Nicht Lachen!

War die Alchemie ein Totalversagen? Die Alchemie, heute längst durch die Chemie abgelöst, wird gerne belächelt und das größtenteils auch zu Recht. Ich würde aber behaupten, dass sie nicht vollkommen unnütz war. Sie hat Forschern gelehrt, wie man Stoffe isoliert, die Eigenschaften von Stoffen beschreibt und katalogisiert, wie man Stoffe manipuliert und wie man grundlegende Messungen durchführt. All diese Dinge wurden von der Chemie übernommen und auf eine wissenschaftliche Basis gestellt.

Man kann vermuten, dass es sich mit der Psychologie und der Neurowissenschaft ähnlich verhält. Die Psychologie ist ein guter Wegbereiter, und jenes, was ausreichend repliziert ist, wird auch in die Neurowissenschaften Einzug finden. Es fehlt der Psychologie aber an biologischer Plausibilität und wissenschaftlicher Strenge. Letzteres sieht man sehr deutlich an der Replikationskrise. Ein umfassendes Projekt der Open Science Collaboration hat gezeigt, dass nur etwa ein Drittel aller publizierten psychologischen Effekte repliziert werden können. Plump gesagt ist Psychologie nur zu etwa ein Drittel eine echte Wissenschaft. Die verbleibenden zwei Drittel sind Zufallsresultate aufgrund zu geringer Stichprobengrößen und zu hoher Signifikanzniveaus in Kombination mit dem allgegenwärtigen Publication Bias.

Ein schönes Beispiel ist Konzept von Priming. Viele Studien, die den Effekt von Priming demonstrieren, haben bei der Replikation gnadenlos versagt. Es ist innerhalb weniger Jahre von einem Konzept, das unter fast allen Psychologen akzeptiert und in Therapien eingebunden wurde, zu einem Aushängeschild für miese Wissenschaft geworden. So wurde mir schon oft, von Laien wie auch professionellen Psychologen gesagt, dass ich einfach lächeln soll, wenn ich mich schlecht fühle. Mit dem (erzwungenen) Lächeln kommt automatisch die gehobene Stimmung. Klingt irgendwie plausibel und wenn es durch Studien wie auch Menschen, die viel intelligenter sind als ich, vertreten wird, muss wohl was daran sein. Richtig?

Die ernüchternde Realität ist, dass die beiden Originalstudien, auf denen der ganze Hype basiert, nur wenig Aussagekraft besitzen: Kleine Stichproben, Effekt nur knapp an der Grenze zur statistischen Signifikanz (jeweils p = 0.03). Replikationsversuche gab es lange Zeit keine, was nicht überraschend ist da nur 1-2 % aller publizierten Studien in der Psychologie Replikationsversuche sind. Das Resultat wurde so hingenommen und hat viel Resonanz gefunden. 2016 haben 17 Labore im Rahmen der Open Science Collaboration versucht, den Effekt zu replizieren und das ohne Erfolg. Der Effekt existiert nicht, so wie auch vieles anderes, was unter den Sammelbegriff Priming fällt. Wenn man sich schlecht fühlt, darf man sich natürlich zwingen zu lächeln, aber man sollte sich keine Besserung davon versprechen.

Wieso scheitert die Psychologie daran, echte Wissenschaft zu sein, obwohl sie sich der wissenschaftlichen Methode verschreibt? Das ist überraschend einfach zu sehen:

  • Replikation wird von Psychologen als wichtiger Pfeiler der wissenschaftlichen Methode akzeptiert, aber nicht praktiziert. Einzelne Studien genügen i.d.R. dem Standard, so beschrieben zu sein, dass sie sich von anderen Forschern replizieren lassen. Das ist aber wenig hilfreich, wenn kaum Replikationen betrieben werden.
  • Das Signifikanzniveau p < 0.05 ist sehr unzuverlässig. Die wenigsten Menschen arbeiten häufig mit Datensätzen und haben somit kein Gefühl dafür, wie oft die Replikation von Effekten mit dieser Signifikanz in der Praxis scheitert. Es wird als Standard für die Feststellung von Effekten gehandelt, sollte aber eher als ein “da könnte was dran sein, müssen wir mal näher beleuchten” verstanden werden. Ich bin mal dreist und sage dass viele Psychologen, vor allem jene, die sich eher durch Mathematik gekämpft haben und seitdem praktische Arbeit leisten, nicht erkennen wie wacklig solche Resultate sind und diesen deshalb großzügig Glauben schenken. Der Standard sollte p < 0.001 sein. Das würde leider sehr viel Geld kosten, könnte aber den Schritt von Alchemie zu Chemie bedeuten.

Das soll nicht heißen, dass man alles als Nonsense abtun muss. So wie die Chemie nützliche Erkenntnisse der Alchemie übernommen hat, wird auch der Nachfolger der Psychologie (ob das nun die Neurowissenschaft oder eine Psychologie 3.0 ist) viele gesicherte Erkenntnisse mit auf den Weg bekommen. Dazu gehört zum Beispiel die Vorhersagekraft des IQs wie auch die Idee des allgemeinen Faktors der Intelligenz, die Vorhersagekraft der Big Five Persönlichkeitsmerkmale, die Idee von Bindungsschemen, die Wirksamkeit von CBT (dieses CBT nicht dieses CBT), die Wirksamkeit von MBSR, etc … Nicht alles in der Psychologie basiert auf kleinen Stichproben von Studenten, die sich nur ein paar Credits verdienen wollen, und nicht alles wurde von der Replikation ausgenommen. Die obengenannten Konzepte, und viele weitere, stehen auf einem festen empirischen Fundament. Man muss nur sehr genau darauf achten, die Spreu vom Weizen zu trennen.

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