Das ist mein Lieblingsresultat aus Umfragen. Es ist lustig und die wenigsten können sich hier rausnehmen, ich wohl inklusive. Man kann Leuten die einfache Frage stellen, wie sie sich im Bezug auf intellektuelle / kognitive Fähigkeiten beurteilen: Unter dem Durchschnitt, im Durchschnitt oder über dem Durchschnitt. In einer perfekten Welt, in der jeder eine objektive Einstufung vornehmen kann und auch vornimmt, sollte man eine Gleichverteilung der Antworten erwarten. Für jeden, der sich unter dem Durchschnitt sieht, gibt es einen, der sich darüber sieht. So funktioniert Durchschnitt. Richtig? Die Realität ist amüsant anders:


8 % sehen sich unter dem Durchschnitt und stolze 64 % darüber. Auf jeden, der seine intellektuellen Fertigkeiten unter dem Durschnitt sieht, kommen also r = 8 Leute, die sich darüber sehen. Wir sind alle überdurchschnittlich!
Es ist interessant, dieses Ergebnis weiter runterzubrechen. Welche Gruppen haben eine besonders hohe Überzeugung von intellektueller Überlegenheit? Allem voran: Es gibt einen Unterschied bei den Geschlechtern. Bei Frauen kommen r = 6 gefühlt Überdurchschnittliche auf eine Unterdurchschnittliche, bei den Männern sind es mehr als doppelt soviele, stolze r = 13 Überdurchschnittliche pro Unterdurchschnittlichem.

Spannend ist auch der Zusammenhang mit der Wertung des eigenen Aussehens. Bei Teilnehmern, die ihr Aussehen negativ werten, gibt es nur r = 2 Überdurchschnittliche pro Unterdurchschnittlichem. Immer noch eine solide Mehrheit, aber nicht mehr ganz so abstrus wie bei der Allgemeinheit. Hingegen ist die Lage bei Teilnehmern, die sich als sehr gut-aussehend beschreiben, umso absurder. Das Verhältnis ist r = unendlich. Fast alle sehen sich als intellektuell überlegen, nur eine handvoll im Durchschnitt und kein einziger unter dem Durchschnitt. Ein gutes Aussehen bringt wohl einen meisterhaften Intellekt.

Vor diesem Hintergrund ist die Assoziation mit Narzissmus wohl nicht mehr überraschend. Die Verhältnisse liegen gleich wie bei der Beurteilung des Aussehens. Bei jenen, die einen geringen Score auf der 5-Item Narzissmus-Skala erzielt haben, gibt es r = 2 Überdurchschnittliche pro Unterdurchschnittlichem. Bei jenen, mit sehr hoher Neigung zu Narzissmus, gilt wieder r = unendlich. Fast alle sehen sich als intellektuell überdurchschnittlich, eine handvoll im Durchschnitt und kein einziger darunter. Es gibt hier zwei Möglichkeit der Erklärung: Bildung oder Einbildung. In den Daten gibt es nichts, was einen Beweis erbringen kann. Aber ich habe eine Vermutung im Bauch.

Auch wenn diese Verzerrung der Realität bei Männern und Menschen mit Tendenz zu Narzissmus am stärksten ausgeprägt ist, sollte man nicht vergessen, dass diese Verzerrung bei jeder Gruppe besteht. Zu denken, man sei intellektuell über dem Durchschnitt, scheint der “Default Mode” zu sein und eine Einstufung darunter die Ausnahme. Ich habe keine Kompetenzen in Psychologie und will entsprechend auch gar nicht versuchen, das zu erklären. Aber es ist definitiv Futter für die Gedanken.