Die empirische Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass Agreeableness ein zentraler und stabiler Teil der Persönlichkeit ist. Es handelt sich bei Agreeableness um einen Komplex verschiedener Merkmale, die allesamt eine hohe Korrelation miteinander aufweisen und bei einer Faktorenanalyse auf einen gemeinsamen Faktor fallen. Oder anders ausgedrückt: Diesselbe latente Variable messen. Im Deutschen verwendet man oft den Begriff Sozialverträglichkeit, aber auch die Begriffe Herzlichkeit oder soziale Wärme dürften den Komplex recht treffend umschreiben. Zu dem Komplex gehören Merkmale wie Empathie, Hilfsbereitschaft, Rücksicht, Kooperation. Einmal nach dem Jugendalter ausgeprägt, bleiben diese Merkmale in der Regel über die Lebenszeit einer Person (oder zumindest über einige Jahrzehnte) erhalten. Die Merkmale sind sehr schwer zu verlernen. Oder zu erlernen, denn diese Stabilität gilt natürlich auch für die Ausprägung von Agreeableness in die andere Richtung, oft genannt Antagonismus. Das sind Menschen, die häufig sozial anecken: Mangelnde Empathie, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Wettbewerbsdenken.
Ich habe auf dem Harvard Dataverse einen Datensatz entdeckt, der demographische Aspekte, Erfahrungen der Kindheit und Big-Five-Persönlichkeitsprofile von n = 2457 Menschen enthält. Die Geschlechter sind ausgeglichen, mit 51 % Frauen und 49 % Männer (eine Option für Geschlechter dazwischen gab es leider nicht). Das mittlere Alter ist 39 Jahre mit einer Standardabweichung 13 Jahren, von einem minimalen Alter 14 bis maximalen Alter 78. Von den Teilnehmern sind 35 % Single.
Mich hat interessiert, ob es eine Assoziation zwischen Erfahrungen in der Kindheit und Antagonismus gibt. Kann man Faktoren finden, die mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer antagonistischen Persönlichkeit assoziiert sind? Generell sollte man bei einer Analyse immer die komplette Skala nutzen, da jede Umcodierung in Gruppen Informationsverluste bringt. Aber mit einer sauberen Codierung gestaltet sich die Präsentation und Interpretation deutlich angenehmer. Deshalb habe ich den Datensatz wie folgt umcodiert: Jeder Teilnehmer, der auf der Agreeableness-Skala einen Wert eine halbe Standardabweichung unter der Norm erzielt hat, wurde als antagonistisch klassifiziert und jeder andere als nicht-antagonistisch. Die anderen Skalen wurden an den Standardabweichungen -1, 0 und +1 geschnitten, gemäß einer Unterteilung sehr niedrig, niedrig, hoch, sehr hoch.
Eine deutliche Assoziation findet man mit der Beziehung mit den Eltern im Kindesalter. Menschen, die als Kind eine schlechte Beziehung mit der Mutter hatten, zeigen ein 59 % höheres Risiko für Antagonismus. So kommt man zu diesem Wert: Unter jenen, die eine sehr schlechte Beziehung zur Mutter berichten, sind 43 % als antagonistisch klassifiziert. Unter jenen, mit sehr guter Beziehung, hingegen nur 27 %. Macht ein OR = 43/27 = 1,59 und somit ein 59 % erhöhtes Risiko. Die Risikoerhöhung wird hier also immer im Vergleich zu der Gruppe am anderen Ende der Skala ausgedrückt. Dieser Unterschied in den Antagonismus-Anteilen sowie alle folgenden Unterschiede lassen sich mit einer sehr hohen statistischen Signifikanz p < 0,001 feststellen. Auch bei Menschen, die im Kindesalter eine schlechte Beziehung mit dem Vater hatten, ist das Risiko für Antagonismus erhöht, hier sogar um 83 %.


Da der Datensatz sehr umfangreich ist, lässt sich auch die Kombination der Faktoren mit relativ geringer statistischer Streuung darstellen. Bei Menschen, die in der Kindheit mit beiden Elternteilen eine schlechte Beziehung hatten, sind 47 % als antagonistisch klassifiziert. Bei jenen, mit einer guten Beziehung zu beiden Elternteilen, nur 17 %. Macht eine Risikoerhöhung von 176 % oder etwas mehr als eine 2,5-fache Erhöhung.

Die Frage zur kausalen Verbindung bleibt, wie immer bei Umfragen, unbeantwortet. Werden Menschen antagonistisch, weil sie im Kindesalter eine schlechte Beziehung mit den Eltern hatten? Oder hatten sie eine schlechtere Beziehung zu den Eltern, weil sie schon als Kinder sehr antagonistisch und somit schwierig im Umgang waren? Da Antagonismus, wie jeder andere Big-Five-Komplex auch, eine deutliche genetische Komponente hat, ist die zweite Frage gar nicht so abwegig wie sie zuerst scheint. Oder hat die Beziehung zu den Eltern im Kindesalter und späterer Antagonismus gar keine kausale Verbindung, sondern ist nur zufällig verbunden über dritte Variablen? Auch das ist gut möglich.
Die Beziehung zwischen den Eltern scheint für späteren Antagonismus auch relevant zu sein. Bei Teilnehmern, die als Kind die Eltern oft in Feindschaft oder gar Streit erlebt haben, ist das Risiko für Antagonismus 50 % erhöht.

Und hohe Werte auf Skalen, die Vernachlässigung durch die Eltern messen, sind ebenso mit höherem Antagonismus assoziiert. Vernachlässigung durch die Eltern ist mit einem 56 % höheren Risiko assoziiert.

Die Striktheit der Erziehung scheint hingegen keinen Einfluss zu haben. Unter denen, die von einer sehr strikten Erziehung berichten, finden sich innerhalb der statistischen Unsicherheit genauso viele antagonistische Teilnehmer wie unter jenen mit einer sehr liberalen Erziehung.

Mit dem Datensatz lässt sich auch eines der klassischen Ergebnisse der psychologischen Forschung reproduzieren, nämlich den Unterschied der Geschlechter entlang der Dimension Agreeableness-Antagonismus. Männer sind im Mittel antagonistischer, die Erhöhung des Risikos beträgt hier 50 %. Das gilt explizit auch nach Bereinigung nach Erfahrungen der Kindheit. Es ist ein waschechter Geschlechtereffekt (das ist eine Seltenheit) und nicht etwa ein Effekt, der sich durch eine unterschiedliche Behandlung in der Kindheit ergibt.

Ein anderer Effekt, der sich mit dem Datensatz reproduzieren lässt (siehe Tabelle aus dieser Studie), ist der Zusammenhang zwischen Agreeableness und Neurotizismus*, auch genannt emotionale Labilität. Unter emotional labilen Menschen ist der Anteil antagonistischer Menschen größer. Im Datensatz findet sich eine 48 % Erhöhung des Risikos für Antagonismus.
Interessant an der Tabelle aus der Studie, hier als eine Anmerkung am Rande, ist der Unterschied bei Selbst- und Fremdwertung. Bei Fremdwertung ergibt sich ein stärkerer Zusammenhang (r = 0,54) zwischen Antagonismus und Labilität als bei Selbstwertung (r = 0,36). Von außen sieht emotionale Labilität antagonistischer aus als von innen. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen. Von außen kann man das Verhalten einer Person relativ objektiv betrachten, hat aber kaum bis keinen Zugang zu den Gründen und Gedanken dahinter. Von innen kennt man die Gründe und Gedanken intim, aber hat oft einen verklärten Blick auf das eigene Verhalten und auf die Konsequenzen für andere.


Eine letzte Feststellung zum Thema Antagonismus: Bereinigt nach Alter und Geschlecht, und das ist bei dieser Variable nötig da sich die Alterskurven für das Single-Sein bei Männern und Frauen deutlich unterscheiden (Witweneffekt), bringt ein hoher Antagonismus ein erhöhtes Risiko für ein Dasein als Single. Sicherlich nicht überraschend, ein hoher Antagonismus dürfte die Gestaltung eines gemeinsamen Lebens wohl nicht vereinfachen.
























































