Rechte Einstellungen und Persönlichkeit

Ein Datensatz, den ich auf dem Harvard Dataverse gefunden haben, zeigt sehr schön, wie sich die Persönlichkeit auf die politische Positionierung einer Person auswirkt. Das Ergebnis bestätigt im Großen und Ganzen das, was andere Publikationen zu diesem Thema typischerweise finden. Die n = 214 Teilnehmer konnten neben der üblichen Barrage an Fragen zu Demographie und Big Five auch ihre Einstellung zu vier zentralen Themen der amerikanischen Politik kundtun: Abtreibung, Klimawandel, LGBT und Abschiebung illegaler Einwanderer.

Es zeigt sich eine sehr enge Korrelation der Antworten auf diese vier Fragen, wie man an der untenstehenden Tabelle erkennen kann. Wer etwa möchte, dass Abtreibungen zur illegalen Tat erklärt werden, der möchte auch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Maßnahmen gegen den Klimawandel und Ausweitung der LGBT-Rechte verzichten sowie illegale Einwanderer konsequent abschieben. Die engen Korrelationen rechtfertigen die Zusammenfassung der vier Fragen zu einer Skala, welche die Lage eines Teilnehmers entlang der Dimension Links-Rechts erfassen soll.

Wenig überraschend zeigt das Alter einen klaren Einfluss auf die politische Position. Bei der Gruppe junger Leute 20-29 sind linke Einstellungen gehäuft zu finden, nach dem Alter 40 findet man beim Vergleich verschiedener Altersgruppen jedoch keine signifikanten Unterschiede mehr. Um zu vermeiden, dass bei der weiteren Analyse Effekte gefunden werden, die sich indirekt über das Alter erklären (und nicht etwa über jene Variable, auf welcher dann der Fokus liegt), habe ich die Skala mittels der Funktion aus dem Graphen bereinigt.

Eine Regression mit den fünf Dimensionen der Persönlichkeit gemäß dem Big-Five Modell, seit einigen Jahrzehnten das Standardmodell der Persönlichkeit in der Psychologie, zeigt zwei signifikante Prädiktoren für rechte Einstellungen: Agreeableness (Herzlichkeit) und Openness (Offenheit). Typischerweise gehen rechte Einstellungen mit geringeren Scores auf den Skalen für Herzlichkeit und Offenheit einher. Der Effekt ist mit standardisierten Koeffizienten ß = -0,21 und ß = -0,30 auch recht deutlich und die statistische Signifikanz mit p < 0,01 und p < 0,001 sehr hoch.

Jedoch erfasst die Persönlichkeit nur einen relativ geringen Teil der Varianz in der Skala für politische Einstellung. Der adjusted R² liegt bei 0,14, womit die Persönlichkeit etwa 20 % der Varianz erklärt. Die Persönlichkeit hat einen Einfluss, ist jedoch weit davon entfernt, alles-bestimmend zu sein. Es muss noch andere Faktoren geben, welche die politische Einstellung steuern.

Eine Regression mit Faktoren über die Persönlichkeit hinaus nennt einige dieser Faktoren. Ähnlich stark wie der Einfluss von Herzlichkeit ist der Einfluss von Wohnumgebung. Bei Menschen, die in einer urbanen Umgebung heimisch sind, sind rechte Einstellung seltener. Es ist hier also ein Stadt-Land-Gefälle bemerkbar. Zusätzliche Erklärungskraft bringt der Beziehungsstatus. Menschen in einer Beziehung sind im Mittel etwas rechter als Singles. Auch signifikant ist der Erziehungsstil der Eltern. Wer eine striktere Erziehung erfahren hat, entwickelt im späteren Leben mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit rechte Einstellungen. Wobei man hier schon an die Grenzen der Signifikanz gerät. Der Effekt ist mit ß = 0,15 nicht sonderlich stark.

Die Aufnahme dieser zusätzlichen Variablen erhöht den adjusted R² auf 0,22. Die fünf genannten Prädiktoren können somit etwa 30 % der Varianz erklären. Sofern man sich auf Faktoren beschränkt, die kausal für politische Einstellung sein könnten, lässt sich aus dem Datensatz auch keine weitere Erklärungskraft herausholen.

Es seit noch angemerkt, dass nicht in allen Fällen ein linearer Zusammenhang besteht. Während der Zusammenhang zwischen Offenheit und politischer Position in guter Näherung linear ist, sieht man bei Herzlichkeit eher eine Plateau-Form. Herzlichkeit scheint nur dann merklich auf die politische Position zu wirken, wenn diese in extremer Form ausgeprägt ist, also bei besonders geringer oder besonders hoher Empathie. Variationen bei Herzlichkeit im Normbereich zeigen keinen Einfluss.

Beim Erziehungsstil findet sich ein Zusammenhang in Form eines Sättigungseffekts. Es gibt im Mittel keinen Unterschied zwischen jenen Teilnehmern mit moderat-strenger und übermäßig-strenger Erziehung. Jedoch einen umso deutlicheren Unterschied beim Vergleich dieser beiden Gruppen mit jenen Teilnehmern, die in einem “Laissez Faire”-Haushalt aufgewachsen sind.

Den Zusammenhang mit Offenheit erkennt man, das noch am Rande, auch gut an den berichteten Interessen. Rechte Einstellungen schlagen durchweg bei allen Interessen, die typischerweise mit erhöhter Offenheit assoziiert sind, negativ an: Lesen als Hobby, Tanzen, Musizieren, Museumsbesuche sowie Yoga und Meditation. Der stärkste Effekt zeigt sich hier beim Lesen. Auch hier jedoch wieder die Anmerkung, dass es sich mehr um eine leichte Tendenz handelt als alles andere.

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