Lebensglück für Neurotiker

Lebensglück ist zu einem guten Teil (um die 30 %) durch das Maß an Neurotizismus bestimmt, eine Komponente der Persönlichkeit, die sich recht früh ausbildet und danach nur noch recht schwerfällig auf Einflüsse reagiert. Für die Ausprägung von Neurotizismus gilt sehr grob die Faustregel: Genetik + Erfahrungen bis zum Alter von 5 Jahren. Und schwerfällig bedeutet in diesem Kontext: Permanente Änderungen benötigen eine konstante Einwirkung über Jahre, nicht etwa Wochen oder Monate.

Ein Problem vieler Analysen zum Thema Lebensglück ist die Vermengung von Menschen mit niedrigem und hohem Neurotizismus. Implizit wird Annahme verwendet, dass das, was für wenig neurotische Menschen funktioniert, auch für hochneurotische Menschen funktioniert. Dieser Ansatz stellt nicht immer ein Problem dar. Für viele Faktoren gilt diese Annahme in sehr guter Näherung. Es gibt aber auch Faktoren, bei denen sich eine sehr deutliche Diskrepanz findet und gerade diese Diskrepanzen können aufschlussreich sein.

Zuerst mal jene Dinge, die bei beiden Gruppen funktionieren. Egal ob stabil oder neurotisch, einer der Hauptfaktoren für das Lebensglück bleibt die (empfundene) Stütze durch Freunde, mit einem Korrelationskoeffizient r = 0,30 für stabile und r = 0,29 für neurotische Menschen. Auch die Zukunftsorientierung ist für beiden Gruppen für das Lebensglück zentral. Je häufiger der Gedanke an die Zukunft und je seltener der Gedanke an die Vergangenheit, desto höher das resultierende Lebensglück. Zukunftsorientierung und Lebensglück zeigen eine Korrelation r = 0,26 für stabile und r = 0,32 für neurotische Menschen.

Hier beginnen jedoch Diskrepanzen. In der Gruppe der wenig neurotischen Menschen besteht kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Beziehungsstatus und dem Lebensglück. Bei hochneurotischen Menschen ist ein Zusammenhang jedoch klar erkennbar (r = 0,27). Lebensglück und Single-Dasein scheinen sich in dieser Gruppe nur schwer zu vertragen.

Mit der Fitness verhält es sich ähnlich. Bei wenig neurotischen Menschen ist Sport kein bestimmender Faktor im Bezug auf Lebensglück, hochneurotische Menschen können hier jedoch viel rausholen, insbesondere durch Bewegung mittlerer Intensität (r = 0,18). Auch Mindfulness-Übungen zeigen nur bei hochneurotischen Menschen einen Einfluss auf das Lebensglück (r = 0,17). Interessant hierbei ist, dass sich diese hebende Wirkung auf das Lebensglücks auch bei jenen Teilnehmern zeigt, die angeben, in der Vergangenheit mal intensiv Mindfulness betrieben zu haben, aber es derzeit nicht tun. Intensive Phasen von Mindfulness-Training scheinen sich also lange auf das Lebensglück auswirken zu können.

Eine weitere Diskrepanz findet sich bei Nachrichtenkonsum. Während sich bei wenig neurotischen Menschen erhöhter Nachrichtenkonsum eher positiv auf das Lebensglück auswirkt (r = 0,12), hat dasselbe bei hochneurotischen Menschen einen merklich negativen Einfluss (r = -0,15). Der Effekt bleibt auch nach Altersbereinigung des Nachrichtenkonsums bestehen. Hier sieht man sehr schön, dass wenn man beide Gruppen mit denselben Information konfrontiert, der Fokus nicht unbedingt auf dasselbe fällt. Die Veranlagung liest immer mit.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s