Die vier Todsünden emotionaler Instabilität

Ich habe vor kurzem neun Umfragen aus dem Harvard Dataverse abgegrast, insgesamt n = 1989 Teilnehmer, um jene Denk- und Verhaltensmuster zu finden, die am konsequentesten mit emotionaler Instabilität (Neurotizismus) assoziiert sind. Es ist erstaunlich, wie bei den Umfragen unabhängig voneinander immer diesselben üblichen Verdächtigen zum Vorschein kommen und wie eng die jeweiligen Assoziationen sind. Die Unterschiede lassen sich auch sehr schlüssig in vier Kategorien unterteilen. Die Stärke der Assoziationen ist stets mit dem standardisierten Regressionskoeffizienten ß angegeben (Regression mit Neurotizismus als Zielvariable) und die Signifikanz mit * für p < 0,05, ** für p < 0,01 und *** für p < 0,001.

  • Innenfokus

Der Blick emotional instabiler Menschen ist klar nach innen gerichtet, der Blick emotional stabiler Menschen nach außen. Das lässt sich an verschiedenen Skalen erkennen. Eine der Umfragen hat den Innenfokus direkt mittels einer Skala abgefragt, mit dem Ergebnis ß = 0,31***. Tagträumerei, ein guter Indikator für den Innenfokus, war sogar über drei Umfragen eng mit Neurotizismus assoziiert: ß = 0,48***, ß = 0,41*** und ß = 0,26***. Man erkennt den starken Innenfokus auch an der negativen Korrelation mit Mindfulness-Skalen. Hier ergeben sich in zwei Umfragen die Koeffizienten ß = -0,15* und ß = -0,58***.

  • Übermäßige Selbstkritik

Emotional instabile Menschen sind extrem selbstkritisch, emotional stabile Menschen kaum selbstkritisch. Über drei Umfragen ist Selbstkritik sehr klar mit Neurotizismus assoziiert: ß = 0,47***, ß = 0,42*** und ß = 0,55***. Man sieht es auch am Above-Average-Effekt. Emotional instabile Menschen sehen sich, egal ob man nach sozialen Skills, Fahrskills oder Leseverständnis frägt, konsequent unter dem Durchschnitt, emotional stabile Menschen sehen sich konsequent über dem Durschnitt. Die Stärke der Assoziation des Above-Average-Bias mit Neurotizismus ist ß = -0,35***.

  • Problemvermeidung

Über drei Umfragen hinweg ergibt sich auch eine sehr enge Assoziation zwischen Problemvermeidung und emotionaler Instabilität: ß = 0,47***, ß = 0,55*** und ß = 0,45***. Die Gewohnheit der Problemvermeidung scheint eine zentrale Komponente emotionaler Instabilität zu sein. Dieser Punkt ist wohl ein fließender Übergang zur letzten Todsünde.

  • Lebensführung

Emotional instabile Menschen bewegen sich nicht ausreichend, essen schlecht und pflegen wenig Routinen. Die Assoziation von Neurotizismus und Bewegung bzw. sportlicher Aktivität ist über sechs Umfragen konsequent zu erkennen: ß = -0,29***, ß = -0,13*, ß = -0,19**, ß = -0,20**, ß = -0,34*** und ß = -0,18***. Die Assoziation mit schlechten Gewohnheiten bei Ernährung über drei Umfragen zu sehen: ß = -0,41***, ß = -0,25*** und ß = -0,16**. Und die Assoziation von Neurotizismus mit mangelnder Routine über drei Umfragen (in einer Umfrage jedoch nicht): ß = -0,12*, ß = -0,41***, ß = 0,02 und ß = -0,36***. Hand in Hand mit diesem Punkt geht wohl auch die negative Assoziation mit aufgeräumten Zimmern: ß = -0,35***.

Wie man aus diese Assoziationen interpretiert und was man daraus macht, sei jedem selbst überlassen. Klar ist nur wie eng und konsequent die jeweiligen Assoziationen sind. Ich benutze den Begriff Assoziationen hier bewusst weil keine Ursache-Wirkung impliziert sein soll. Nur kontrollierte Experimente können Ursache-Wirkung identifizieren. Das ist vor allem wichtig im Hinblick auf Versuche der Umkehrung der Assoziationen. Nur weil Neurotizismus mit Tagträumerei assoziiert ist, heißt das nicht, dass ein nun antrainierter Verzicht auf Tagträumerei eine Besserung bringen muss. Es kann sein, aber es muss nicht. Die Ursache für die Assoziation könnte ganz woanders liegen und die Tagträumerei nur ein Indikator für diese verborgene Ursache. Daher sollte man im Hinblick auf Ursache-Wirkung nur kontrollierten Experimenten trauen. Bei sportlicher Aktivität existieren diese zum Beispiel. Die Umkehrung funktioniert tatsächlich, mehr Bewegung über einige Monate hinweg bringt geringere Scores bei Neurotizismus.

Die Ergebnisse lassen auch vermuten, dass rein behaviorale Ansätze wohl zum Scheitern verurteilt sind. Mehr Bewegung, besser essen und mehr Routinen ist ohne Inklusion der genannten Denkmuster wie ein Pflaster auf eine ausufernde Infektion. Kein vernünftiger Mensch möchte auf das Pflaster verzichten, es kann in den akutesten Zeiten deutliche Linderung bringen, aber damit ist die Grenze des Machbaren bei rein behavioralen Ansätzen auch leider schon erreicht.

Für mich war auch interessant zu sehen, dass die kognitive Verzerrung nicht immer bei den emotional instabilen Menschen liegen muss. Die wenigsten Menschen sind bei einer großen Bandbreiten an zentralen Fähigkeiten konsequent über dem Durchschnitt. Sich konsequent über dem Durchschnitt zu sehen ist eine Verzerrung der Realität. Aber eine, die scheinbar den Leidensdruck sehr effektiv lindern kann. Strenger Realismus kann ernüchternd und schmerzhaft sein. Der Königsweg wäre wohl, seinen Wert und seine Perspektive generell von diesem Vergleich mit den Fähigkeiten anderer Menschen zu entkoppeln.

Leave a comment