun Jahren. Zum Beispiel ergibt sich zwischen dem Neurotizismus-Wert im Alter von 33 Jahren und dem im Alter von 42 Jahren ein Korrelationkoeffizient von 0,76. Wie kann man diesen Wert interpretieren?

Um den Wert etwas greifbarer zu machen, habe ich in SPSS ein kleines Experiment gemacht. Angefangen mit einer Variablen, die eine Fantasieverteilung von einhundert Neurotizismus-Werten besitzt, habe ich diese Variable mehrfach kopiert und bei jeder Kopie einen gewissen Teil der einhundert “Leuten” mit zufälligen Schwankungen von plus/minus einer Standardabweichung versehen. Logischerweise gilt: Je mehr “Leuten” man eine solche zufällige Schwankung zusetzt, desto kleiner wird der Korrelationskoeffizient r. Ganz ohne zufällige Zusätze ist die neue Variable nur eine identische Kopie der alten Variable und man bekommt r = 1 (perfekte Korrelation). Mischt man 48 der 100 “Leuten” eine solche Schwankung hinzu, sinkt r auf 0,76. Den Korrelationskoeffizienten r = 0,76 kann man also auch so verstehen, dass man eine Bewegung (ob nun hoch oder runter) von im Mittel 0,48 Standardabweichungen pro Person von einer Variablen zur anderen Variablen hat.

Das ist ein schicker Weg die Korrelationen der Studien greifbarer zu machen. Bei Sozialverträglichkeit und Gewissenhaftigkeit bekommt man einen Korrelationskoeffizienten um 0,65. Über einen 9-Jahres-Zeitraum bewegen sich Leute somit im Mittel um grob 0,9 Standardabweichungen in die eine oder andere Richtung über die Skala. Das ist nicht zu vernachlässigen. Eine Personen, die ziemlich unordentlich und unzuverlässig ist, etwa eine Standardabweichung unter der Norm, kann durchaus nach einem solchen Zeitraum in der Norm landen. Eine Standardabweichung über der Norm wird wohl nicht drin sein, dafür müsste man weitere neun Jahre anhängen, aber die Entwicklung zur Norm wäre drin.

Als noch beständiger zeigt sich emotionale Stabilität. Hier ist, wie erwähnt, die Größe der typischen Auf- oder Abbewegung etwa 0,5 Standardabweichungen pro Person über neun Jahre. Recht instabile Menschen eine Standardabweichung unter der Norm könnten somit über einen Zeitraum von 18 Jahre durchaus zur Norm kommen. Bei extremer Instabilität eher 25 bis 35 Jahre. Das ist schon zäher und von sehr instabil zu sehr stabil wird über eine Lebenszeit wohl fast niemand kommen, aber ein Spielraum ist gegeben.

Noch zäher sind die Merkmale Extroversion und Offenheit. Hier findet die Studie einen Korrelationskoeffizienten von 0,8 und die typische Bewegung über neun Jahre liegt somit 0,35 Standardabweichungen. Für den Weg von einer Standardabweichung unter der Norm bis zur Norm muss man schon 27 Jahre rechnen. Von extremer Ausprägung zur Norm wird eine Lebensdauer nicht mehr reichen.

Man sollte sehr genau über diese Ergebnisse nachdenken. Die Stabilität der Big-Five-Merkmale ist ohne Zweifel eines wichtigsten (und auch am besten gesicherten) Resultate der psychologischen Forschung der letzten Jahrzehnte. Es zeigt die enorme Prägung der Genetik und frühen Lebenserfahrungen auf das Erwachsenenleben. Wie man ist, ist zu einem sehr großen Teil durch Dinge bestimmt, die nichts mit den eigenen Entscheidungen und eigenem Einsatz zu tun haben.

Menschen führen sehr gerne ihre Erfolge auf ihre Entscheidungen und ihren Einsatz zurück. Das liegt nahe und verleiht positive Gefühle. Ich weiß viel, weil ich viel gelernt habe. Ich bin kein Junkie auf der Straße, weil ich es besser gemacht habe. Diese Perspektive, wenn auch nicht grundfalsch, lässt die empirischen Realitäten zu kurz kommen. Es fehlt hier ein zentraler Zusatz. Ich weiß viel, weil ich viel gelernt habe. Und ich habe viel gelernt, weil ich eine hierfür eine förderliche Genetik und Kindheit besitze. Ich musste nie den jahrzehntelangen Kampf mit Mühen und Ängsten führen, mit denen sich jene konfrontiert sehen, die eine gegensätzliche Prägung besitzen. Die diesen Kampf wegen der hohen Stabilität dieser Merkmale auch nicht so einfach gewinnen können. Es ist ein ständiger “Uphill Battle”, gegen die eigene Natur. Ich bin kein Junkie auf der Straße, weil ich es besser gemacht habe. Ich habe es besser gemacht, weil ich dank meiner Genetik und Kindheit nie in einen akuten Zustand emotionaler Instabilität geraten bin, in denen Drogen oder Selbstmord die einzigen Auswege waren. Psychiatrische Kliniken kenne ich nur von außen. Ich hatte das Glück, diesen jahrzehntelangen Kampf nicht führen zu müssen.

Ich denke Bescheidenheit ist der beste Begriff, um eine rationale Reaktion auf die Resultate zu den Big Five beschreiben. Es ist ein großes Glück in das Erwachsenenleben mit hoher Empathie, hoher Verlässlichkeit, hoher Offenheit oder hoher emotionaler Stabilität zu starten. Ein Grund für Dankbarkeit, nicht Stolz. Und ein jahrzehntelanger Kampf, das Leben nach der Schule mit niedriger Empathie, niedriger Verlässlichkeit, niedriger Offenheit oder niedriger emotionale Stabilität zu beginnen. Fortschritte messen sich hier in Jahrzehnten, nicht in Jahren oder Monaten. Ein guter Grund für Rücksichtnahme auf jene, die diesen Kampf führen müssen, und ein solides Argument gegen Überheblichkeit.

Eine weitere Schlussfolgerung daraus ist, dass Versuche, einen Menschen zu ändern, zum Scheitern verurteilt sind. Und Beteuerungen der Menschen, von nun an anders zu sein, wenig Glauben geschenkt werden sollten. Die Stabilität der Big Five Merkmale untersagt solch schnelle Änderungen. Zehn Jahre Einsatz sollte man bei jedem dieser Merkmale als Minimum nehmen, eine deutliche Änderung hervorzubringen. Es bleibt nur einen Menschen entweder so zu akzeptieren, wie er ist, Schattenseiten inklusive, oder, wenn man mit diesen Schattenseiten nicht umgehen kann oder will, konsequent Distanz zu suchen.

Die Stabilität der Big Five Merkmale erklärt auch zum Teil die Stabilität von Partnerschaften und Freundschaften. Es gibt eine sehr hohe Korrelation zwischen der Ausprägung eines Big Five Merkmals und dem Mögen von Leuten mit ähnlich ausgeprägtem Big Five Merkmal. So besteht etwa zwischen Extroversion und dem Mögen extrovertierter Leute eine Korrelation r = 0,53. Zwischen Offenheit und dem Mögen offener Leute r = 0,48. Menschen mögen ähnliche Menschen, wohl weil man dann ähnliche Lebenserfahrungen macht, ähnliche Dinge unternimmt und sich über ähnliche Dinge Gedanken macht. Die Stabilität der Big Five impliziert konstante Ähnlichkeit, was wiederum stabile Partnerschaft und Freundschaften begünstigt. Zwei Menschen, die sich über ihre hohe Offenheit verbunden haben, können das auch beim Wiedertreffen 10 Jahre später machen.

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