Sich Anderen Mitteilen – Ein Lifehack

In einer Umfrage, die ich im Harvard Dataverse gefunden habe, wurde den n = 174 Teilnehmern neben den übliche Fragen zu Demographie und Persönlichkeit auch die Frage gestellt, ob sie regelmäßig mit ihnen nahestehenden Menschen über ihre eigenen Probleme und Erfahrungen reden. Mich hat interessiert, welche Menschen sich typischerweise anderen mitteilen und ob diese Gewohnheit einen positiven psychologischen Effekt zeigt.

Über den gesamten Datensatz geben 27 % an, sich nie oder praktisch nie anderen mitzuteilen, 36 % der Teilnehmer machen es zumindest manchmal und 37 % machen es regelmäßig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teilnehmer mit anderen über seine eigenen Probleme redet, hängt dabei von drei Variablen ab: Extroversion, Beziehungsstatus und Agreeableness.

Unter introvertierten Menschen teilen sich nur 18 % regelmäßig anderen mit, während dies bei extrovertierten Menschen 66 % sind (p < 0,001). Einen deutlichen Unterschied findet man auch bei Singles. Von diesen reden nur 23 % oft mit anderen über ihre Problemen, bei Leuten in einer Beziehung sind es hingegen 44 % (p < 0,01). Ebenso signifikant ist die Differenz bei Agreeableness, was in der Fachwelt in der Regel mit dem Begriff Sozialverträglichkeit übersetzt wird, ich aber stattdessen auch gerne das Wort Herzlichkeit verwende. Wie dem auch sei: Bei Menschen mit niedrigem Score auf der Agreeableness-Skala teilen sich 27 % regelmäßig anderen mit, bei hoher Agreeableness steigt dies auf 40 % (p < 0,05). Weitere statistisch signifikante Unterschiede gibt der Datensatz zu dieser Frage nicht her.

Noch interessanter als die Frage, wer sich oft anderen mitteilt, ist die Frage, ob es sich positiv auf das Leben auswirkt. Die Antwort ist: Ja. Sehr klar sieht man das zum Beispiel bei den vorliegenden Fragen zu dem, was ich jetzt salopp “emotionalen Nachhang” nenne. Von denen, die sich anderen nicht mitteilen, leiden 43 % unter ständiger Reue über verpasste Chancen. Dasselbe berichten nur 15 % jener, die sich oft mitteilen (p < 0,01). Ähnlich verhält es sich bei Schamgefühlen. Hier findet man die entsprechenden Anteile 38 % und 11 % (p < 0,001). Und geplagt von Schuldgefühlen sehen sich 36 % derjenigen, die Probleme und Erfahrungen für sich behalten. Aber nur 9 % derjenigen, die sich mitteilen (p < 0,001).

Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass Leute, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben über ihre Probleme zu reden, ihre Vergangenheit generell positiver bewerten und auch generell zufriedener mit ihrem Leben sind. Bei jenen, die sich anderen nicht öffnen, bewerten nur 17 % ihre Vergangenheit als positiv gegenüber 57 % im anderen Lager (p < 0,001). Bei der allgemeinen Zufriedenheit mit dem Leben erhält man die Anteile 32 % versus 69 % (p < 0,001).

Knapp signifikant mit p < 0,05 sind auch die Unterschiede bei den Scores auf den Skalen für Optimismus und Mindfulness. Optimisten, gemessen an einem z-Score > 0 auf der entsprechenden Skala, sind etwas seltener zu finden in der Gruppe der wenig mitteilungsbereiten Menschen (45 % versus 68 %). Dasselbe gilt für den Anteil der Teilnehmer mit einem z-Score > 0 auf der Mindfulness-Skala (34 % versus 57 %).

Ich vermute all diese Resultate werden niemanden aus den Socken hauen, gilt es doch als Allgemeinwissen. Aber es ist immer schön, wenn sich Erfahrungssätze mit harten Daten stützen lassen. Nicht selten versagen gängige Weisheiten, die viele als Selbstverständlich betrachtet, den empirischen Härtetest. Es ist auch interessant mal vor sich zu sehen, wie groß der Unterschied wirklich sein kann. Nur über das Wieso können diese Zahlen leider keine Auskunft geben und ich habe auch nicht die Kompetenz, dazu mehr sagen zu können.

Eine Anmerkung will ich aber noch anbringen: Geschlechter-Unterschiede im Mitteilen hat der Datensatz keine offenbart. Männer teilen sich, entgegen der Vorstellung vieler, genauso häufig anderen mit wie Frauen. Sie tun aber es aber wohl heimlicher und mit mehr Vorsicht, da es in manchen Kreisen immer noch als unmännlich gilt, über seine Erfahrungen und Probleme zu sprechen. Von solchen unhaltbaren Vorstellungen sollte man(n) sich aber nicht beirren lassen, denn die psychologischen Vorzüge des Mitteilens sind recht klar.

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