Ich habe vor kurzem mithilfe eines tollen Datensatzes vom Harvard Dataverse die Risikofaktoren für Alpträume herausgearbeitet. Alles Folgende basiert auf Antworten, die n = 571 Amerikaner, mittleres 36 Jahre (von 14 bis 84 Jahre), 44 % Frauen, auf einem Fragebogen notiert haben.
Einflüsse aus Kindheit & Jugend
Einige Variablen frühkindlicher Erfahrung zeigen eine Assoziation mit der Häufigkeit von Alpträumen im Erwachsenenleben. Unter jenen Teilnehmer, die sehr streng erzogen wurden, berichten 39 ± 14 % von regelmäßigen Alpträumen, während es bei Teilnehmern ohne strenge Erziehung nur 10 ± 3 % sind. Das Ergebnis ist signifikant mit einem Niveau p < 0,001.
Auch die Beziehung der Eltern untereinander scheint eine Rolle zu spielen. Bei Teilnehmern, die als Kinder oft die Eltern beim Streiten erleben mussten, berichten 31 ± 10 % von häufigen Alpträumen. Unter jenen mit harmonischem Elternhaus sind es hingegen nur 11 ± 5 %. Die Signifikanz ist p < 0,001.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist Parentifikation. Bei Menschen, die im Kindesalter in die Pflicht genommen wurden, ein Elternteil emotional zu stützen (Vertauschung Eltern-Kind-Rolle), geben 44 ± 16 % häufige Alpträume an. Bei jenen ohne einen solchen Hintergrund sind es 14 ± 4 %. Auch hier ist p < 0,001.
Als problematisch zeigt sich auch Drogenkonsum im Jugendalter. Unter Leuten, die im Jugendalter sehr viel Alkohol getrunken haben, berichten 46 ± 20 % von regelmäßigen Alpträumen. Bei Leuten, die in der Jugend trocken oder praktisch trocken geblieben sind, sind es nur 14 ± 3 %. Hier ist p < 0,01.
Cannabiskonsum im Jugendalter zeigt sogar eine noch stärkere Assoziation. 69 ± 26 % jener, die als Teenager viel gekifft haben, berichten im Erwachsenenalter von häufigen Alpträumen. Dem steht der Anteil 15 ± 3 % gegenüber, ein Unterschied mit einer Signifikanz von p < 0,001.
Konsum
Auch aktueller Konsum kann das Risiko für Alpträume erhöhen. Bei Leuten, die aktuell viel Alkohol konsumieren, leiden 41 ± 18 % unter regelmäßigen Alpträumen. Bei Nicht- oder Wenig-Trinkern sind es hingegen 15 ± 4 %. Hier gilt p < 0,01.
Dasselbe gilt für aktuellen Cannabis-Konsum. 46 ± 20 % der regelmäßigen Konsumenten und 14 ± 3 % der Nicht-Konsumenten berichten von häufigen Alpträumen. Es ist p < 0,01.
Bei Koffein zeigt sich eine leichte Erhöhung des Risikos, jedoch ist diese nicht statistisch signifikant. Unter Koffein-Liebhabern berichten 24 ± 8 % von regelmäßigen Alpträumen, bei entkoffeinierten Menschen sind es nur 16 ± 6 %. Es ist p = 0,11.
Häufiger Konsum zuckerhaltiger Getränke verfehlt ebenso knapp die Schwelle der Signifikanz. 28 ± 14 % der regelmäßigen Konsumenten zuckerhaltiger Getränke berichten von häufigen Alpträumen, dem stehen 15 ± 5 % bei jenen, die Zuckergetränke meiden, gegenüber. Hier gilt p = 0,08.
Lebensumstände
Umbrüche im Leben scheinen gemäß der Umfrage ein deutlicher Trigger für Alpträume zu sein. Abgefragt wurden vier gängige Umbrüche: Jobwechsel, Wohnortwechsel, Änderungen in der Freizeit und Änderungen im Freundeskreis. Jede dieser Variablen zeigt einzeln eine signifikante Erhöhung des Risikos für Alpträume. Zum Zwecke der Analyse in eine einzige Variable gepoolt, berichten unter jenen, die einen hohen Score erreichen, 44 ± 18 % von häufigen Alpträumen, während es bei jenen Leuten, bei denen keiner dieser Umbrüche kürzlich stattgefunden hat, nur 12 ± 4 % sind. Die Signifikanz ist p < 0,001.
Eine Gefahr kann auch zu wenig freie Zeit darstellen. 36 ± 14 % jener Teilnehmer, die angeben kaum freie Zeit zur Verfügung zu haben, erleben regelmäßig Alpträume. Demgegenüber stehen 13 ± 7 % bei jenen, die einen besseren Ausgleich von Arbeits- und Freizeit gefunden haben. Es gilt p < 0,01.
Finanzielle Probleme können sich auch in Alpträume niederschlagen. Unter Menschen, die damit kämpfen ihre Rechnungen zu zahlen, haben 30 ± 11 % häufige Alpträume. Bei jenen ohne einen solchen Druck sind es 12 ± 5 %. Ein Unterschied mit einer Signifikanz von p < 0,01.
Interessanterweise scheint auch das Wohnviertel eine Rolle zu spielen. In der Umfrage konnten die Teilnehmer angeben, ob sie ihr Wohnviertel als eine “Bad Neighborhood” einstufen würden. Jene Teilnehmer, die das tun, haben zu 70 ± 30 % Alpträume. Bei Verneinung sind es nur 17 ± 4 %. Sehr klar signifikant mit p < 0,001.
Weniger Lebensumstand und mehr Lebensführung, soll die folgende Variable trotzdem hier angebracht werden. Das Ergebnis ist wenig überraschend. 28 ± 10 % der Leute, die oft Horrorfilme schauen, haben regelmäßig Alpträume, gegenüber 12 ± 3 % bei jenen, die das nicht tun. Hier ist p < 0,01.
Thermoregulation
Das folgende Ergebnis ist schon deutlich überraschender. Von den Menschen, die angeben oft übermäßig kalte Hände und Füße zu bekommen, haben 30 ± 11 % häufige Alpträume. Bei guter Thermoregulation sind es nur 10 ± 4 %. Es gilt p < 0,001.
Noch klarer ist der Unterschied bei übermäßig heißen Händen und Füßen. Bei jenen, bei denen das häufig passiert, haben 68 ± 20 % regelmäßige Alpträume, gegenüber 16 ± 4 % beim Rest. Auch das gilt mit sehr hoher Signifikanz p < 0,001.
Psychische Probleme & Störungen
Gemessen am Verhältnis der Gruppen ist der größte Risikofaktor für Alpträume die Neigung zur Borderline-Persönlichkeit. 60 ± 12 % der Menschen, die einen sehr hohen Score auf der Borderline-Skala erzielt haben, leiden unter regelmäßigen Alpträumen. Bei Menschen mit geringem Score auf der Skala sind es nur 4 ± 4 %. Es gilt p < 0,001.
Menschen mit starker Tendenz zu Narzissmus zeigen ebenso ein erhöhtes Risiko. Hier steht ein Anteil 36 ± 11 % mit regelmäßigen Alpträumen bei Teilnehmern mit hohem Score auf der Narzissmus-Skala einem Anteil 14 ± 7 % bei Teilnehmern mit niedrigem Score gegenüber. Es ist p < 0,01.
Hand in Hand damit geht das Ergebnis, dass auch ein Mangel an Empathie ein Mehr an Alpträumen bringen kann. Bei den Teilnehmern, mit sehr geringem Score auf der Empathie-Skala, berichten 46 ± 14 % von häufigen Alpträumen. Bei sehr empathischen Teilnehmern sind es 13 ± 5 %. Es gilt p < 0,001.
Etwas mehr in Richtung psychischer Probleme statt psychischer Störung ist das Ergebnis zu Selbstbewusstsein. Ein angeknackstes Selbstbewusstsein macht sich wohl auch Nachts bemerkbar. 34 ± 10 % der Teilnehmer, die sich selbst ein geringes Selbstbewusstsein attestieren, leiden unter häufigen Alpträumen. Unter jenen mit gutem Selbstbewusstsein sind es nur 11 ± 6 %. Der Unterschied ist klar signifikant mit p < 0,001.
Von den vielen Assoziationen in Richtung psychischer Probleme, die im Datensatz zu finden sind, sei noch eine aufgrund des hohen Korrelationskoeffizienten hervorgehoben: Neid. Bei Teilnehmern, die angeben oft von Neidgefühlen geplagt zu sein, haben 55 ± 18 % häufige Alpträume. Unter jenen Teilnehmer, bei denen diese Gefühle nur selten auftreten, sind es 11 ± 5 %. Auch hier ist p < 0,001.
Alter
Abschließend noch eine sehr gute Nachricht: Aus Alpträumen reift man i.d.R. heraus. Je älter eine Person, desto geringer das Risiko für Alpträume. Unter den Teilnehmern in ihren 20ern, werden 27 ± 7 % von regelmäßigen Alpträumen heimgesucht. Bei Teilnehmern ü60 sind es nur noch 8 ± 4 %. Es gilt p < 0,001. Die Abnahme des Risikos verläuft sogar kontinuierlich, jedes Jahrzehnt bringt merkliche eine Besserung.
Kleingedrucktes
Es gilt wie immer der Leitsatz: Ursache und Wirkung lässt sich in der Wissenschaft grundsätzlich nur mit kontrollierten Experimenten identifizieren. Alles andere sind bloße Assoziationen. So habe ich zum Beispiel im Datensatz gesehen, dass Menschen mit Tattoos ein leicht erhöhtes Risiko für Alpträume haben. Man darf wohl davon ausgehen, dass dieser Zusammenhang bloß korrelativ ist. So könnten in dem Sample Menschen mit Tattoos im Mittel jünger sein als jene ohne Tattoos und sich das erhöhte Risiko auf diesem Umweg erklären. Eine Ursache-Wirkung muss nicht bestehen bzw. wird sogar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in vielen der oben angeführten Assoziationen nicht bestehen. Es ist prinzipiell unmöglich Ursache-Wirkung aus Fragebögen abzuleiten.
Diese Feststellung ist auch wichtig im Bezug auf Heilung. Wer den obigen Text gelesen hat und unter Alpträumen leidet, wird geneigt sein, die ein oder andere Assoziation umkehren zu wollen. Wenn Cannabis-Konsum mit erhöhtem Alptraum-Risiko assoziiert ist, dann dürfte die Senkung des Konsums eine Besserung bringen. Oder etwa nicht? Es spricht nichts dagegen, es zu versuchen. Möglich ist es. Aber es gibt auch keine Garantie, dass eine Umkehrung funktioniert da nicht unbedingt eine Ursache-Wirkung zugrunde liegt. Mein Lieblingsbeispiel hierzu ist Eisverkauf.
Je höher die Temperatur, desto mehr Eis wird verkauft. Das ist eine klare Assoziation. Man könnte auch tatsächlich den Verkauf ankurbeln, indem man eine Maschine entwickelt, welche die Temperatur künstlich anhebt. Man könnte aber natürlich nicht durch eine Beschleunigung des Verkaufs, etwa durch Werbung oder Preissenkung, die Temperatur ankurbeln. Ähnlich verhält es sich wohl mit der Umkehrung einiger der obigen Assoziationen, nur ist es schwieriger zu sehen, da die Zusammenhänge komplexer und abstrakter sind. Ein Selbstexperiment könnte am Ende auf den Versuch hinauslaufen, die Temperatur mit dem Eisverkauf anzukurbeln. Der Gang zum Therapeuten oder Psychiater, welcher über Ursache und Wirkung aufgeklärt ist, ist einem Selbstexperiment sicherlich vorzuziehen.