Es gibt viele Artikel und Studien, die sich mit Vorurteilen gegen Menschen anderer Ethnien, anderer sexueller Orientierung, anderen Geschlechts und anderen Alters beschäftigen. Vorurteile gegen reiche Menschen werden, obwohl diese recht weit verbreitet sind, eher selten untersucht, was wohl auch daran liegt, dass man reiche Menschen kaum zu den vulnerablen Gruppen zählen kann. Mithilfe einer Umfrage auf dem Subreddit r/SampleSize, auf die n = 271 geantwortet haben, wollte ich trotzdem mal schauen, wie weit solche Vorurteile verbreitet sind und wer diese tendenziell glaubt.
Da es keine validierte Skala gibt, habe ich einfach vier gängige Vorurteile über reiche Menschen abgefragt und das Ergebnis zu einer Skala zusammen gefasst. Die Teilnehmer konnten mittels einer 4-Punkte Likert-Skala ihre Zustimmung zu den folgenden vier Aussagen mitteilen: “Reiche Menschen interessieren sich nicht für das Wohl anderer”, “Reiche Menschen sind korrupt”, “Reiche Menschen nutzen andere aus” und “Reiche Menschen sind gierig”. Die Korrelation unter den vier Variablen ist hoch genug um die Zusammenfassung zu einer gemeinsamen Skala zu rechtfertigen. Das erkennt man auch Kronbach’s Alpha, einem Ausdruck der mittleren Korrelation der Variablen untereinander, oft verwendet als Gütemaß für Skalen. Der Wert Alpha = 0,88 ist ausreichend und zufriedenstellend.


Zur einfacheren Präsentation habe ich die Skalenwerte umcodiert, so dass jedem, der einen Score von einer Standardabweichung oder mehr über der Norm erzielt hat, der Wert Eins zugeordnet wurde, und allen anderen der Wert Null. So lassen sich die Ergebnisse als Prozente ausdrücken (“Anteil Reichphobe”). Ich werde diesen Begriff weiterverwenden, auch wenn er ziemlich sperrig und seltsam klingt. Als Reichphober zählt also jeder Teilnehmer, der einen besonders hohen Score auf der obigen Skala erreicht hat, mit dem etwas willkürlichen (aber vernünftigen) Cut-Off bei einer Standardabweichung über der Norm.
Am naheliegendsten ist zu schauen, wie sich Vorurteile gegen reiche Menschen in Gruppen unterschiedlicher finanzieller Situation verhalten. Die Ergebnisse sind wenig überraschend. Bei jenen mit Einkommen ein gutes Stück unter dem Median findet man 16 % Reichphobe, bei einem Einkommen weit über dem Median nur 6 %. Der Unterschied ist aber nur sehr knapp signifikant mit p < 0,05.


Der Unterschied ist größer wenn man statt des Einkommens das Ersparte anschaut. Unter Teilnehmern, die angeben nur sehr wenig Erspartes zu besitzen, kann man 21 % zu den Reichphoben zählen. Bei jenen, mit viel Erspartem, nur 7 %. Die Signifikanz des Unterschieds ist p < 0,01. Das kann man schon als handfestes Resultat werten. Aber der Unterschied wird noch deutlicher beim Blick auf Schuldenprobleme.


27 % jener, die angeben große Schuldenprobleme zu haben, zeigen starke Vorurteile gegen reiche Menschen. Unter jenen, ohne solche Probleme, sind es hingegen nur 8 %. Die Signifikanz ist mit p < 0,001 sehr hoch. Dass sich ein solcher Unterschied aus reinem Zufall ergibt, ist extrem unwahrscheinlich. Was Indikatoren der finanziellen Situation angeht, scheinen Schulden also die stärkste treibende Kraft für Vorurteile gegen reiche Menschen zu sein. Es ist gut möglich, dass die Schuldenprobleme hier sogar die einzige treibende Kraft sind und die Ergebnisse zu Einkommen und Erspartem nur korrelativ sind. Eine lineare Regression legt das zumindest nahe.


Möchte man den erzielten Wert auf der Skala mittels linearer Regression auf Basis der Variablen Einkommen, Erspartem und Schuldenprobleme (und nur dieser drei Variablen) vorhersagen, so zeigt sich, dass die alleinige Verwendung der Variablen Schuldenprobleme praktisch alle damit erklärbare Varianz abdeckt. Die Hinzunahme von Einkommen und Erspartem führt zu keiner Verbesserung der Vorhersage.

Der Anteil Reichphober scheint auch altersabhängig zu sein. Vorurteile gegen reiche Menschen sind in jungen Jahren (< 30 Jahre) mit 7 % Prävalenz relativ selten. Im mittleren Alter steigt der Anteil aber stark an, auf ein Maximum von 22 % in den Alter um 45 Jahre herum. Die Differenz der Anteile bei jungem Alter versus mittlerem Alter ist signifikant mit p < 0,05. Im hohen Alter scheinen Vorurteile gegen reiche Menschen wieder seltener zu werden, aber das festgestellt ohne statistische Signifikanz.


Was die Persönlichkeit gemessen an dem Big-Five-Modell betrifft, zeigt nur die Dimension Extroversion einen signifikanten Unterschied. 26 % der introvertierten Teilnehmer haben deutliche Vorurteile gegen reiche Menschen, jedoch nur 9 % der extrovertierten Teilnehmer. Es ist p < 0,01, auch hier ist also ein Unterschied basierend auf reinem Zufall sehr unwahrscheinlich.


Nullresultate sind aber manchmal auch ganz interessant. In der Regel zeigen Menschen, die einen hohen Score bei der Big-Five-Dimension Agreeableness (Herzlichkeit, Empathie, Kooperation) erzielen, weniger Vorurteile gegen andere Menschen. Bei Vorurteilen gegen reiche Menschen findet man einen solchen Unterschied aber nicht. Der Anteil jener, die starke Vorurteile zeigen, ist bei Leuten mit geringer Agreeableness genauso hoch wie bei Leuten mit hoher Agreeableness. Das ist ein unerwartetes und ziemlich kurioses Resultat.
Aspekte der Erziehung scheinen auch einen Einfluss auf Reichphobie zu haben. Menschen, die berichten von strikten Eltern erzogen worden zu sein, tendieren zu mehr Vorurteilen gegen Reiche. Die entsprechenden Anteile sind hier 25 % versus 9 % mit einer Signifikanz p < 0,01. Die Striktheit der Eltern wurde hier über eine nicht-validierte Skala mit vier Variablen gemessen (Cronbach’s Alpha = 0,85).


Menschen, die von Eltern erzogen wurden, welche psychische Probleme haben, haben eventuell auch ein höheres Risiko, im späteren Leben Vorurteile gegen reiche Menschen zu entwickeln. Der Unterschied ist aber mit 21 % versus 10 % und p < 0,05 nur knapp signifikant. Meine Hand ins Feuer legen würde ich für diesen Zusammenhang nicht, aber der Vollständigkeit halber sei er hier angemerkt.


Das Regressionsmodell fortgespinnt mit Alter und Persönlichkeit bestätigt die Signifikanz der Variable Schuldenprobleme in der Regression (und die Insignifikanz von Einkommen und Erspartem) und zeigt, dass die Hinzunahme von Alter und Extroversion die Vorhersage signifikant verbessert. Andere Dimensionen der Persönlichkeit bringen hingegen keinen Zugewinn.

Eine Hinzunahme der Variablen der Erziehung und schlussendlich Elimination aller Variablen, deren Vorhandensein im Modell keine zusätzliche Varianz erklärt, führt zu dem folgenden optimalen Regressionsmodell. Um Reichphobie mittels Aspekten finanzieller Situation, Demographie und Persönlichkeit vorherzusagen, kann man sich also auf die Verwendung von Schuldenproblemen, Alter, Extroversion und Striktheit der Erziehung beschränken. Was davon kausal ist und was nicht bzw. ob von diesen Variablen überhaupt eine kausal für Vorurteile gegen reiche Menschen ist, lässt sich aber nicht klären. Das geht generell nur mit RCTs, von denen es zu Reichphobie natürlich keine gibt.

Die Analyse konnte einige “Risikofaktoren von Reichphobie” ermitteln, aber mit dem Modell bleibt leider viel mehr offen als erklärt wird. Der adjusted R² beträgt mickrige 11 %. Das Modell erklärt somit nur grob 15 % der Varianz, die sich unter Berücksichtung von Messunsicherheiten maximal erklären ließe. Gefunden wurden leider nur Nebeneffekte. Die bestimmenden Faktoren bleiben im Dunkeln. Was unerwartet ist, da die Bandbreite der gemessenen Variablen ziemlich groß ist. Es ist sehr selten in den Kategorien Demographie, Persönlichkeit und Kindheit keinen einzigen Haupteffekt zu finden.
