Überlebensquote bei Schusswunden

Vor kurzem habe ich einen YouTube-Channel entdeckt, in welchem der Content-Creater verschiedene Kaliber gegen verschiedene Objekte testet. Immer nach dem Prinzip: Kann X eine Kugel stoppen? Das reicht von Schichten von Papier und Alufolie bis hin zu professionellen Schutzwesten und Humvee-Scheiben. Das alles hat mich wiederum zum Rabbit-Hole Schusswunden gebracht. Wie tödlich sind diese wirklich? Google Scholar bietet eine breite Auswahl an Studien zu dem Thema.

Erstmal eine knappe Übersicht:

Untersuchte VariableAnzahl Studien / PatientenÜberlebensquote
Schusswunde im Gehirn3 / 11355 %
Schusswunde am Herz2 / 3748-24 %
Kopfschuss3 / 61748 %
Bauchschuss allgemein2 / 57788 %
Bauchschuss mit VS1 / 22656 %
Bauchschuss ohne VS 2 / 11597 %
Mittlere vs. Kleine Kaliber1 / 511Reduktion um Faktor 2,3
Große vs. Kleine Kaliber 1 / 511 Reduktion um Faktor 4,5
Distanz zum Krankenhaus1 / 9205Halbierung je 3 Meilen
  • Schusswunden im Gehirn

Am tödlichsten sind wohl Schüsse, welche die Schädeldecke durchdringen und im Gehirn Schäden anrichten. Die Publikationen Bellal et al 2014 (132 Patienten), Cavaliere et al 1988 (178 Patienten) und Robinson et al 2019 (825 Patienten) geben hier weitere Auskunft. Die beobachteten Überlebensquoten reichen von 2 % bis 10 %, mit einem gewichteten Mittel* von 5 %. Demnach überlebt von 20 Patienten in der Regel nur 1 Patient.

  • Schusswunden am Herz

Bei Schusswunden am Herzen finden sich sehr viele Studien, aber die Streuung der Angaben ist viel höher als bei anderen Körperteilen. In den Studien Ricoli et al 1993 (13 Patienten), Ricks et al 1965 (31 Patienten), Rhee et al 1998 (123 Patienten), Gervin & Fischer 1982 (23 Patienten), Attar et al 1991 (49 Patienten) und Henderson et al 1994 (251 Patienten) variiert die berichtete Überlebensquote von 6,5 % bis 64,5 %, eine ganze Größenordnung. Mögliche Gründe sind hierfür die kleinen Stichproben einiger der Studien und eventuell abweichende Definitionen dafür, was als Herzregion gezählt wird. Als gewichtetes Mittel erhält man die Überlebensquote 24 %. Verwendet man nur die beiden größten Studien, erhält man einen engeren Bereich von 6,5 % bis 10 % und eine kleinere mittleren Quote von 8 %.

Welchen der beiden Mittel sollte man trauen? Sofern die größten Studien zu einem gemeinsamen Mittel konvergieren, was hier der Fall zu sein scheint, ist die Verwendung des Mittels aus den größten Studien praktisch immer verlässlicher. Entsprechend vermute ich das wahre Mittel näher an 8 % als an 24 %.

Kleiner Zusatz: Viele der oben aufgeführten Studien haben auch gleichzeitig Stichwunden am Herz untersucht. Alle kommen zu dem gleichen Schluss: Stichwunden am Herz lassen sich deutlich besser überleben als entsprechende Schusswunden. Über das Wieso weiß ich jedoch nichts.

  • Kopfschüsse

Kopfschüsse, da sind sich die drei Studien Benzel et al 1991 (120 Patienten), Murano et al 2005 (298 Patienten) und Gressot et al 2014 (199 Patienten) sehr einig, sind eine 50/50-Sache. Die berichteten Überlebensquoten reichen von 44 % bis 51 % mit einem gewichteten Mittel von 48 %. Vor dem Hintergrund des schlechten Ausgangs bei Schusswunden im Gehirn lautet die Regel wohl: Wird die Schädeldecke durchbrochen oder die Kugel von unten in das Gehirn reflektiert, ist der Tod nur selten zu vermeiden. Wird die Kugel hingegen von der Schädeldecke reflektiert, bleibt darin stecken oder geht durch das Gesicht, ist ein tödlicher Ausgang deutlich unwahrscheinlicher.

Prinzipiell sollte jedes Kaliber genügend Energie besitzen, um die Schädeldecke zu durchbrechen. Die Kugel, die Robert Kennedy getötet hat, war von dem kleinsten gängigen Kaliber .22LR und drang bis ins Gehirn vor. Wobei die Wahrscheinlichkeit dafür umso größer ist, je größer das Produkt m*(v/r)² ist, mit m der Masse der Kugel, v dessen Geschwindigkeit beim Aufprall und r dessen Radius. Siehe eine Ausführung der Physik dahinter hier. Und auch umso größer, je mehr die Kugel entlang der Normalen zur Oberfläche der Schädeldecke geht.

Zu den Kopfschüssen lässt sich noch hinzufügen, dass laut Benzal et al 1991 und Grahm et al 1990 bei 11-20 % der Überlebenden schwerwiegende Behinderungen bleiben. Wie bei vielem anderen auch heißt überleben nicht immer gut überleben.

Interessant ist auch noch der Blick auf die Studie Murphy et al 2016 (157 Patienten), in der es speziell um Kopfschüsse geht, die sich die Patentien selbst zugefügt haben. Eine Schlussfolgerung aus den Daten ist, dass ein Ansetzen der Waffe an der Schläfe wohl 3-4 Mal tödlicher ist als das Ansetzen unter dem Kinn oder im Mund. Jedoch überleben selbst beim Ansetzen an der Schläfe noch 18 % der Patienten.

  • Bauchschüsse

Bauchschüsse haben eine überraschend gute Überlebensquote. Gemäß den Studien Feliciano et al 1988 (300 Patienten) und Davidson et al 1976 (277 Patienten) überleben im Mittel 88 % die Verletzung. Laut Feliciano et al 1988 steigen die Chancen sogar auf 97 %, wenn keine vaskulären Schäden entstehen. Letzteres war in der Studie bei 75 % der Patienten mit Bauchschuss der Fall. Bei Patienten, bei denen mit dem Bauchschuss auch vaskuläre Schaden entstehen, überleben gemäß Feliciano et al 1988 (74 Patienten mit vaskulären Schäden) und Richardson et al 1996 (41 Patienten mit vaskulären Schäden) hingegen nur 56 %.

  • Anderes

Neben dem Ort der Penetration spielen natürlich auch weitere Faktoren für das Überleben einer Schusswunde eine wichtige Rolle. Dazu gehört offensichtlich auch das Kaliber. Basierend auf einer Stichprobe von 511 Personen mit Schusswunden, geben Braga & Cook 2018 an, dass mittlere Kaliber (.38, .380, 9 mm) im Vergleich zu kleinen Kalibern (.22, .25, .32) die Überlebensquote um das 2,3-fache senken und große Kaliber (.357 magnum, .40, .44 magnum, .45, 10 mm, 7.62 × 39 mm) sogar um das 4,5-fache. Würde man alle größeren Kaliber mit diesen kleinen Kalibern ersetzen, dann würde die Anzahl der Todesfälle durch Schusswunden schlagartig um 40 % sinken.

Ebenso zentral ist natürlich auch der schnelle Zugang zu medizinischer Hilfe. Circo et al 2019 kommt nach der Auswertung von 9205 Todesfällen durch Schusswunden zu dem Schluss, dass jede Meile zusätzliche Distanz zu einem Krankenhaus die Überlebensquote um den Faktor 1,22 senkt. Drei zusätzliche Meilen haben demnach schon die Halbierung der Chancen zur Folge.

* Beim Berechnen des Mittels wurde den jeweiligen Studie ein Gewicht proportional zur Wurzel der Anzahl Patienten zugeordnet. Das weil der Standardfehler im Allgemeinen mit der Wurzel der Stichprobengröße sinkt und sich so ein Mittel ergibt, dass einer ordentlichen Meta-Analyse am nächsten kommt.

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