Impulsivität, Big Five & Finanzen

Es gibt viele Merkmale der Persönlichkeit, die sich schön einer der fünf Dimensionen des Big-Five-Modells zuordnen lassen. Impulsivität hingegen passt in keine dieser fünf Schubladen und hinterlässt zu allem Übel auch noch viel Erklärungsbedarf nach Verknüpfung mit den Dimensionen. Basierend auf einem Datensatz mit n = 410 Personen besteht der engste Zusammenhang mit der Dimension Gewissenhaftigkeit. Personen mit sehr geringem Score auf der Skala für Gewissenhaftigkeit liegen im Mittel eine halbe Standardabweichung über der Norm für Impulsivität, Personen mit hohem Score hingegen knapp eine halbe Standardabweichung unter der Norm. Das macht eine Effektstärke von etwa Cohen’s d = 1,0 mit hoher Signifikanz p < 0,001.

Nach Bereinigung der Variable Impulsivität nach Gewissenhaftigkeit mittels eines Polynoms dritten Grades (siehe r = 0,000 bei der Spalte ZConsc) ergeben sich die folgenden Korrelationen. Es bleibt ein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Dimension Extraversion.

Tatsächlich kann Extraversion noch ein gutes Stück der verbliebenen Varianz erklären. Introvertierte Menschen liegen etwa 0,4 Standardabweichungen unter der Norm für Impulsivität, während extrovertierte Menschen 0,3 Standardabweichungen darüber zu finden sind. Hier ist Cohen’s d = 0,7 und die Signifikanz bleibt sehr hoch.

Die schon bereinigte Variable wird nochmals mit einem Polynom dritten Grades bereinigt, diesmal nach Extraversion, und es ergeben sich diese Korrelationen. Es lässt sich noch mehr rausholen.

Teilnehmer mit niedrigem Score auf der Neurotizismus-Skala liegen bis 0,2 Standardabweichungen unter der Impulsivitäts-Norm, während jene mit hohem Score circa 0,4 darüber liegen. Man darf hier wohl eine Effektstärke im Bereich Cohen’s d = 0,5 vermuten, auch mit hoher Signifikanz.

Nach nochmaliger Bereinigung bleiben keine signifikanten Zusammenhänge in der Tabelle der Korrelationen übrig. Mehr lässt sich durch die vorhanden Variablen leider nicht erklären. Ein lineares Regressionsmodell mit den Big-Five, allen demographischen Faktoren sowie allen Variablen der Kindheit als unabhängige Variablen bestätigt die obige Analyse:

Alle drei Dimensionen des Big-Five-Modells, Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Neurotizismus, sind signifikante Prädiktoren mit p < 0,001, wobei Gewissenhaftigkeit den stärksten Zusammenhang mit dem standardisierten Regressionskoeffizienten ß = -0,36 zeigt (eine Standardabweichung über der Norm bei Gewissenhaftigkeit bedeutet 0,36 Standardabweichungen unter der Norm bei Impulsivität). Gefolgt von Extraversion mit ß = 0,26 (eine Standardabweichung über der Norm bei Extraversion bedeutet 0,26 Standardabweichungen über der Norm bei Impulsivität). Und schlussendlich Neurotizismus mit ß = 0,18 (eine Standardabweichung über der Norm bei Neurotizismus bedeutet 0,18 Standardabweichungen über der Norm bei Impulsivität).

Nichtlineare Zusammenhänge, welche in den Graphen gut zu erkennen waren, erfasst das lineare Modell leider nicht, was sich auch im R² niederschlägt. Gemäß dem adjusted R² erklären die Variablen Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Neurotizismus 19 % der Varianz in der Variable Impulsivität. Es gibt zwei gute Gründe anzunehmen, dass diese drei Dimensionen aber einen höheren Teil des Merkmals Impulsivität erklären: a) Nicht-lineare Effekte und b) gewöhnliche statistische Schwankungen.

Unter Berücksichtigung nicht-linearer Zusammenhänge ließe sich R² wohl gut auf 25-30 % steigern (Achtung: Bauchgefühl). Hinzu kommt, dass selbst wenn in der Realität ein perfekter Zusammenhang bestünde, ein R² 100 % aufgrund statistischer Schwankungen nie erreicht werden könnte. Man würde wohl bei 80-90 % an die Grenze des Feststellbaren stoßen. Basierend darauf, vermute ich dass die drei Dimensionen Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Neurotizismus das Merkmal Impulsivität zu 30-40 % bestimmen. Eine gute Erklärungskraft, aber es bleibt definitiv eine unerklärbare Lücke.

Interessant ist auch ein knapper Blick auf die Finanzen. Teilnehmer mit hoher Impulsivität berichten im Mittel dasselbe Einkommen wie wenig-impulsive Teilnehmer. Die hohe Impulsivität scheint sich also nicht merklich auf das Einkommen niederzuschlagen.

Umso auffälliger ist aber die Assoziation mit anderen Aspekten der finanziellen Situation. Trotz des gleichen Einkommens berichten impulsive Teilnehmer vermehrt von bestehenden Geldproblemen (struggling to pay rent, healthcare, mortgage) und haben weniger Erspartes (savings).

Interessant auch, und das eher am Rande, ist ein Blick auf die philosophische Ausrichtung. Menschen mit Hang zu starker Impulsivität scheinen ein Herz für existential nihilism zu haben, also der Überzeugung, dass das Leben keinen intrinsischen Wert und keine intrinsische Bedeutung besitzt.

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