Ist es sinnvoll, Träume zu deuten?

Beim Thema Träumen und Traumdeutung bewegt man sich immer auf sehr dünnem Eis, da es bisher in der Wissenschaft keine allgemein akzeptierte oder empirisch bestätigte Theorie gibt, was hinter dem Phänomen Träumen steckt. Eine mögliche und plausible Theorie besagt, dass es sich bei Träumen um die Interpretation zufälliger elektrischer Entladung im Gehirn handelt. Diese Theorie ist plausibel da sie zum einen auf einem beobachtbaren Fakt basiert, nämlich den Zufallsentladung während des Schlafens, und zum anderen auch schlüssig erklären würde, wieso die Inhalte der Träume so inkohärent, wechselhaft und bizarr sind.

Dass das Gehirn zufälligen Signalen Beudeutung verleihen möchte ist ein altbekanntes Phänomen. Es gibt verschiedene clevere Experimente dazu, mir kommt hier ein Experiment in den Sinn, bei dem Wissenschaftler Versuchspersonen ein Spiel vorgelegt haben, bei welchem diese den Verlauf einer Kurve mit verschiedenen Tasten steuern konnten. Das Ziel war die Kurve nach oben gehen zu lassen und so einen Gewinn zu erzielen. Jedoch wurde den Versuchspersonen nicht gesagt, wie man dies erreichen kann. Die Teilnehmer mussten dies durch Trial-And-Error selbst herausfinden.

Die meisten Versuchspersonen hatten recht bald eine Strategie entwickelt. Eine Kombination an Tasten, oft nach einem ausufernd komplexen Schema, mit der sie die Kurve steuern und den Gewinn abgreifen konnten. Viele Teilnehmer waren sich am Ende des Experiments sicher, das System durchschaut zu haben. In Wirklichkeit lag der Kurve jedoch kein Spiel zugrunde, die zeitliche Entwicklung war komplett durch einen Zufallsgenerator gesteuert. Die Tasteneingaben der Teilnehmer hatten keinen Einfluss auf den Verlauf der Kurve. Das demonstriert sehr schön, wie groß das Verlangen ist, eine Ordnung zu sehen, wo es gar keine Ordnung gibt. Oder, um den Bogen zur Realität zu schlagen, wo die Ordnung so komplex ist, dass sie mit menschlicher Vorstellungskraft nicht verstanden werden kann und somit zufällig erscheint.

Aus evolutionärer Sicht macht dieses Verlangen Sinn. Um in einer Umgebung überleben zu können, müssen die Zusammenhänge in der Umgebung verstanden werden. Das heißt: Ursache und Wirkung kennen lernen oder, wenn trotz aller Mühe keine Ursache identifizierbar ist, zumindest ein System zu finden, nach dem die Wirkungen auftreten. Die ständige Suche nach Zusammenhängen ist also keine bloße und unnütze Begleiterscheinung kognitiver Prozesse, sondern ein zentrales Element des Denkens und Überlebens.

Aber wie ist das bei zufälligen Signalen? Wenn Träume Interpretationen zufälliger Signale sind, macht deren Interpretation überhaupt Sinn? Durchaus. Denn wie ein zufälliges Signal interpretiert wird, ist ein sehr individueller und somit aufschlussreicher Prozess. Zwei Personen werden das gleiche zufällige Signal unterschiedlich deuten, und zwar, wie man vermuten darf, stark geprägt von ihren individuellen Erfahrungen und ihrer Persönlichkeit. Das Signal mag ein bedeutungsloser Primer sein, doch die Bilder, die dabei heraus kommen, haben Aussagekraft über den, der das Signal interpretiert.

Um wieder zurück auf das dünne Eis zu gehen, darf man die Bilder wohl als eine Wechselwirkung zwischen dem Signal und deren Verfügbarkeit sehen. Die Verfügbarkeit erklärt, wieso gewisse Bilder als Kandidaten für kommende Bilder des Traums in Frage kommen während das Signal den Weg von dem einen zum nächsten Bild beeinflussen kann. Hier von Verfügbarkeit zu sprechen macht Sinn, da die Bilder, die man im Traum sieht, vor allem zwei Wurzeln haben: das kürzliche Geschehen im physikalischen Leben und assoziative Verbindungen zwischen Bildern. Nach dem Tiger sieht man die Katze weil man erst kürzlich ein Erlebnis mit einer Katze hatte oder weil im Gehirn prinzipiell eine enge Assoziation zwischen den Bildern “Tiger” und “Katze” besteht. Das einende Prinzip der Abfolge ist hier die Verfügbarkeit des Bildes.

Der assoziative Weg spricht auch für die Universalität von Traumbildern, die von verschiedenen Quellen angeführt wird. Lexika für Traumsymbole erhalten ihre Rechtfertigung dadurch, dass gewisse Assoziationen durch Erfahrungen und Lernen in fast jedem Menschen in derselben Form vorliegen. Solche Lexika sind also im Prinzip nichts anderes, als eine Katalogisierung der gängisten symbolhaften Assoziationen, die Menschen im Verlauf ihres Lebens knüpfen. Da Träume jedoch immer auf der individuellen Ebene interpretiert werden müssen, sollte deren Verwendung mit Maßen geschehen. Nicht immer trägt man diesselben Assoziationen wie die Mehrheit der Menschen und nicht immer ist das verfügbare Bild im Traum eine Assoziation. Das Bild kann auch einem kürzlichen Erlebnis oder intensiv gespürtem Verlangen entnommen sein und in diesem Fall kann das Lexikon irreführen. Für Anfanger können solche Lexika trotzdem eine gute Orientierung bieten, da sie den Fokus konsequent auf die Ebene der Assoziationen lenken.

Glaubt man den obigen Ausführungen, dann besitzen Träume Aussagekraft über den Träumenden und es kann somit Sinn machen, also Nutzen stiften, Träume genauer zu betrachten. Aber offen bleibt die Frage, ob Träume selbst einen Sinn haben. Wieder sehr dünnes Eis, hier eine abschließende Antwort geben zu wollen, aber nichts an dem obigen Prozess deutet darauf hin, dass ein Traum einen übergeordneten Sinn besitzt. Also etwas “mitteilen möchte”. Träume sind ein Blick in die Psyche des Träumenden, sein Befinden, seine Erlebnisse und Verknüpfungen, aber wie es scheint ein Blick ohne eine kohärente Richtung. Der Sinn des Traums als eine Sache wird wohl der bleiben, den man dem Traum im Nachhinein zuordnet. Aber dies kann selbst wieder ein wichtiger Teil des Nutzens sein.

Man kann die Sache also so angehen: nicht den übergeordneten Sinn suchen, die verborgene Nachricht, sondern den Nutzen, der gestiftet werden kann durch die Analyse der verborgenen Prozesse. Was sagt der Traum über das Befinden des Träumenden, Präsens des Erlebten und Assoziationsmuster? Ist ein kürzliches Erlebnis präsenter, als man vermuten würde? Und wieso? Existiert eine ungesunde Assoziation? Woher kommt diese? Und wie lässt sich diese bearbeiten?

Eine persönliche Feststellung, die mir oft bei diesen Fragen geholfen hat und deren Grundlage ich erst viel später gesehen habe, bezieht sich auf die Richtung der Deutung. Das beeinflussende Signal ist zufällig und Assoziationen gehen immer in beide Richtungen. Ist der Tiger mit der Katze assoziiert, dann ist auch die Katze mit dem Tiger assoziiert. Daraus folgt, dass es nicht notwendig ist, den Traum in der Richtung des zeitlichen Verlaufs zu analysieren. Oft erzielt man sogar bessere Resultate, wenn man den Traum “von hinten nach vorne” bearbeitet.

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