Einkommen und Persönlichkeit

Die Faktoren, die das Einkommen am stärksten beeinflussen, und das mit großem Abstand, sind das Alter und die formale Bildung. Das ist klar und bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Interessant ist vor allem der Blick darüber hinaus. Einmal bereinigt nach Alter und Bildung, bleiben dann noch weitere Faktoren, die einen signifikanten Einfluss auf das Einkommen zeigen? Die Antwort lautet Ja. Die folgenden Ergebnisse kommen aus einer ziemlich umfangreichen Umfrage mit n = 1887 Teilnehmern, den Datensatz habe ich vom Harvard Dataverse bezogen. Im ersten Schritt habe ich das Einkommen (jeweils mittels eines kubischen Polynoms) nach Alter und Bildung bereinigt. Die Variable, die sich daraus ergeben hat, habe ich dann als Zielvariable für die weitere Regression genommen. Als unabhängige Variablen haben eine große Bandbreite an abgefragten Aspekten aus Demographie, Kindheit, Lebensführung und Big-Five-Persönlichkeit gedient.

Nach Bereinigung können die folgenden Faktoren noch zusätzliche Varianz erklären:

  • Die Dimension “Extroversion”
  • Die Dimension “Gewissenhaftigkeit”
  • Der Wohlstand der Eltern
  • Die Dimension “Offenheit”
  • Umgebung im Kindesalter (urban versus ländlich)

Menschen, die in der Dimension Introversion-Extroversion klar im Bereich Extroversion liegen, berichten im Mittel ein höheres Einkommen als es auf Basis ihres Alters und ihrer formalen Bildung zu erwarten wäre. Bei Introversion ist es umgekehrt, diese ist mit einem Einkommen unter dem Erwartungswert assoziiert. Die statistische Signifikanz ist mit p < 0,001 sehr hoch, die Effektstärke beträgt etwa 0,5 Standardabweichungen. Es scheint aber auch ein Sättigungseffekt erkennbar zu sein. Zusätzliche Extroversion bringt nur bis Extroversion etwas über dem Durchschnitt ein Mehr an Einkommen. Extroversion darüber hinaus übersetzt sich nicht in höheres Einkommen. Bei der Erklärung des Effekts lohnt es sich wohl sich in den Sinn zu rufen, dass zentrale Komponenten von Extroversion soziale Dominanz und ein selbstbewusstes Auftreten in sozialen Situationen sind. Es ist leicht einzusehen, dass diese Qualitäten bei Beförderungen in höhere Positionen förderlich sein können. Ich will aber keine Küchenpsychologie machen. Sicher ist nur die hohe Signifikanz des Effekts, der Erklärungsansatz ist bloße Spekulation.

Dass Gewissenhaftigkeit, mit den zentralen Komponenten Verlässlichkeit und Ordentlichkeit, mit einem Einkommen über dem Erwartungswert assoziiert ist, dürfte wohl keine große Überraschung sein. Die Wirtschaft lebt davon, dass Leute zum vereinbarten Zeitpunkt am richtigen Ort sind und die vorliegenden Aufgaben gewissenhaft erledigen. Von Angestellten, die Gewissenhaftigkeit im Blut haben, träumt wohl jeder Arbeitgeber. Und schaudern eher vor Leuten wie mir, die sich oft nicht sicher sind, ob jetzt gerade Oktober ist. Die Signifikanz des Trends ist auch hier p < 0,001 und die Effektstärke etwa 0,4 SD.

Ein wohlhabendes Elternhaus zeigt auch bereinigt nach Alter und Bildungsgrad noch einen Effekt auf das Einkommen. Das könnte zum Beispiel ein Ausdruck von Vitamin B sein. Es schadet sicherlich nicht, wenn der Vater mit dem CEO entspannte Segeltrips unternommen hat. Auch zusätzliche Förderung, etwa durch private Lehrer, könnte Teil dieses Effekts sein. Der formale Bildungsgrad ist zwar berücksichtigt, jedoch nicht die Note, mit welcher diese erreicht wurde. Aus eigener, langer Erfahrung als Nachhilfelehrer kann ich bestätigen, dass eine 4 oft noch zur 2 gewandelt werden kann, natürlich inklusive einem Mehr an Verständnis der Materie, sofern die Eltern das notwendige Geld haben. Wie dem auch sei, die Signifikanz des Trends ist mit p < 0,001 sehr hoch und die Effektstärke ebenfalls grob 0,4 SD.

Für die Existenz des folgenden Effekts würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Die Signifikanz des Trends ist mit p < 0,01 zwar ganz gut, aber die Signifikanz der Unterschiede der Gruppen ist p > 0,05. Ein grenzwertiger Fall. Es könnte sein, dass eine hohe Offenheit, die oft mit einer kritischeren Hinterfragung der Dinge und weniger blinder Konformität einhergeht, sich negativ auf das Einkommen auswirkt, mit einer Effektstärke um die 0,2 SD.

Ähnlich grenzwertig, mit einer Signifikanz des Trends p < 0,05 und keiner Signifikanz der Unterschiede, ist die Umgebung im Kindesalter. Menschen, die in städtischer Umgebung aufgewachsen sind, scheinen mit dem Einkommen etwas über ihrem Erwartungswert aus Alter und Bildung zu liegen und Menschen aus ländlicher Umgebung etwas darunter. Auch hier ist die Effektstärke circa 0,2 SD.

Die obigen Unterschiede lassen sich auch grob in Dollar-Werten ausdrücken. Die Standardabweichung beim Einkommen im Sample beträgt 1,3 Kategorien und die Differenz von einer zur nächsten Kategorie ist $ 25.000 pro Jahr. Ein Unterschied von einer Standardabweichung im Einkommen übersetzt sich somit etwa in einen Unterschied von knapp $ 20.000 pro Jahr oder $ 1600 pro Monat. Zwischen hoher und niedriger Extroversion liegen somit bereinigt nach Alter und Bildung $ 800 im Monat, zwischen den Skalenrändern von Gewissenhaftigkeit und Wohlstand der Eltern $ 650. Ein knackiger Unterschied.

Am Ende der Hinweis, dass der Einfluss von Persönlichkeit auf das Einkommen generell größer ist als hier festgestellt, da die Persönlichkeit auch zu einem guten Teil den Bildungsgrad beeinflusst. So ist etwa hohe Gewissenhaftigkeit und niedriger Neurotizismus recht eng mit einem höheren formalen Bildungsgrad assoziiert. Das oben festgestellte Plus hoher Gewissenhaftigkeit ist also ein Plus auf das Plus, das schon durch die förderliche Wirkung auf den Bildungsgrad besteht. Das gleiche gilt, wie erwähnt, auch für den Wohlstand der Eltern. Kinder wohlhabender Eltern erreichen im Mittel einen höheren Bildungsgrad, aber selbst danach bereinigt bleibt ein Plus für das spätere Einkommen.

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