Die soziale Natur von Träumen

(Nächtliche) Träume unterscheiden sich in zwei zentralen Aspekten vom Leben im Wachzustand: Aktivitäten mit hohem Arousal und soziale Interaktionen sind deutlich überrepräsentiert. Selten träumen Menschen davon, entspannt ein Buch zu lesen oder alleine den Abend zu verbringen, selbst wenn sie dies im Wachleben häufig tun. Selektiert werden stattdessen konsequent Aktivitäten, die eine hohe körperliche Aktivierung erfordern und ständige soziale Interaktion enthalten. Vor allem der soziale Aspekt ist in den letzten zehn Jahren in den Fokus der Traumforschung gerückt, siehe zum Beispiel hier.

Ausgehend von der Idee der sozialen Überrepräsentation kann man erwarten, dass Menschen, die einen hohen Score auf der Big-Five-Skala Agreeableness erzielen, ein Maß für Empathie und soziale Wärme, häufiger intensive Träume erleben. Das bestätigt sich in einem Datensatz aus dem Harvard Dataverse (n = 220) sehr schön, wobei der traumfördernde Effekt erst bei einem sehr hohen Level an Empathie auftritt.

Menschen im Bereich von Mangel an Empathie bis leicht überdurchschnittlicher Empathie berichten von derselben Häufigkeit intensiver Träumen (einige pro Monat), während Menschen, bei denen die Empathie um eine Standardabweichung oder mehr über dem Durchschnitt liegt, häufiger intensive Träume haben (einige pro Woche). Zur letzteren Gruppe, Empathie > 1 STD, gehören entsprechend der Normalverteilung von Empathie etwa 16 % aller Menschen. Der Unterschied in der Häufigkeit ist sowohl gemäß einer Regression wie auch gemäß einer ANOVA signifikant mit p < 0.001, ein verlässliches Ergebnis.

Die Regression offenbart einen weiteren interessanten Hinweis auf die soziale Natur von Träumen. Menschen, die davon berichten oft neidisch auf die Erfolge anderer Menschen zu sein, scheinen auch mit erhöhter Frequenz intensive Träume zu erleben. Hier ist der Effekt jedoch nur noch in der Regression statistisch signifikant und auch nur mit p < 0.05.

Nur am Rande: Ein anderer Aspekt, ein Klassiker der Traumforschung, zeigt sich in dem Datensatz auch sehr schön. Schon seit Freud wird spekuliert, dass Träume jenes auffangen, was im Wachzustand nicht ordentlich bearbeitet wird. Wer seine Probleme im Wachzustand beiseite schiebt, der wird in den Träumen davon eingeholt. Zumindest einen Teil dieser Hypothese sieht man im Datensatz. Menschen, die sich im Wachzustand von ihren Problemen ablenken, erleben häufiger intensive Träume. Ob die Träume dann auch wirklich diese Probleme bearbeiten, ist aus dem Datensatz leider nicht zu sehen. Man darf es aber vermuten. Und man darf vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung auch vermuten, dass soziale Probleme stärker wirken als Probleme anderer Natur. Der Effekt ist in der Regression signifikant mit p < 0.01.

Wieso sind Träume sozialer Natur? Darüber kann man leider nur spekulieren. Soziale Interaktionen unterscheiden sich vor allem in der Komplexität von den Interaktionen mit der unbelebten Welt. In der unbelebten Welt führt derselbe Input immer zu demselben Output. Ist die Verbindung eines gewissen Inputs mit einem Output mal gemacht, dann ist jegliche Simulation des Prozesses hinfällig. Stein wird losgelassen, Stein fällt – das ändert sich nie. Bei Menschen hingegen kann derselbe Input zu radikal verschiedenen Ergebnissen führen. Eine Simulation verschiedener Ausgänge und der optimalen Reaktion darauf kann somit einen Vorteil bringen und manchmal sogar einen, der relevant für die Reproduktion oder das Überleben ist. Es erscheint zumindest plausibel, dass ein solcher Mechanismus im Rahmen der Evolution bevorzugt selektiert wird. Die Überrepräsentation von Aktivitäten mit hoher Aktivierung, darunter oft auch Gefahrensituation, unterstreicht diese Idee.

Das klingt schlüssig, jedoch gibt es einige Probleme an der Theorie des Traums als (zweckgetriebene) soziale Simulation. Eine Simulation, die Nutzen stiftet, muss einen ausreichend geringen Vorhersagefehler besitzen. Und somit auf Bildern und Regeln basieren, die ein plausibles Abbild der Welt erzeugen. Wer sich gedanklich auf ein Job-Interview vorbereitet, wird eine plausible Repräsentation eines Büros simulieren, dieses mit einer plausiblen Repräsentation eines HR-Mitarbeiters füllen und jener Person plausible Regeln zur Interaktion verleihen. Die Realität ist immer anders als gedacht, aber sofern die Vorhersagefehler nicht zu grob sind, lässt sich dem einen Nutzen entlocken.

Träume hingegen scheinen i.d.R. kein plausibles Abbild der Welt zu bieten. Traumwelten basieren auf dem Prinzip der Verfügbarkeit von Bildern. Eingang finden Bilder, welche erst kürzlich erlebt wurden und somit leicht zugänglich sind. Bilder, welche eine besondere Präsenz im Wachleben besitzen, etwa weil sie wiederkehrend sind. Und Bilder, welche assoziativ eng mit jenen Bildern verbunden sind, die sich schon in der Traumwelt befinden. Interaktionen können temporär plausibel sein, aber auch schnell bizarre Züge annehmen. Kann eine Simulation in einer solchen Umgebung einen Nutzen im (sozialen) Wachleben stiften? Man darf es anzweifeln.

Eine einfachere Erklärung für die soziale Natur der Träume ist die Umkehrung des Verfügbarkeitsprinzips. Träume sind sozial geprägt weil soziale Bilder dem Gehirn leichter zugänglich sind. Und letzteres könnte sich schlicht daraus ergeben, dass unsere Gedanken im Wachleben von sozialen Beziehungen dominiert sind (wiederkehrende Bilder). Dieser Erklärungsansatz lässt die Frage nach dem Zweck von Träumen an sich natürlich unbeantwortet. Das muss aber keine Schwäche sein, denn es lässt Raum für die Theorie des Traums als Interpretation zufälliger elektrischer Entladungen im Gehirn, einer der elegantesten Theorien des Träumens.

Eine Frage bleibt noch: Wieso erleben empathische / sozial-warme Menschen häufiger intensive Träume? Nach der Umkehrung des Prinzips der Verfügbarkeit kann man erwarten, dass die Träume solcher Menschen stärker sozial geprägt sind. Aber ohne Zusatz erklärt das nicht, wieso sie auch häufiger intensive Träume erleben. Das Verfügbarkeitsprinzip berührt nur die Inhalte von Träumen, nicht deren Stärke oder Frequenz. Welcher Zusatz kann hier weiterhelfen?

Eine Idee wäre der Blick auf die emotionale Resonanz. Träume werden nicht nur gesehen, sondern auch emotional erlebt. Das zeigt sich ganz klar an Alpträumen, gilt aber auch für alle anderen Träume. Man kann erwarten, dass die reichlich im Traum vorhandenen sozialen Bilder bei empathischen Menschen eine stärkere emotionale Reaktion auslösen. Setzt man also die soziale Natur der Träume voraus, worauf vieles hindeutet, und berücksichtigt man die emotionale Komponente des Träumens, so ist es nur logisch, und sogar unausweichlich, dass Empathie ein guter Prediktor für intensive Träume darstellt.

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